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Eine Geschichte des Männerhuts : Die hutlose Gesellschaft

„Hutträgerzählung“ in München

Wer noch mehr über die Geschichte des Hutes erfahren möchte, sollte Lindenberg im Allgäu besuchen, eine Stadt, die, wie ihr Bürgermeister sagt, „der Hut hochgebracht“ hat. Ein Pferdehändler, der in Italien die Kunst des Strohflechtens erlernt hatte, machte diese in Lindenberg früh bekannt. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts waren Lindenberger Huthändler mit Kraxen unterwegs, um Strohhüte im Hausierhandel und auf Märkten zu vertreiben. In voller Blüte stand der Zweig um 1900, als im gesamten Westallgäu, vor allem aber in Lindenberg, mit 34 Pressen, 1500 Nähmaschinen, 280 Werkstätten- und 2800 Heimarbeitern im Jahresdurchschnitt etwa vier Millionen Strohhüte produziert wurden. Am besten lässt man sich das von Manfred Röhrl erklären, dem Leiter des Lindenberger Hutmuseums, in dem eine Vielzahl vornehmlich getragener Hüte zu besichtigen sind: von Luis Trenker, der deutschen Olympiamannschaft, den Matrosen der kaiserlichen Yacht Hohenzollern. „Getragene Hüte“, sagt Röhrl, „haben eine Aura, jeder von ihnen erzählt eine Geschichte über seinen Träger und die Zeit, in der er getragen wurde.“

Er selbst hat 33 Jahre in der Damenhutfabrikation gearbeitet, zuerst als Laufbursche, dann als Hutmodellzeichner und Kalkulator, bis er es schließlich zum Abteilungsleiter bei der inzwischen untergegangenen Firma Reich brachte. Auch Röhrl, Jahrgang 1940, erinnert sich gut an die Zeit, als die Ampelmännchen ihre Hüte noch mit Stolz tragen konnten und kein vernünftiger Mann, gleich ob arm oder reich, unbehütet aus dem Haus ging. In den achtziger Jahren war das längst nicht mehr so. Röhrl ist damals auf Modemessen gefahren und hat noch versucht, die Designer dazu zu überreden, ihre Models mit Hut auf den Laufsteg zu schicken. Vergeblich. Wenn er heute nach München fahre, sagt Röhrl, dann mache er eine „Hutträgerzählung“. Keine zehn bekomme er da am Tag zusammen.

Nie bloß Accessoire

Der Niedergang des Hutes hat sich freilich schon vor Röhrls Lebzeiten abgezeichnet: in den zwanziger Jahren, als der Hut auf seinem Zenit war. Die Jugend in New York lehnte sich damals gegen die Alten auf, indem sie öffentlich Hüte malträtierte, und auch in Europa war der Schritt von der transzendentalen Obdachlosigkeit zu der des Kopfes nicht weit. Bis 1930 mussten in Lindenberg zahlreiche Betriebe schließen. Nach einer kurzen Phase der Erholung, verbunden mit Namen wie Atatürk, Mussolini oder Adenauer, die, jeder auf seine Weise, Mussolini etwa per verordneter Strohhutpflicht, den Niedergang des Hutes hinauszögerten, begann der eigentliche Todeskampf der Hutfabrikanten - etwa zu der Zeit, als Helge Schneider geboren wurde. Das lässt sich schon in einer 1950 erschienenen Broschüre des Verbands der Woll- und Haarhutindustrie, die im schönen Bad Homburger Hutmuseum einzusehen ist, bestens nachvollziehen. Mit „Nie ohne Hut!“ ist da ein flammendes Plädoyer für den Männerhut überschrieben, das der Sache freilich weniger gedient als geschadet haben dürfte. „Ohne Hut zu gehen“, heißt es da etwa, „ist keine Mode, vielleicht eine Bequemlichkeit an heißen Sommertagen, im übrigen aber eine Unnatürlichkeit, eine Unsitte, ein Zeichen von Nachlässigkeit und Ungepflegtheit.“ Zur Steigerung des Absatzes legt die Broschüre den Huthändlern ein „sehr geschicktes Werbewort“ der Engländer ans Herz: „If you want to get ahead - get a hat!“, um hinzuzufügen: „Wollte man versuchen, einen passenden deutschen Reim dafür zu finden, so könnte man vielleicht sagen: ,Nur mit Hut - gehts Dir gut!‘“ Schließlich wird sogar eine Studie präsentiert, die zu dem Ergebnis gekommen sei, dass Huttragen und Haarwuchs in einem „sehr engen“, jedenfalls positiven Zusammenhang stünden, was spätestens durch bekannte Hutträger der Gegenwart, Roger Cicero oder Udo Lindenberg etwa, widerlegt worden ist.

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