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Eine Generation in der Krise : Die besten Jahre

  • -Aktualisiert am

Die Neunundachtziger-Generation muss sich von alten Gewissheiten trennen: Es wird nicht immer besser werden. Manchmal wird es nicht einmal gut.

          3 Min.

          Generationen unterscheiden sich vor allem darin, wie sie auf die Vergangenheit blicken. Der Generation der Neunundachtziger, jedenfalls ihrem westdeutschen Teil, ist das Lamento fremd, wonach früher alles besser gewesen sei.

          Das könnte sich bald ändern. Die Alterskohorte, die nun auf die Vierzig zugeht, blickt zurück auf eine sorgenfreie Jugend. Aufgewachsen im bundesrepublikanischen Wohlstand, hat sie in den achtziger Jahren ihr Lebensgefühl in der Abwehr des linken Moralismus entwickelt. Die dunklen Wolken der Massenarbeitslosigkeit waren da schon vorübergezogen, Abrüstungsdemos und Atomtod kein Thema mehr und die ausgelatschten Turnschuhe der alternativen Szene galten dieser Jugend als stillos. Gewiss, Tschernobyl ist ihr noch in Erinnerung - zu Hause gab es eine Zeitlang keine Pfifferlinge zu essen.

          Optimismus als Grundhaltung

          Als die politische Sozialisation sich nicht mehr nur in ästhetischen Kategorien der Lebensführung niederschlug und diese Generation das erste Mal wählen durfte, da war eine neue Zeit angebrochen: In Berlin war die Mauer gefallen, Osteuropa hatte sich vom kommunistischen Joch befreit, Südafrika sich seines Apartheidregimes entledigt, und Chile schickte den Diktator Pinochet in Rente. Optimismus, der dem linken Mainstream noch als Kapitulation vor den bestehenden Verhältnissen galt, war ihre gleichsam natürliche Grundhaltung. Aus dem Motto der Dritte-Welt-Läden „Die Welt gehört allen“ machten sie kurzerhand „Die Welt gehört uns“.

          Aus pubertierenden Pennälern schälten sich halbwegs gereifte Persönlichkeiten heraus, die eine Welt im Aufbruch erblickten: keine Grenzen, neue Märkte, das Ende der Geschichte und eine globale Zukunft. Das galt im Übrigen für West- wie für Ostdeutsche.

          An der Wirklichkeit ging das schon damals knapp vorbei. Mit der inneren Einheit klappte es zunächst nicht so recht, die Massenarbeitslosigkeit kehrte zurück, der Rechtsradikalismus auch, und im damaligen Jugoslawien tobten Kriege aus vergangen geglaubten Zeiten. Doch die Neunundachtziger bevölkerten nun die Universitäten, tourten als Erasmus-Studenten durch die Weltgeschichte und hüpften vom Praktikumsplatz zum nächsten Stipendium. Globalisierungskritische Zirkel in AStA und Fachschaft wurden als anachronistische Erscheinungen modernisierungsängstlicher Nörgler belächelt.

          Aktien zum Berufseinstieg

          Und die Zeit gab ihnen recht. Kraftstrotzend und magna cum laude betraten sie Ende der neunziger Jahre den Arbeitsmarkt, und der - o Wunder! - schien nur auf sie zu warten. Der Mehltau, der sich über Deutschland gelegt hatte, war fort. Die New Economy versprach ihnen eine Welt ständigen Wachstums, frei von Verteilungskonflikten und Abstiegsängsten. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wurde für aufgelöst erklärt, Berufsanfänger handelten mit ihren Arbeitgebern Aktienoptionen aus, und Kleinaktionäre warteten auf die nächste Dividendenausschüttung - wer über die nächste Tarifrunde sprach, galt als Spießer.

          Dann kam die Krise. Binnen eines Jahres brach die Welt der Dotcoms zusammen, und mit dem „11. September“ kehrte die Geschichte zurück. Die Spaßgesellschaft spürte nun erstmals so etwas wie eine bleierne Schwere auf ihren Schultern. Aus manch coolem IT-Spezialisten und Mediendesigner wurde bald ein Milchaufschäumer bei Starbucks. Immerhin: Alt war man nicht, noch konnte man improvisieren, sich durchhangeln.

          Nun, da diese Generation die Lebensmitte überschreitet, sieht sie der nächsten Krise ins Auge. Fast abgeklärt vernimmt sie die Nachrichten über Bankenpleiten, Milliardenverluste und Stellenstreichungen. Es mag nicht lange dauern, diese Erfahrung haben sie schon vor sieben Jahren gemacht, bis die schlechten Nachrichten die Schluchten der Finanzdistrikte verlassen - allen Beschwörungsformeln vom richtigen deutschen Weg zum Trotz. Die Einschläge werden näher kommen.

          Rucksackreise als Schlüsselerlebnis

          Die Neunundachtziger galten den über ihnen liegenden Altersklassen als Generation ohne Fehler und ohne Tugenden. In der Tat konnten sie keine Geschichten vom Wiederaufbau erzählen, auch keine Legenden vom Straßenkampf. Der Lateinamerika-Trip mit dem Rucksack musste ihnen als biographisches Schlüsselerlebnis reichen.

          Und nun? Kollektives Nägelkauen? In der ersten Krise konnte das Erwachsenwerden noch vertagt werden - man verlängerte einfach seinen studentischen Lebensstil und durchschritt heldenmütig das Tal der Tränen. Inzwischen sind die Neunundachtziger aber Mütter und Väter und tragen Verantwortung für mehr als nur die Jahresurlaubsplanung. Da wird das Mantra von Flexibilität und Mobilität, das diese Kohorte im Schlaf herunterbeten kann, allmählich zur unerfüllbaren Zumutung. Manche Lebensplanung wird sich ändern. Lamentieren hilft da nicht.

          Wirklich neu ist an dieser Entwicklung nur, dass diese Generation, der die längste Zeit im Erwerbsleben noch bevorsteht, die erste ist, die sich von alten Gewissheiten trennen muss: Es wird nicht immer besser werden. Manchmal wird es nicht einmal gut.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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