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Energiepolitik : Die stille Revolution

Die Energiewelt wird sich grundlegend verändern – nicht nur durch die Möglichkeiten des Fracking Bild: AP

Anscheinend bleibt vorerst alles beim Alten. Fossile Brennstoffe wie Öl und Gas werden noch lange die mit Abstand wichtigsten Energieträger bleiben.Tatsächlich aber rütteln die Schiefergasrevolution und neue Lieferrouten an Gewissheiten der Energiepolitik.

          Der Strom kommt weiter aus der Steckdose, und die Autos werden auf absehbare Zeit mit Benzin fahren. Für die Verbraucher bleibt also vorerst alles beim Alten. Das ist zumindest der Schein. Doch der trügt. Denn weltweit hat eine Energierevolution eingesetzt, die die Energiewelt grundlegend verändern wird, selbst wenn sie eines auf Jahrzehnte festschreibt: Die Schiefergasrevolution, die in Amerika begann und sich nun in anderen Ländern fortsetzt, hat zur Folge, dass fossile Brennstoffe wie Öl und Gas noch lange die mit Abstand wichtigsten Energieträger bleiben werden. Über die Folgen dieser Schiefergasrevolution und des Umbruchs in der globalen Energielandschaft haben auf der zweiten Konferenz über Energiesicherheit in Berlin Politiker und Geschäftsleute kontrovers diskutiert.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das „Fracking“ erschließt bisher ungenutzte Vorkommen und erhöht das Angebot an Energieträgern wesentlich – was sich früher oder später in sinkenden Energiekosten niederschlägt. Nicht allen gefällt das. In Deutschland treibt die Energiewende die Energiepreise nach oben. Deswegen investieren bereits Unternehmen nicht mehr in Deutschland, sondern dort, wo die Energiepreise niedriger sind. Was in Deutschland passiere, sei weltweit ohne Relevanz, sagte provozierend Horst-Tore Land von TouGas Oilfield Solutions; die Musik spiele in Asien. Deutschland müsse aufwachen und Energie verbilligen, warnte Markus Kerber, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Sonst wandere Kapital aus Deutschland ab.

          Ein zweiter Aspekt der Energierevolution ist, dass neue Energielieferanten das Potential haben, die Energiesicherheit Europas deutlich zu erhöhen. Dazu gehören im Falle von konventionellem Öl und Gas in unmittelbarer Nachbarschaft der EU Aserbaidschan und Irakisch-Kurdistan, in Afrika steht Moçambique vor einem Gasboom. Das Fracking bleibt aber nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Australien, China und Argentinien werden die nächsten großen Akteure sein; in Europa verfügt Polen über große Vorkommen.

          Energiepolitik gehört künftig in die Außenpolitik

          Die amerikanischen Zahlen zeigen, in welchem Umfang das Fracking die Wirtschaft verändert. Das Einbeziehen von Schiefergas hat die Gasvorkommen der Vereinigten Staaten in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt; im Jahr 2020 wird die Schiefergasindustrie einen Beitrag von 700 Milliarden Dollar zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt leisten und 1,7 Millionen Arbeitsplätze schaffen, prognostizierte Alexander Weiss von der Beratungsgesellschaft McKinsey.

          Das Land, dem einst vorgeworfen worden war, es führe Krieg um der Energie willen, ist zu einem Exporteur von Gas geworden und wird das bei Erdöl werden. Sollte die amerikanische Regierung bis 2020 sieben Exportlizenzen ausstellen, könne das Land 95 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr ausführen, sagte Carlos Pascual, der Koordinator im amerikanischen Außenministerium für Internationale Energieangelegenheiten. Damit würden die Vereinigten Staaten an Qatar vorbeiziehen, dem bisher größten Lieferanten an verflüssigtem Erdgas LNG. Amerika muss sich dann entscheiden, ob es das Gas dort verkauft, wo die höchsten Preise erzielt werden, also in Asien, oder es Teil der atlantischen Partnerschaft werden lässt.

          Denn in das Hohelied des Marktes mischen sich zunehmend Stimmen, die Energiepolitik in die Außen- und Sicherheitspolitik zu integrieren. Auf der einen Seite könne nicht auf den Markt verzichtet werden, denn er zwinge die Produzenten zu Ehrlichkeit und gebe den Verbrauchern mehr Wahlmöglichkeiten, sagte Pascual. Auf der anderen Seite argumentierte Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Deutschland sei militärisch nicht verwundbar, aber bei Energie und könne sich daher nicht allein auf die Märkte verlassen. Für Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist mit der Ukrainekrise greifbar geworden, dass Energiepolitik in das Kerngeschäft der Außenpolitik gehört. „Energieaußenpolitik ist ein langes Wort, aber es ist ein Wort.“ Letztlich wird Energiepolitik weder auf den Markt verzichten können noch auf eine Politik, die die Rahmenbedingungen setzt.

          China ist erst der Anfang

          Russland liefert heute ein Drittel des europäischen Gasbedarfs. Am Tag, an dem die Konferenz zur Energiesicherheit in Berlin stattfand, warnte der russische Energiefachmann Stanislav Zhizhnin in einer Beilage der „International New York Times“, dass Europa, wenn es „weg vom russischen Gas diversifiziert“, dazu „bedeutende Investitionen“ vornehmen und einen „Zeitraum von 10 bis 20 Jahren“ ansetzen müsse. Die Energiesicherheit Europas wird aber bereits von 2018 an erhöht, wenn Gas aus Aserbaidschan im „Southern Corridor“ durch die Türkei nach Italien und auch nach Bulgarien fließt.

          Offenbar fürchtet sich Russland davor, dass Aserbaidschan das Gas aus dem Kaspischen Becken bündeln und auf den EU-Markt leiten könnte. Als weitere Produzenten, die die Pipeline füllen könnten, bieten sich Irakisch-Kurdistan und Iran an, das nach einer Beilegung des Konflikts um sein Atomprogramm auf den Weltmarkt zurückkehren wird.

          Die Lieferung von turkmenischem Gas nach Aserbaidschan sei wegen des ungeklärten Status des Kaspischen Meers „keine Option“, schrieb Zhizhnin. Russland würde als Anrainer offenbar ein Veto einlegen – zum einen, um die Lieferungen von Wettbewerbern nach Europa möglichst gering zu halten, zum anderen offenbar auch, um eventuell turkmenisches Gas in die russische Gasleitung South Stream einzuspeisen, die durch das Schwarze Meer verläuft und 2016 in Betrieb geht. Denn Russland hat mit China am 21. Mai einen Vertrag zur Lieferung von 38 Milliarden Kubikmeter Gas unterzeichnet, die von 2018 an geliefert werden sollen; die Menge soll langfristig auf 60 Milliarden Kubikmeter steigen.

          Wahrscheinlich wird sibirisches Gas in die neue Gasleitung „Sila Sibiri“ eingespeist, das dann aber nicht mehr für den langen Weg nach Europa zur Verfügung steht. Um „South Stream“ zu füllen, müsste Russland auf turkmenisches Gas zurückgreifen. Für die russische Neuausrichtung nach Asien ist China erst der Anfang, daran lässt Zhizhnin keinen Zweifel. Die globale Energiewirtschaft kommt also kräftig in Bewegung.

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