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Emscher-Renaturierung : In der Mitte entsteht ein Fluss

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Sogar der Eisvogel kommt zurück

Auch in Essen lässt sich das neue Ruhrgebiet schon bestaunen. Mario Sommerhäuser, der im Vorstand der Genossenschaft als Biologe tätig ist, steht auf der Wienenbuschbrücke im Stadtteil Fulerum. Sommerhäuser hat ein großes Foto mitgebracht, um zu zeigen, wie gnadenlos der Borbecker Mühlenbach noch vor kurzem als Teil des „Köttelbecke“-Systems der Emscher in ein Betonkorsett gezwungen war. Heute sucht sich der vom Abwasser befreite Bach an vielen Stellen seinen Weg wieder allein. „Die Artenvielfalt an Stellen wie hier ist erstaunlich“, sagt Sommerhäuser. Sogar der Eisvogel sei schon wieder gesichtet worden. Eine überraschende Entdeckung machten die Biologen der Emschergenossenschaft 2006 in der Boye, einem Emscher-Zufluss in Bottrop. Im Oberlauf der Boye hatte die Emschergroppe die mehr als 100 Jahre währende „Köttelbecke“-Katastrophe überlebt. Die Fischart gibt es nirgends sonst. Nun will Sommerhäuser die Groppe wieder nach und nach in der gesamten Emscher heimisch machen – als Botschafterin des sauberen Wassers. Auch große Tiere möchte der Biologe zurückholen. Früher gab es im Emscher-Bruch Wildpferde, die auf den Märkten der Region verkauft wurden. Gemeinsam mit Fachleuten des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums überlegt der Biologe, welche Standorte für eine kleine Pferderasse in Frage kommen.

Neue Röhren: Erst jetzt bekommt das Ruhrgebiet eine moderne Kanalisation.

Sommerhäuser ist auf dem Weg zu einem seiner Lieblingsorte des Projekts Emscher-Umbau: die ehemalige Kläranlage in Bottrop-Ebel. Es ist ein verblüffendes Ensemble. Ein Klärbecken hat die Emschergenossenschaft in ein üppig bepflanztes Amphitheater umgestaltet, im zweiten schwimmen Goldfische. Zwischendrin im sogenannten Berne-Park thront wie ein kleines Wasserschlösschen das denkmalgeschützte Maschinenhaus. Koch Johannes Lensing ist das Wagnis eingegangen, in einer ehemaligen Kläranlage moderne deutsche Küche anzubieten.

Fast immer ausgebucht: „dasparkhotel_bernepark“, wo man in ehemaligen Kanalrohren übernachtet

Mit Erfolg: Regelmäßig buchen Brautpaare mittlerweile sein „Restaurant im Maschinenhaus“ für ihre Hochzeitsfeiern. Übernachten kann man im Bernepark auch. Fünf Betonröhren, wie sie für die Abwasser-Autobahn unter dem Ruhrgebiet verwendet werden, hat ein österreichischer Künstler zu originellen Hotelzimmern umgebaut. Die Röhren-Suiten, in denen man sich ein wenig fühlt wie Diogenes in der Tonne, sind beinahe immer belegt. Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass es von der kleinen Berne nebenan vor allem an heißen Tagen doch recht streng nach faulen Eiern herüberstinkt. „Ich freue mich schon, wenn auch hier die Köttelbecke-Zeit endlich vorbei ist“, sagt Lensing.

Ganz vorübergehen soll sie dann aber doch nicht. Damit sich künftige Generationen wenigstens ein ungefähres Bild von der „Köttelbecke“-Zeit im Ruhrgebiet machen können, wird es in Bottrop ein kleines Kloaken-Denkmal geben. Unweit vom Berne-Park soll die Berne auf 150 Metern ihr Korsett aus Betonsohlschalen behalten, bevor sie in die Emscher plätschert. Nur den Gestank werde man natürlich nicht konservieren können, sagt Lensing. „Was ein Glück.“

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