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Eklat für Gruner + Jahr : Jacob Appelbaum will Nannen-Preis einschmelzen

Einer der vielen „Henris“, die für besondere journalistische Leistungen vergeben werden Bild: dpa

Jacob Appelbaum gewann gemeinsam mit Redakteuren des „Spiegel“ den Henri-Nannen-Preis. Nun will er die Trophäe, die den „Stern“-Gründer darstellt, einschmelzen – wegen der Vergangenheit Henri Nannens in der NS-Zeit.

          Der Bürgerrechtsaktivist  Jacob Appelbaum hat in diesem Jahr den Henri Nannen Preis bekommen. Er will ihn behalten. Die Skulptur des Preises, die den Namensgeber darstellt, will er aber einschmelzen – wegen der Vergangenheit Henri Nannens in der NS-Zeit.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Ich weise das Votum der Jury nicht zurück. Aber ich lehne es ab, den Namen zu tragen und den Kopf eines Mannes zu präsentieren, der Propaganda für die Nazis gemacht hat“, sagte Appelbaum in einer Rede, die er am Freitagabend im Theater der Welt in Mannheim hielt und aus welcher das NDR-Magazin „Zapp“ vorab Auszüge veröffentlicht.

          Jacob Appelbaum spricht Anfang Mai auf der Internetkonferenz Republica

          Er habe seine Bedenken, so Appelbaum in der von „Zapp“ dokumentierten Rede, schon am Abend der Preisverleihung vor einer Woche in Hamburg äußern wollen. Doch sei er angesichts des feierlichen Rahmens davor zurückgeschreckt.  Die Preisverleihung habe „in der Kulisse eines Zirkus“ stattgefunden. „Nannens Name erstrahlte in großen Lettern im Saal. Als ich zusammen mit meinen Koautoren im Smoking die Bühne betrat, überkam mich das Gefühl, dass das Verlesen meines vorbereiteten Statements eine Beleidigung wäre, und dass ich besser schweigen sollte. Ich spürte den sozialen Druck des Konformismus. Ich hatte gedacht, dass ich nicht im Schweigen gefangen sein würde, doch ich hatte mich getäuscht. In diesem Zirkus spielte auch ich meine Rolle. Ich griff nicht nach dem Mikrofon. Ich schäme mich dafür, aber ich brachte auf der Bühne kein Wort hervor. Ich spürte, dass ich eine begehrte Auszeichnung erhalten hatte, und gleichzeitig ein Stück von mir dabei verlor. Ich nahm die schwere Metallbüste – Henri Nannens Kopf – mit, und unser Siegerteam feierte, wie man einen solchen Sieg eben feiert.“

          Nach dem Krieg, so Appelbaum in seiner Rede weiter, sei Henri Nannen an dem Versuch beteiligt gewesen, „der Öffentlichkeit die Hitler-Tagebücher als echt zu präsentieren“. Er sei somit „für den Versuch, einen der größten faschistischen Massenmörder der Geschichte als unschuldig darzustellen, mitverantwortlich.“ Er sei stolz darauf, sagte Jacob Appelbaum, „dass meine Arbeit von vielen großen deutschen Journalisten gewürdigt wird. Gleichzeitig jedoch schäme ich mich dafür, eine Auszeichnung anzunehmen, die den Namen Henri Nannens trägt.“ Mit der Hilfe eines Metallarbeiters in Berlin werde er den Nannen-Kopf nun einschmelzen und zu einem anderen Antlitz formen. Der Kopf werde dann „die wichtigste Figur des investigativen Journalismus darstellen: die anonyme Quelle“.

          Appelbaum (vierter von links) auf der Verleihung des Henri-Nannen-Preises am 16. Mai

          Den Nannen-Preis vergibt der Verlag Gruner + Jahr gemeinsam mit dem Magazin „Stern“. Appelbaum, der in Berlin lebt, hatte den Preis gemeinsam mit Redakteuren des „Spiegel“ in der Kategorie „Investigation“ für die Enthüllung erhalten, dass der amerikanische Geheimdienst NSA auch das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hatte. Appelbaum hatte auch schon zuvor, etwa im „Guardian“, über die Abhör-Aktivitäten der NSA berichtet.

          Henri Nannen, nach dem der Preis des Verlags Gruner + Jahr benannt ist, war Herausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Stern“. Er hatte sie 1948 ins Leben gerufen, drei Jahre später verkaufte er das Blatt an den Druckereiinhaber Richard Gruner und den „Zeit“-Verlag.  Von 1949 bis 1980 fungierte er als Chefredakteur, bis 1983 als Herausgeber. Während des Zweiten Weltkriegs war Nannen Kriegsberichterstatter und Mitglied einer Propagandakompanie. Henri Nannen starb am 13. Oktober 1996 im Alter von 82 Jahren.

          Thomas Osterkorn, Herausgeber des „Stern“, Mitglied der Jury und Miterfinder des 2004 ins Leben gerufenen Henri-Nannen-Preises, sagte zu Jacob Appelbaums Aktion auf Anfrage von FAZ.NET: „Wir respektieren es natürlich, wenn er den Preis wieder von sich weist. Aber es war immer bekannt und ist oft beschrieben worden, dass Henri Nannen, wie viele andere deutsche Journalisten seiner Zeit auch, als junger Mann Soldat im Zweiten Weltkrieg war. Er war Mitglied einer Kriegsberichterstatter-Kompanie der Luftwaffe. Daraus hat er selbst nie ein Hehl gemacht und er hat bedauert, was er damals geschrieben hat. Henri Nannen hat in seiner Zeit als ,Stern`-Chefredakteur viel dafür getan, dass die Nazi-Zeit  aufgearbeitet wurde. Er war einer der bekanntesten Unterstützer der Friedens- und Aussöhnungspolitik Willy Brandts mit dem Osten. Der ,Stern‘  ist unter Henri Nannens Führung immer gegen Rechtsradikalismus eingetreten. Trotzdem war auch Henri Nannen klar, dass er die Vergangenheit nicht ungeschehen machen konnte. Er stand zu ihr und hat sich damit auch öffentlich auseinander gesetzt.“

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