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Eine Schlecker-Frau erzählt : Sie dachte: Ich halte das nicht durch

  • -Aktualisiert am

Das Leben ist kein Schlecker: Eine ehemalige Filiale in Berlin Bild: Caro / Eckelt

Sie war einmal die Chefin, dann nur noch Vize-Chefin, dann Schlecker-Frau. Dann arbeitslos. Heute sagen die Enkel: „Oma, erzähl mal!“ Und Margit hat viel zu erzählen.

          8 Min.

          Margit hat einen Collie. Collies sind nicht jedermanns Sache, schon wegen ihrer spitzen Schnauze. Margit aber liebt Bella, auch wenn die ab und zu schwächelt. Mal muss eine Kralle gezogen werden, mal spuckt sie das ganze Fressen wieder aus. Aber so ein Hund bringt Struktur ins Leben. Besonders jetzt. Margit hat es in der zweiten Welle erwischt, das war vor mehr als einem Jahr. Da kam per Einschreiben der Brief vom Insolvenzverwalter.

          Margit lebt in einer Zweizimmerwohnung am Rande einer Ernst-May-Siedlung in Frankfurt. Auf diese sozialen Siedlungen ist Frankfurt so stolz. Auf der anderen Straßenseite beginnt ein Gewerbegebiet, ein Stück Grün trennt es von den Wohnhäusern. Margit ist 63 Jahre alt, nicht sehr groß, ein wenig untersetzt. Das Leben hat ihr manchen Rückschlag bereitet, aber sie ist zäh und schon gar keine Heulsuse. Sie weiß genau, was sie will. Ein Auskommen, das für sie reicht und für Bella. Für die Tierarztrechnungen.

          Früher hat sie gekämpft, hat im Betriebsrat für Arbeiterrechte gefochten. Klar, Margit war mal in der Gewerkschaft, bei Verdi. „Wir müssen den Fuß reinkriegen“, dachte sie damals. Aber das hielt nicht lange, sie ist schnell wieder ausgetreten. „Weil es nur um Macht geht“, sagt sie. Machtspiele gehen ihr auf den Geist. Die Gewerkschaftsmänner, die nach ihrer Ansicht die Schlecker-Frauen bloß instrumentalisiert haben, kann sie nicht ausstehen: „Wenn ich schon unter der Knute von miesen Kapitalisten gestanden habe, brauche ich nicht auch noch die Knute von Verdi.“ Anton Schlecker ist für sie so ein mieser Kapitalist. „Das war doch ein Gaunerstück. Das riecht doch nach Betrug.“

          „So lange haben Sie es ausgehalten“

          Als über der Drogeriekette schon die Totenglocke läutete, Margit aber noch nicht gekündigt worden war, meldete sie sich abends am Telefon mit einer mürrischen, unverständlichen Stimme. Sie vermutete die Verkaufsstellenverwaltung am anderen Ende der Leitung, erwartete, dass ihr nun gesagt werde, in welcher Filiale sie am nächsten Morgen zum Ramschverkauf anzutreten hatte. Das konnte jeden Tag schließlich woanders sein. Die mürrische Stimme war ihre Rache für Anton Schlecker, für den Ramschverkauf, für die mitleidigen Blicke und Worte an der Kasse: „Ihnen alles Gute.“ „Hättet ihr mal alle vorher so viel gekauft“, schoss es ihr da jedes Mal durch den Kopf, „dann hätte ich keine Probleme.“ Aber sie blieb höflich. „Noch einen schönen Tag.“ Nur die zwei Jungs, die mit Schlecker-Bürsten durch die gegelten Haare fuhren und höhnten: „Können wir hier ein Praktikum machen?“, die zwei Kerle hat sie angeraunzt: „Raus!“

          Die allerletzten Tage von Schlecker hat sie damals geschwänzt, sie hat sich krankschreiben lassen. „Tausende machen das jeden Tag, du bist ja saublöd“, sagte sie sich. „So lange haben Sie es ausgehalten“, sagte die Ärztin.

          Und jetzt, mehr als ein Jahr später? Margit mag den Begriff Schlecker-Frau immer noch nicht. Das ist für sie ein Schlachtbegriff, der alle in einen Topf schmeißt. Etwa 25.000 Leute haben durch die Schlecker-Pleite im vergangenen Jahr den Arbeitsplatz verloren. Bis Ende 2012 meldeten sich gut 23.400 bei der Bundesagentur für Arbeit, die meisten sind Frauen. Knapp 11.000 hatten im März wieder einen Job, gut 2700 meldeten sich von ihrem Jobcenter aus unterschiedlichen Gründen ab, etwa weil sie in Rente gingen. Ursula von der Leyen wollte, dass sich die Schlecker-Frauen zu Erzieherinnen umbilden lassen. Neue Kita-Plätze braucht das Land, also auch neues Personal. Die CDU-Ministerin hielt ihre Idee für besonders gut. Was Margit darüber denkt? Besser nicht fragen.

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