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Eine Geschichte des Männerhuts : Die hutlose Gesellschaft

Auf der Exzentrikerschiene ist der Hut jedenfalls so langsam vorangekommen, dass er nach Auskunft Werners wirtschaftlich noch immer „unterhalb der Wahrnehmungsgrenze“ rangiert. Bei der Firma Mayser, die inzwischen ihre Stoff- und Filzhüte in der Ostslowakei produziert, während in Lindenberg fast nur noch designt und entwickelt wird, sieht man das nicht so negativ, wenngleich die Zahlen für sich sprechen: 300.000 bis 350.000 Hüte produziert die Firma heute im Jahr, zu den Hochzeiten waren es zwei bis drei Millionen. Und während einst der Umsatz zu hundert Prozent mit dem Hutgeschäft gemacht wurde, sind es heute noch zehn. Der Rest wird mit der florierenden Sparte für Verformungstechnik verdient, die dem Prinzip der Hutproduktion - aus einem Flächengebilde eine dreidimensionale Form zu machen - folgt. Damit wird zum Beispiel die Innenverkleidung von Traktorenkabinen hergestellt, die besser vor Wind und Wetter schützen als jeder noch so gute Hut.

„Deine blauen Augen wie ein blauer Hut“

Dass Helge Schneider auf seinem Traktor trotzdem Hut trägt und dabei nach eigener Aussage in Kauf nimmt, dass ihm dieser, wie er sagt, „oft auf den Boden fällt, wenn ich mich bücke“, mag man als ein Zeichen werten, dass es für den Hut wieder Hoffnung gibt. Es gibt aber noch andere, verlässlichere Quellen. Die Frankfurter Hutmacherin Susanne Bänfer etwa, die daran glaubt, dass alles wiederkomme, auch der Hut, und dass sich andeute, dass es gerade jetzt soweit sei. Auch Jordan bestätigt für seine Firma Mayser: „Nach Durchschreiten der Talsohle vor drei bis vier Jahren geht es wieder aufwärts. Die Lage beim Männerhut ist ganz eindeutig besser als in den vergangenen Jahren“, was sich auch im Verkauf bemerkbar mache. Tatsächlich deutet einiges daraufhin, dass man bei Mayser die Zeichen der Zeit erkannt hat. Jordan sagt: Der Mann von heute wolle einen Hut als Partner für den Alltag, mit dem man in den Bergen wandern, mit dem Hund raus- und sonntags in die Kirche gehen könne. Aus der Tatsache, dass heute kaum mehr jemand mit einem Hut umzugehen weiß und nirgendwo mehr Hutablagen zu finden sind, hat Jordan den Schluss gezogen, dass man dem Hut von heute „alles antun“ können muss, dass er, wie es in der Branche heißt, durch chemische Behandlung „formbeständig“ zu machen sei. „Keiner will heute seinen Hut vorsichtig mit beiden Händen auf eine Ablage legen, sondern ins Auto knallen, und wenn man ihn wieder rausnimmt, soll er aussehen wie zuvor.“

Die Lindenberger Hutbranche wird nie mehr so aussehen wie zuvor. Jordan, Röhrl und die ganze Stadt haben aber viel dafür getan, um die große Tradition fortzuführen. Neben der Wahl der Hutkönigin wird jedes Jahr durch den SPD-Kreisverband der „Sozialistenhut“ verliehen. Zu den Ausgezeichneten, die für ihren Mut, gegen den Strom zu schwimmen, geehrt wurden, gehören immerhin Politiker wie Hans-Jochen Vogel oder Christian Ude. Der größte Traum der Lindenberger ist freilich, dass eines Tages auch Udo Lindenberg den Weg zu ihnen findet - schließlich stammen auch seine Hüte von dort. Anfragen gab es mehrere - bisher ohne Erfolg. Vielleicht sollten sie es mal bei Helge Schneider probieren, der Udo gut kennt und dem Hut ein wunderbares Lied gesungen hat: „Du streichelst meinen Hut ich finde es gut/Mit dem blauen Hut der blaue Hut/Deine blauen Augen wie ein blauer Hut/Hey Leute mir geht es gut.“

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