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Emscher-Renaturierung : In der Mitte entsteht ein Fluss

  • -Aktualisiert am

Zur offenen Kloake degradiert

Zunächst versuchten einige Städte, die leidige Sache auf eigene Faust in den Griff zu bekommen. Das musste scheitern. Das „Emscher-Problem“ war einfach zu groß für Kirchturm-Politiker. Auf Geheiß Preußens schlossen sich schließlich im Dezember 1899 Bergbau, Industrie und Anliegerkommunen in Bochum zur Emschergenossenschaft zusammen. Sie war nicht nur der erste deutsche Wasserwirtschaftsverband, sondern auch die erste administrative Klammer des so verwirrend vielgestaltigen, ungebremst wuchernden Ruhrgebiets. Die Genossenschaft begradigte den Fluss, legte ihn bis zu drei Meter tiefer und befestigte ihn mit Betonsohlschalen. Es war eine technische und hygienepraktische Großtat. Zugleich war der Umbau ein Eingriff von ungeheuerlicher Brutalität. Die alte Emscher gab es nun nicht mehr. Man hatte sie dem Bergbau geopfert, sie zum Werkzeug der Industrialisierung, zur offenen Kloake degradiert. „Köttelbecke“ (Kotbach) nannten die Leute die Emscher und ihre vielen einstmals so schönen Nebenläufe wie die Berne, die Boye oder Läppkes Mühlenbach.

Eine andere Lösung als eine oberirdische Kloake kam nicht in Frage. Denn die fortwährenden Bergsenkungen legten immer wieder ganze Städte tiefer. Unweigerlich wären unterirdische Abwasserkanäle dabei dutzendfach zerborsten. So erhöhte man die Dämme der Emscher mehrmals. Auch die Mündung der größten Kloake Europas, längst so etwas wie der künstliche Darmausgang des Ruhrgebiets, musste wegen der Senkungen zweimal nach Norden verlegt werden. Sonst wäre die Brühe nicht weiter in den Rhein abgeflossen. „Auch wenn der offene Abwasserkanal direkt hinterm Haus verlief und fürchterlich stank, akzeptierten die Leute das als Preis für die florierende Industrie“, sagt der Vorstandsvorsitzende der öffentlich-rechtlichen Emschergenossenschaft, Jochen Stemplewski. Und doch litt man im Ruhrgebiet immer an seiner „schwarzen Emscher“.

Der zweite Umbau der Emscher wurde erst durch die Nordwanderung des Steinkohlebergbaus und das Ende der Bergsenkungen möglich. Anfang der neunziger Jahre begann die Emschergenossenschaft mit ihrer zweiten technischen Großtat. Seit 25 Jahren baut sie an einem grünen Wunder. In einem ersten, abgeschlossenen Schritt investierte die Genossenschaft rund 500 Millionen Euro in den Bau oder die Modernisierung von vier Großklärwerken in Dortmund-Deusen, Bottrop, Duisburg und an der Emschermündung. Im zweiten Schritt bekommt jedes Gewässer bis zum Jahr 2020 ein unterirdisches Pendant: Rund 290 von insgesamt 400 Kanalkilometern sind schon verlegt.

Emscherzufluss Berne bei Essen

Der zweite Emscher-Umbau wird rund 4,5 Milliarden Euro kosten – weniger als für den noch immer nicht fertigen Hauptstadtflughafen mittlerweile veranschlagt wird. Und anders als in Berlin ist man im Ruhrgebiet auch nach beinahe drei Jahrzehnten des Planens und Bauens im Kosten- und Zeitplan. Man habe das durch eine ehrliche und präzise Kalkulation erreicht, erfolgreich gegen Kostensteigerungen wie etwa drei Mehrwertsteuererhöhungen angearbeitet und vorausschauend auch Unwägbarkeiten mit einfließen lassen, sagt Stemplewski. „Im Projektbudget waren von Beginn an zehn Prozent des Kostenrahmens für Risiken und absehbare Entwicklungen eingeplant.“ Der Vorstandsvorsitzende der Emschergenossenschaft findet, dass das bei Projekten mit langen Planungs- und Bauzeiten grundsätzlich geschehen sollte. „Deutschland kann auch Großprojekte – dafür muss man nur ins Emschertal blicken“, sagt Stemplewski selbstbewusst. Finanziert wird das Projekt Emscher-Umbau überwiegend aus den Abwassergebühren der 150 Gemeinden und Unternehmen am Flusslauf, nur ein Fünftel stammt vom Land Nordrhein-Westfalen und der EU.

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