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Ende des Zweiten Weltkriegs : „Jungs, stellt euch da hin und hißt die Flagge“

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Vergleicht man Chaldejs offiziell gewordenes Foto mit der inoffiziellen Variante, so sind zwei deutliche Veränderungen zu erkennen. Zum einen hat Chaldej durch aufsteigende Rauchwolken die Szene dramatisiert, ein unter russischen Kriegsfotografen beliebtes Verfahren. Die zweite Veränderung besteht in der Retusche einer Armbanduhr. Sie wurde am rechten Handgelenk des Soldaten vorgenommen, der den Kameraden mit der Flagge von unten stützt.

Daß der Soldat zwei Uhren trug, zeigt sich besonders deutlich auf einem anderen Foto aus der Serie (Bildausschnitt). Uhren waren für russische Soldaten ein beliebtes Beutestück; „Uri, Uri“ sollen die ersten Worte gewesen sein, die Deutsche oftmals von den Soldaten der Roten Armee hörten. Auf einem offiziellen Foto war für diese unerwünschte Alltäglichkeit kein Platz.

Ungeschickte Retusche

Auf einem weiteren Bild („Ein Mißgeschick“) des Flaggenmotivs sollte die Dramatisierung offenbar noch gesteigert werden: durch das Einmontieren einer bewegten Fahne. In diesem Fall war der Meister Chaldej jedoch nicht professionell genug. Die Spuren der Montage sind deutlich am Rand der Flagge zu erkennen, die wie ausgefranst erscheint. Dennoch wurde auch diese Version häufig veröffentlicht.

Eine andere ungeschickte Retusche ist auf einer weiteren (hier nicht abgebildeten) Variante des Motivs zu sehen. Auf diesem Bild im Hochformat ist ebenfalls ganz deutlich zu erkennen, daß es zu diesem Zeitpunkt keinen Rauch in der Stadt gab. Und dann die Retusche: Die Uhr des Soldaten am rechten Handgelenk ist durch Einkratzen auf dem Negativ nur dürftig kaschiert.

In einer Filmdokumentation 1997 schilderte Chaldej, wie dieses Malheur zustande kam: „Ich flog nach Moskau zurück und ging sofort in die Redaktion der (sowjetischen Nachrichtenagentur) Tass und entwickelte den Film. Ein Kollege machte mich auf die beiden Armbanduhren aufmerksam. Ich nahm eine Nadel und kratze eine Uhr aus dem Negativ. Das Bild mußte sofort veröffentlicht werden.“

Flaggenhissung inszeniert

Eine kolorierte Version des Bildes von der Flaggenhissung gab es ursprünglich nicht. Die Kolorierung wurde später von Chaldej selbst vorgenommen („In Farbe“). Sie wird selten publiziert. Die russischen Kriegsfotografen hatten kaum Farbbildmaterial zur Verfügung.

Sie mußten an vorderster Front in gefährlichen Momenten und mit technischem Geschick die Negative entwickeln. Dafür wurde meistens der Helm als Gefäß benutzt. Auch das Verschicken unentwickelter Filme, von welchem Ort des Kriegsgeschehens auch immer, war oft nur unter großen Schwierigkeiten möglich.

Doch war Jewgeni Chaldej nicht der einzige Fotograf, der sich an diesem Tag zu dieser Zeit auf dem Reichstag befand. Auch Alexander Grebnew, ein Kollege von Chaldej, war da, und auch er machte Bilder („Der Kollege“). Damit ist auch unter anderem bewiesen, daß es sich bei der Flaggenhissung um eine Inszenierung handelt, an der mindestens zwei Fotografen beteiligt waren.

Eigentliche Erstürmung früher

Daß es sich überhaupt um eine Inszenierung handelt, ist auch eindeutig am Datum erkennbar. Denn die eigentliche Erstürmung des Reichstages erfolgte schon am 30. April. Man wollte unbedingt vor dem 1. Mai, dem Tag der Arbeiterklasse, die rote Fahne auf dem Dach hissen. Da sich die Erstürmung verzögerte und dabei erhebliche Verluste zu beklagen waren, gelang dies erst in der Nacht auf den 1. Mai.

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