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Eine Geschichte des Männerhuts : Die hutlose Gesellschaft

Image des langweiligen Spießers

Cicero kann auch ein weiteres Problem des Hutes bezeugen: die Frisur und ihre zunehmende Bedeutung auch unter Männern. Museumsleiter Röhrl sagt: „Heute kostet eine Frisur so viel wie mancher Hut, da will man sie natürlich zeigen.“ Auch Helge Schneider, mit Haaren gesegnet wie einst die hutlosen Germanen, gibt zu bedenken: „Der Hut kann, wenn man es nicht richtig macht, sicherlich die Frisur ruinieren. Da muss man auch dosieren. Wenn man jetzt einen Hut immer aufhat und nie abzieht, dann kann es durchaus sein, dass man den Hutabdruck immer hat, und das ist ja nicht so schön.“ Abhilfe, zumindest für die Frauen, weiß die Deutsche Hutkönigin, die alle zwei Jahre am Lindenberger Huttag gewählt wird und in dieser Legislaturperiode Anna Benedicta Walser heißt. Sie empfiehlt den sogenannten Fascinator, eine Art Haarreif, der mit einem Hütchen drapiert ist und laut Frau Bänfer weggeht „wie warme Semmel“.

Die Lösung dürfte aber auch das nicht sein. Zu mächtig ist der schon lange anhaltende Trend zu „Bequemlichkeit und Lässigkeit“, in dem Michael Werner, Chefredakteur des führenden Branchenblattes „Textilwirtschaft“, einen weiteren Grund für den Niedergang des Hutes sieht. Man kann das okay finden - oder aber als Häresie der Formlosigkeit bedauern wie etwa die englische Zeitung „The Independent“, die im Jahr 2005 schrieb: „Wir sehen einer krawattenlosen, jacketlosen, formlosen Zukunft entgegen, in der wir anstatt an den Hut zu tippen in unsere Handys schreien.“ Ob das die Achtundsechziger wollten? Wer weiß. Hutträger wie Adenauer wollten sie jedenfalls nicht mehr sein. Mayser-Geschäftsführer Jordan sagt: „DKW-Fahrer mit Hornbrille, Tempo sechzig und Hut - das war das Schlimmste. Mit diesem Image des langweiligen Spießers hatten wir ganz lange zu kämpfen.“ Rolemodels wie der amerikanische Präsident Kennedy taten ihr Übriges. Während seinem Vorgänger Eisenhower der Hut noch wie ein zusätzliches Körperteil war, trug Kennedy - trotz massiven Drucks der Hutindustrie - anstatt Hut lieber sein dichtes Haar zu Markte. In dem Buch „Hatless Jack“ beschreibt Neil Steinberg, wie mit der Wahl Kennedys 1961 die Weltöffentlichkeit begonnen habe wahrzunehmen, was Leute aus der Hutbranche längst gewusst hätten: Je jünger ein Mann war, umso weniger bedeutete ihm ein Hut. Und was einst ein Zeichen fürs Erwachsensein war, wurde nun ein Symbol des Alters.

Florierende Sparte für Verformungstechnik

Das hat sich inzwischen geändert. Der Hut steht nicht mehr für uniformen Konservatismus, sondern eher für dessen Gegenteil. Er sei ein „bewusst eingesetztes Element zur Distinktion“, sagt Michael Werner. Auch Manfred Jordan hält den Hut für „ein probates Mittel“, um sich aus der Masse herauszuheben. „Wer sich heute gerne stilvoll kleidet, für den ist der Hut ein super Accessoire, um die Sache richtig zu toppen. Das i-Tüpfelchen auf einem Gesamtkunstwerk, wenn das entsprechende Aussehen und das entsprechende Selbstbewusstsein da sind.“ Letzteres könnte freilich genau das Problem sein, wenn selbst der Chefredakteur der „Textilwirtschaft“, ein gut aussehender Mann aus einer nicht gerade biederen Branche, sagt: „Ich würde bei uns nicht mit Hut ins Haus gehen, weil ich wüsste, dass ich da Fragen beantworten müsste, die ich nicht beantworten will und nicht beantworten kann.“

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