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Eizellenspende : Wer denkt an die Kinder?

Eine Liberalisierung der Eizellenspende gäbe dem Machbarkeitswahn noch weiteren Auftrieb. Das Signal wäre: Die Überlistung der Natur ist gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern erwünscht.

          Die Vorstellung, menschliches Leben könne in einer Petrischale gezeugt werden, war Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine Utopie. Das Kind aus der Retorte erschien so realistisch wie ein Gespräch mit einem Telefonhörer aus der Manteltasche, das Erich Kästner in seinem „35. Mai“ beschreibt. Im Juli 1978 kam Louise Brown auf die Welt, das erste durch In-vitro-Fertilisation gezeugte Kind. Reporter verkleideten sich als Handwerker, Pfleger oder Priester, um im Krankenhaus in Bristol einen Blick auf das Neugeborene zu erhaschen. Die Skepsis war groß. Von „Manipulation in der frühesten Phase menschlicher Existenz“ war die Rede, von Ausbeutung der Frauen und der Beschädigung der Familie als Institution.

          Inzwischen werden pro Jahr mehr als 12.000 künstlich gezeugte Kinder in Deutschland geboren. Die technischen Möglichkeiten scheinen schier unbegrenzt. Eine 65 Jahre alte Frau kann schwanger werden, und zwar mit Vierlingen. Auch homosexuelle Paare reklamieren ein „Recht auf ein Kind“. Die „Zutaten“ dafür lassen sich besorgen. Ersatz für den männlichen Erzeuger gibt es in zahlreichen Samenbanken. Für den Erwerb einer Eizelle muss man nur über die Grenze fahren, nach Frankreich, in die Niederlande, nach Belgien oder in 13 andere europäische Länder. Im Internet gibt es ein reiches Angebot an Information. Der Fortpflanzungstourismus beschert Deutschland jedes Jahr mehrere hundert Kinder. Dass auf das Einpflanzen einer fremden Eizelle hierzulande bis zu drei Jahre Haft stehen, weiß kaum jemand, es kümmert auch niemanden mehr.

          Wenn ein Gesetz ständig unterlaufen wird, muss die Politik reagieren. Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Der Gesetzgeber kann die Sanktionen verschärfen, um den Gesetzesverstoß einzudämmen. Oder er kann sich der Faktizität beugen und die rechtswidrige Praxis legalisieren. Deutsche Reproduktionsmediziner fordern für die Eizellenspende schon lange den zweiten Weg. Fürsprecher einer Liberalisierung gibt es auch im Ethikrat, der sich nun mit dem Thema befasst.

          Altruistische Motive? Das ist Schönrednerei

          Eine Lockerung des Verbots hätte einen hohen Preis. Das Signal wäre: Die Überlistung der Natur ist gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern erwünscht. Bestärkt würden jene, die ohne Selbstdistanz um jeden Preis ein Kind wollen und meinen, dass notfalls andere dafür herhalten müssen. Was viele dabei nicht wahrhaben wollen: Damit ihr Traum vom Kind wahr wird, bringen sie andere Menschen in Gefahr.

          „Geschenk des Lebens“ ist die Losung, mit der Reproduktionskliniken für den Verkauf von Eizellen (für mehrere tausend Euro) werben. Der Begriff der „Spende“ suggeriert, dass Frauen einfach ein paar Zellen abgeben, die sie zu viel haben. Das ist zynisch. In Wirklichkeit ist die Entnahme der Eizellen ein risikoreicher Eingriff. Die Frauen müssen Hormone schlucken, die Gefahren sind Nierenversagen und Thrombose. Die Eizellen werden dann unter Vollnarkose entnommen. Junge Frauen werden biologisch Mütter, ohne jemals Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Hier von altruistischen Motiven zu sprechen ist Schönrednerei zur Beruhigung des Gewissens. Es ist die wirtschaftliche Not, die viele solcher Frauen treibt. Nicht zufällig kommen viele der „Spenderinnen“ aus den krisengeschüttelten süd- und osteuropäischen Staaten mit hoher Jugendarbeitslosigkeit. Die Bezahlung zu verbieten, ist auch keine Lösung. Dann nämlich droht emotionale Erpressung im Familien- und Freundeskreis. Wer sich dann bereit erklärt, muss ein Kind aufwachsen sehen, das genetisch das eigene ist, aber nicht als das eigene angesehen werden darf.

          Auch die Frauen, die sich fremde Eizellen einsetzen lassen, gehen ein hohes Risiko ein. Häufig treten Komplikationen wie Schwangerschaftsvergiftung auf, die auf die Reaktion des Körpers auf den nicht genetisch verwandten Embryo zurückgeführt wird. Die Gefahren werden heruntergespielt, auch von den davon bedrohten Frauen. Zu groß ist die Hoffnung, mit Hilfe der fremden Eizelle die eigene Unfruchtbarkeit zu besiegen, die auch heute noch als Makel empfunden wird und Schuldgefühle auslöst.

          Und wer denkt eigentlich an die Kinder? Die Vierlinge von Annegret Raunigk, der 65 Jahre alten Lehrerin aus Berlin, kamen fast vier Monate zu früh auf die Welt. Zwischen 655 und 960 Gramm wogen sie bei der Geburt und liegen auf der Intensivstation. Die Gefahr schwerer Behinderungen ist groß, wenn sie denn überleben. Häufiger noch sind die seelischen Strapazen für die Kinder. Wie traumatisierend es sein kann, festzustellen, dass die Eltern in Wahrheit gar nicht die Eltern sind, davon können die durch Samenspende gezeugten Kinder berichten. Viele „Spenderkinder“ kämpfen damit, dass sie ihre biologischen Väter nicht kennen und wohl auch nie kennenlernen werden. Die Suche nach der eigenen Identität ist mit Schmerzen verbunden. Auch das verdrängen Paare, die sich ihren Kinderwunsch auf diese Weise erfüllen wollen.

          Die Verbote in der Reproduktionsmedizin sind so altmodisch wie ein mahnender Zeigefinger und mittlerweile ebenso zahnlos. Und trotzdem sind sie wichtig, denn sie erinnern uns noch ab und zu an die hässlichen Seiten des Machbarkeitswahns.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

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