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Eisfreie Schiffspassage : Am Nordpol, denkt man, ist es kalt

Hier noch in Takt: Die Eisdecke auf dem Arktischen Ozean am Nordpol im Jahr 2015. Bild: dpa

Das Eis am Nordpol schmilzt und gibt damit den Weg für Schiffe frei. Der erste dänische Schwerfrachter durchquert in diesen Tagen die Arktis. Das wird die Welt verändern.

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          Ein dänisches Containerschiff durchquert in diesen Tagen die Arktis. Das ist bemerkenswert. Denn noch nie hat ein so schwerer Frachter die Route passiert, und erst zum dritten Mal wagt sie ein Frachtschiff überhaupt. Obwohl die Menschen sich in den letzten Jahrhunderten alle nur denkbaren Wege um den Globus erschlossen, Eisenbahnen und Flugzeuge bauten – das nördliche Eismeer blieb lange undurchdringlich: ein halbes Jahr Dunkelheit, minus dreißig Grad, meterdickes Packeis und an der Küste weit und breit keine Menschenseele. Kein Durchkommen.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schiffe aus Europa fuhren deshalb immer durch den Suezkanal und um Indien herum nach Asien. Das dänische Containerschiff „Venta Maersk“ nimmt nun aber den direkten Weg von Asien nach Europa. Geladen hat es elektronische Geräte und Fisch. Start war in Wladiwostok, dem östlichsten Russlandzipfel an der Grenze zu China. Am 23. August legte der Frachter dort ab und fuhr – nach kurzem Lade-Stopp in Südkorea – schnurstracks nach Norden, vorbei an Alaska, an der russischen Küste entlang und um Skandinavien herum. Der nächste Halt ist Bremerhaven, in der kommenden Woche erreicht das Schiff sein Ziel: Sankt Petersburg.

          Schon seit Jahrhunderten haben europäische Seefahrer das versucht. Der Adel wollte Seide, Parfum und Muskat, aber der Seeweg in den Fernen Osten war weit und gefährlich. Da es auch den Suezkanal noch nicht gab, mussten die Händler um ganz Afrika herumfahren. Dass die Erde rund war, wussten sie im 16. Jahrhundert. Und folgerten, dann müsste es doch auch einen Weg durch das Meer im Norden geben. Drei Mal probierte es der holländische Entdecker Willem Barents. Beim ersten Mal blieb er nicht weit von Skandinavien im Eis stecken, beim zweiten Mal verschlangen Eisbären die Hälfte der Mannschaft, und beim dritten Mal schaffte Barents es bis zum Nordkap der russischen Insel Nowaja Semlja, musste dann aber das eingefrorene Schiff zurücklassen. Er starb jämmerlich im arktischen Winter.

          Der Klimawandel macht heute möglich, was Jahrhunderte lang unmöglich schien. Weil sich die Arktis in rasantem Tempo erwärmt, schmilzt immer mehr von der Eisdecke weg. Jüngere Zeitgenossen werden mit großer Wahrscheinlichkeit noch Zeugen eines vollkommen eisfreien Nordpols.

          Für die Menschen und Tiere, die in der Arktis leben, ist das schlimm. In Moskau, Peking und Oslo hingegen werden hoffnungsvoll Pläne geschmiedet. Handel über die Nordroute würde Zeit und Kosten sparen. Der übliche Weg von Rotterdam durch den Suezkanal nach Tokio ist 21.000 Kilometer lang, der durch die Nordostpassage dagegen nur 14.000. Hinzu kommt, dass gigantische Mengen an Öl und Erdgas nördlich des Polarkreises lagern. An diese Schätze kommt man nun heran.

          Neues Kapitel in der Geschichte kommerzieller Schifffahrt

          Der russische Präsident Putin hat gerade von einem „neuen Kapitel in der Geschichte kommerzieller Schifffahrt“ gesprochen und interessierte Partner dazu eingeladen, die neue Route auszubauen. In Moskau sieht man schon, wie sich trostlose Küstendörfer zu glitzernden Häfen mausern, Öl, Gas, Gold und Diamanten von Sibirien um den Globus geschickt werden und europäische Bittsteller Schlange stehen. Allerdings brauchte Russland dazu erst einmal technologische und finanzielle Unterstützung aus dem Westen.

          Oder von China. Das hat sich schon vor einigen Jahren „polare Großmacht“ genannt, obwohl Peking so weit vom Nordpol entfernt liegt wie Madrid. Trotzdem meldet China Besitzansprüche an: Die „Neue Seidenstraße“ soll auch über den Nordpol führen. Schließlich sei China eine „fast arktische Nation“. Einen Frachter haben die Chinesen schon selbst durch die Nordostpassage geschickt, und auch ein chinesischer „Schneedrachen“ ist in der Arktis unterwegs – klingt kriegerisch, ist aber nur ein Forschungsschiff.

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