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Emscher-Renaturierung : In der Mitte entsteht ein Fluss

  • -Aktualisiert am
Einstieg in die bis in 40 Meter Tiefe liegende neue Abwasserkanalisation in Gelsenkirchen

„Der Emscher-Umbau ist eines der symbolträchtigsten Projekte im Rahmen des Strukturwandels dieser Region“, sagt Stemplewski. Das klingt ein wenig verwegen. Denn im Kern geht es doch um eigentlich Selbstverständliches: die größte zusammenhängende europäische Industrieregion endlich mit einer zeitgemäßen Kanalisation auszustatten. Doch der Umbau verändert das Revier: Auf einer Länge von 350 Kilometern wird sich eine neue Flusslandschaft erstrecken, die Großstädte wie Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Essen, Duisburg und Oberhausen verbindet. „Aus dem Hinterhof des Reviers wird sein Vorgarten“, formuliert Stemplewski.

Sogar Wein wird wieder angebaut

Das spektakulärste Beispiel für den Wandel ist bisher der Phoenix-See im Dortmunder Stadtteil Hörde. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war das damals verschlafene Nest im Emschertal mit einem Schlag ins Zentrum der industriellen Revolution geraten, als der Unternehmer Hermann Diedrich Piepenstock auf einer Wiese neben der alten Hörder Burg sein Stahl- und Eisenwerk Hermannshütte gründete. In Hörde begann Dortmunds stählernes Zeitalter. So stürmisch entwickelte sich die später unter dem Namen „Phoenix“ firmierende Hütte, dass sie kurz vor dem Ersten Weltkrieg Rang vier der größten deutschen Unternehmen belegte.

Ingenieurskunst: Der neue Kanal wird das Abwasser tief unter dem Ruhrgebiet ableiten.

Als nach jahrzehntelangen Krisen im April 2001 die Stahlzeit in Dortmund zu Ende ging, nutzte die Stadt den heftigen Strukturbruch für einen beherzten Neubeginn. Auf dem westlichen Teil des Phoenix-Geländes siedelten sich Hightech-Unternehmen an, Phoenix-Ost ließ die Stadt Dortmund zu einem See umbauen, den manche mit der Hamburger Binnenalster vergleichen. Mittlerweile sind am neumodellierten Ufer viele Einfamilienhäuser und Villen entstanden, die Straßen heißen Seehöhe, Seehang oder Seeblick. Seit 2010 sind in Dortmund die Emscher und ihre Nebenflüsse wieder abwasserfrei. Um den mit Grund- und Frischwasser gefluteten Phoenix-See macht die Emscher trotzdem unter normalen Umständen einen eleganten Bogen. Nur bei Starkregen dient der See als eines von vielen neuen Rückhaltebecken entlang des Flusses. Mit dem Emscher-Umbau soll auch der Hochwasserschutz im Revier verbessert werden.

Statt Korsett freier Lauf: Der Borbecker Mühlenbach mitten in Essen

Vor wenigen Jahren noch galt Hörde als das „Bitterfeld des Westens“, weil sich alle 20 Minuten der Himmel über Phoenix verdüsterte, wenn eine neue Charge Stahl erblasen wurde. Heute wird an den Hängen des Emschertals wie einst im Mittelalter sogar wieder Wein angebaut: 99 Rebstöcke hat die Emschergenossenschaft gepflanzt. Vor zwei Jahren durften Hörder Schulkinder die ersten Trauben der Sorte „Phoenix“ pflücken.

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