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Eine Geschichte des Männerhuts : Die hutlose Gesellschaft

Klar ist aber auch, dass das Tragen von Hüten weder schädlich noch ekelerregend ist, sich also von Gewohnheiten wie dem Rauchen oder dem Spucken in Spucknäpfe unterscheidet, die längst verschwunden oder im Verschwinden begriffen sind. Es stimmt zwar, wie der Hutträger Cicero sagt, dass man auf den Hut eher verzichten könne „als auf Hose oder Schuhe“. Dennoch war der Hut nie bloß Accessoire, sondern erfüllte stets einen Zweck jenseits des nur Symbolischen. Helge Schneider etwa sagt, er habe seinen Hut immer dann auf, wenn er am Hausdach die Regenrinne saubermache. „Da muss ich auf die Leiter steigen, so vier Meter hoch. Oder fünf Meter. Im Unwetter, da setz’ ich immer diesen Hut auf, zu dem australischen Mantel, den ich dann anziehe. Und dann bin ich vor Regen geschützt. Dafür ist ein Hut gut.“ Der Hut schützt aber nicht nur gegen Wind und Regen, sondern auch gegen die Sonne. Manfred Jordan, der Geschäftsführer der ehrwürdigen Firma Mayser, eines der wenigen Überbleibsel der großen Lindenberger Huttage, sagt, ein Hut entspreche dem Lichtschutzfaktor 50 bei einer Sonnencreme. Helge Schneider springt ihm bei: „Ich mache öfter mal so eine Art Mittagsschlaf oder ich muss mich ausruhen, und dann ist es hell und dann zieh’ ich den Hut so ins Gesicht, dann bin ich vor der Sonne geschützt. Ich schlaf unheimlich gern mit dem Strohhut so aufm Gesicht. So wie die in Mexiko, wenn die Siesta machen, ihre Sombreros nach unten ziehen.“

Im Auto nicht nur unnötig, sondern auch unpraktisch

Der Hut taugt aber noch zu mehr: einerseits zur Tarnung, wie Udo Lindenberg weiß. Kaiser Nero soll sich das zunutze gemacht haben, wenn er durch die Bordelle des nächtlichen Roms streifte. Andererseits dient er auch der Offenbarung. Es gibt ganze Studien zum Thema Hut und Charakter, in denen von der Hutform auf die Kopfform und von da auf das Kopfinnere geschlossen wird. Auch die Art des Huttragens bleibt nicht unberücksichtigt. So heißt es etwa bei Timidior: „Leute, die ihren Hut tief über die Augen hereingezogen tragen, sollen gemieden werden, denn sie sind Egoisten. (...) Doch derjenige, der seinen Hut frei aus der Stirne trägt, ist ein guter Freund und ein Optimist.“

Trotz dieser Vorzüge war der Kampf nicht zu gewinnen. Alle, die heute noch irgendetwas mit dem Hut am Hut haben, bestätigen das mehr oder minder. Zum Beispiel die Hutmacherin Susanne Bänfer, die einst als Bildhauerin angefangen hatte, um dann auf die Hutkunst umzusteigen. Wenn sie zwei Hüte am Tag verkaufe, sagt sie, könne sie von ihrem Geschäft gut leben. Das klappt - aber wohl nur, weil sie die einzige weit und breit ist. Wer bei ihr von innen durchs Schaufenster blickt, sieht einen Erzfeind des Hutes: das Auto. Seit die Leute immer weniger zu Fuß gingen und auch die offene Kutsche ausgedient habe, sei der Hut ins Hintertreffen geraten, sagt Susanne Bänfer. Dass im Auto ein Hut wiederum nicht nur unnötig, sondern auch unpraktisch ist, weiß der Sänger Roger Cicero. Deshalb setze er ihn im Wagen ab, zumindest, wenn er selbst fahre. „Das tue ich aber selten auf dem Weg zu Auftritten. Da sitze ich im Fond, da geht es mit Hut.“

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