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EKD-Vorsitzender Schneider tritt zurück : Das Dennoch-Vertrauen

Innig: Nikolaus Schneider mit seiner Frau Anne Bild: picture alliance / dpa

Wie die Eheleute Schneider ihr Schicksal meisterten, verdient Respekt. Nun hat der Ratsvorsitzende der EKD seinen Rückzug angekündigt - weil seine Frau an Krebs erkrankt ist.

          Die Mitteilung, die am Montag gegen 10.40 Uhr das Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover verlässt, ist die mit Abstand unerfreulichste seiner Amtszeit: „Nikolaus Schneider kündigt Rückzug vom Amt als EKD-Ratsvorsitzender an“, lautet die Überschrift. In drei Sätzen lässt Schneider sich zitieren: „Die Begleitung meiner an Krebs erkrankten Frau macht diesen Schritt unerlässlich. Unserem gemeinsamen Weg will ich alle Zeit widmen. Dieser Wunsch ist mit meinen EKD-Ämtern nicht zu vereinbaren.“

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Mitteilung zeugt von den Charakterzügen Schneiders. Nicht Knall auf Fall schmeißt er hin, nachdem das Ehepaar vor wenigen Tagen die niederschmetternde Diagnose erfuhrt. Erst zum 10. November tritt er zurück. Dann trifft sich in Dresden die EKD-Synode zu ihrer jährlichen Tagung und kann sogleich seinen Nachfolger bestimmen. Und doch setzt Schneider die Priorität klar: Der Dienst hat in dieser Situation zurückzutreten. Seine Frau, mit der er seit 44 Jahren verheiratet ist, hat Vorrang. Unterhalb dieser klaren Priorität dürfen bei Schneider dann auch wieder Kompromisse gemacht werden. So macht er zumindest einige Wochen noch weiter, um seinen Rückzug auch für die Kirche handhabbar zu machen.

          Das Amt, von dem Schneider sich zurückzieht, hat seine Ehefrau einmal treffend ein „berufsähnliches Ehrenamt“ genannt. Denn der 66 Jahre alte Schneider war zuletzt formal schon im Ruhestand. Sein Hauptamt als Präses der Rheinischen Landeskirche hat er 2013 aus Altersgründen abgeben müssen. Die Gewohnheitsregel, dass der EKD-Ratsvorsitzende auch Leitender Geistlicher einer Landeskirche sein sollte, ist seitdem durchbrochen. Schon dass Schneider überhaupt Ratsvorsitzender geworden ist, lag außerhalb der Norm. Die Synodalen hatten Schneider 2009 mit einem klaren Mandat für den stellvertretenden Ratsvorsitz ausgestattet. An der Spitze aber sollte die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann stehen. Erst infolge des Rücktritts Käßmanns von allen Ämtern im Februar 2010 rückte Schneider an die Spitze. Damals traf der Rat der EKD die Entscheidung, mit Schneider die gesamte Legislaturperiode bis Ende 2015 zu bestreiten.

          Bis zu diesem Zeitpunkt wirkte Schneider eher im Hintergrund. Nun trat er viel stärker an die Öffentlichkeit als zuvor – und mit ihm seine Ehefrau, selbstbewusst an seiner Seite. Noch stärker als ihr Ehemann entspricht die 65 Jahre alte Anne Schneider dem Typus des lebensfrohen, kontaktfreudigen Rheinländers, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sein Heil in offensiver Herzlichkeit sucht.

          Integrität nie in Zweifel gezogen

          Die Fragen, mit denen sich ihr Ehemann konfrontiert sieht, lassen auch Anne Schneider nicht unberührt. Seit den Zeiten des Studiums, als sich der junge Theologe aus dem unkirchlichen Arbeiterhaushalt und die aus einer sehr kirchlichen Familie stammende angehende Lehrerin für Mathematik und Religion kennenlernten, tauschen sie sich über Fragen des Glaubens aus. Dabei, so erzählen beide, habe es gewisse Entwicklungen gegeben. Bei ihm, dem Sohn eines roten Hochofenmeisters, seien mit der Zeit die Formen der Frömmigkeit wichtiger und die politischen Positionen abgewogener geworden. Bei ihr sei es eher umgekehrt gewesen. Die Erörterung religiös-kirchlich-politischer Fragen beginnt bei den Schneiders schon am Frühstückstisch. Dort lesen beide die Herrnhuter Losung für den Tag. Er versucht sich des Öfteren an dem etwas dickeren und in etwas dunklerem Blau gehaltenen Bändchen mit dem Urtext, um sein Altgriechisch und Hebräisch frisch zu halten. Und sie liest die Tageslosung gerne noch einmal in der „Bibel in gerechter Sprache“ nach, auf die er wiederum keine so großen Stücke hält.

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