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Einigung zwischen Nord- und Südkorea : Pragmatismus

  • -Aktualisiert am

Bald wieder geöffnet: der Industriekomplex Kaesong Bild: REUTERS

Mit der Wiedereröffnung des Industriekomplexes Kaesong will Nordkorea versuchen, seine politische Abhängigkeit nicht zu groß werden zu lassen. Eine pragmatische Lösung lag also nahe. Sie wäre für alle Beteiligten ein Gewinn.

          Interessenpolitik kann sehr zweifelhafte Ergebnisse hervorbringen. Wie viel man durch kühle Abwägung von Interessen aber erreichen kann, haben die beiden Koreas am Wochenende zumindest angedeutet. Wenn - was man freilich auf der Halbinsel niemals ausschließen kann - nichts mehr dazwischenkommt, wird der gemeinsame Industriekomplex in Kaesong bald wieder eröffnet. Die Initiative zu Verhandlungen über dieses Thema ging diesmal vom Norden aus, was man als indirektes Eingeständnis sehen kann, dass sich Pjöngjang vor drei Monaten ins eigene Fleisch geschnitten hatte, als es den Industriekomplex schloss.

          Die dort erwirtschafteten Devisen sind für das abgewirtschaftete Land von großer Bedeutung. Weil dieses Geld fehlte, hat sich - statistisch - die Abhängigkeit Nordkoreas von China ins Unermessliche gesteigert. Dass sich diese nicht zwangsläufig in politische Abhängigkeit übersetzt, weil Peking unter keinen Umständen die Existenz des Regimes in Pjöngjang aufs Spiel setzen will, ändert an dem für die nordkoreanischen Führer unangenehmen Gesamtzustand wenig.

          Atmosphärische Änderungen

          Erschwerend für den Norden kommt hinzu, dass sich durch den Wechsel im Präsidentenamt in Südkorea zumindest atmosphärisch einiges in der Region geändert hat. Präsidentin Park Geun-hye war vor kurzem in China. Dort wurde sie mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Ihr kann der Norden nicht so leicht das Etikett des „kalten Kriegers“ anhängen, das Parks Vorgänger Lee Myung-bak während seiner Amtszeit fast stolz vor sich hertrug. Wenn China und Südkorea Gemeinsamkeiten entdecken und pflegen, weckt das im Norden Befürchtungen. Unvergessen ist in Pjöngjang der „Verrat“ Pekings aus dem Jahre 1992, als es diplomatische Beziehungen mit Südkorea aufnahm.

          Schließlich ist auch für Südkorea der Industriekomplex Kaesong von Bedeutung, nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Wiedervereinigung des Landes. Südkoreanische Unternehmen haben hier eine Menge investiert. Die in den vergangenen drei Monaten aufgelaufenen Verluste für die Investoren sollen mehr als 900 Millionen Dollar betragen. Außerdem droht die Regenzeit die Anlagen zu beschädigen, wenn sie nicht ordentlich gewartet werden. Es lag also nahe, eine pragmatische Lösung zu versuchen. Sollte sie gelingen, wäre das für alle Beteiligten ein Gewinn.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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