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EKD-Vorsitzende Kurschus : Was liegt jenseits von Eden?

  • -Aktualisiert am

Spezialoperation: Zerstörtes Kruzifix a, 10. Mai 2022 vor der St.-Nikolaus-Kirche in Popasnaya, Region Luhansk. Bild: Imago

Androhung und Ausübung von Gewalt sind aus Sicht des christlichen Glaubens nicht illegitim. Aber sie sind strikt an die Aufgabe gebunden, für Recht und Frieden zu sorgen. Ein Gastbeitrag.

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          „Ach, Gott, wolltest du doch den Frevler töten! Dass doch die Blutgierigen von mir wichen!“: So bricht es voller Wut und Verzweiflung aus dem Menschen heraus, der in Psalm 139 betet. Zuvor hat dieser Mensch mit anrührenden Worten über den Schutz und die Treue Gottes gestaunt: „Von allen Seiten umgibst du mich!“ Der Wutausbruch mit seinen Rachegedanken wird in christlichen Gesang- und Gebetbüchern meist weggelassen. Darf so etwas sein – mitten im Gebet? Befremdlich eng treten hier Gott und Gewalt in Beziehung, erschreckend nah und brenzlig. Gott sollte doch lieber als der große Unparteiische über den Dingen schweben. Indes, man muss es sich leisten können, den strafenden Gott und den eigenen Hass und die eigenen Vergeltungswünsche gegenüber anderen auf Distanz zu halten. Dies geht umso leichter, je weiter und sicherer man selbst von brutalem Unrecht und blanker Gewalt entfernt ist.

          Zum Realitätssinn der Bibel gehört es, Gewalt und Unrecht offen und nüchtern in den Blick zu nehmen und die eigene Empörung über diejenigen, die sie verüben, ungeniert zur Sprache zu bringen. Doch das ist nur die eine Seite der biblischen Botschaft. Denn zu ihr und zu der Friedenskraft des Glaubens gehört auch die Gewissheit, den eigenen Aggressionen und den rachedurstigen Gedankenkreisläufen nicht gänzlich ausgeliefert zu sein. Das biblische Gebet endet mit einem hoffnungsvollen Perspektivwechsel: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.“

          Dr. h. c. Annette Kurschus ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und seit November 2021 zugleich Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
          Dr. h. c. Annette Kurschus ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und seit November 2021 zugleich Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. : Bild: dpa

          Indem der betende Mensch sich an Gott wendet, distanziert er sich von seinen Affekten. Der unmittelbare Impuls zur Vergeltung verwandelt sich in das, was von Christinnen und Christen in kontroversen Situationen gefordert ist: die ethische Reflexion, aus der verantwortliches Handeln entspringt. Solche Reflexion ist auch im Blick auf den Krieg in der Ukraine gefragt. Der russische Angriff hat Gewalt entfesselt und tut dies täglich neu. Die Bilder, die uns erreichen, rufen stumme Verzweiflung hervor und gerechten Zorn. Was da geschieht, fordert akut zum Handeln auf – und nicht weniger unmittelbar zum besonnenen Nach- und Weiterdenken.

          „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“

          Dieser Krieg hat das sicherheitspolitische und friedensethische Denken in Deutschland verändert. Er nötigt uns zu fragen, ob und wie einem Aggressor Einhalt zu gebieten ist, der das Recht mit Füßen tritt, sowohl die internationale Ordnung als auch die Rechte der Einzelnen. Die Berichte über die russischen Kriegsverbrechen sind erschütternd. Zum Entsetzen darüber tritt die Sorge, dass dieser Krieg, der trotz aller weltweiten Erschütterungen bislang ein regionaler Krieg ist, in eine weltweite Auseinandersetzung münden könnte, womöglich unter Einbeziehung nuklearer Waffen.

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