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Ein Jahr nach der Love-Parade-Katastrophe : Ein Wall gegen die Wirklichkeit

Peripherie der Zivilisation: Knapp ein Jahr später am Ort der Katastrophe in Duisburg Bild: Getty Images

21 junge Menschen sind im Juli 2010 im Gedränge der Love Parade ums Leben gekommen. Die Reaktion des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland trieb vielen Menschen die Zornesröte ins Gesicht. Sie wollen ihn loswerden.

          Das Duisburger Rathaus ist ein ausladendes Monument. Selbstbewusste Bürger haben den Bau mit Elementen aus Neugotik, Neubarock und Jugendstil Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf den Burgplatz gesetzt. Adolf Sauerland (CDU) hat ein sehr schönes Zimmer in dieser Trutzburg. Wenn der Oberbürgermeister sein Fenster öffnet, kann er jenen Klang seiner Stadt hören, den er am meisten mag. Von draußen nämlich dringt der Aufbruch herein: das Sägen, das Hämmern von einer nahen Großbaustelle. So wollte Sauerland Duisburg - die Stadt, die wie keine andere im Ruhrgebiet noch so sichtbar von der Montanindustrie, von Hochöfen, Schornsteinen, Walzstraßen geprägt ist - immer wahrgenommen haben: als Stadt im Aufbruch zu Neuem.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Vieles hat Sauerland bewegt in den vergangenen Jahren. Um ihre heruntergekommene Innenstadt wieder aufzubauen, ließen sich die Duisburger einen visionären Masterplan ausarbeiten. Der Innenhafen direkt am Zentrum ist heute ein Juwel. Und nur einen Steinwurf entfernt ragt aus dem „Forum Duisburg“, einer Galerie aus Geschäften und Restaurants, eine vergoldete Leiter in den Himmel.

          Schaut her, so viel kann man in Duisburg erreichen

          Der frühere Berufsschullehrer Sauerland heftete sich eine Miniatur dieser Leiter an sein Revers. Es sollte ein Zeichen für den neuen Optimismus sein: Schaut her, so viel kann man in Duisburg, einer Stadt, die mehr als 2,5 Milliarden Euro Schulden hat, erreichen. Hoch hinaus wollte er mit seiner Stadt.

          Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland

          Sauerland und Duisburg, das war lange eine gute Kombination. Der gemütlich untersetzte Mann mit dem sorgfältig ausrasierten Bart war jovial und bodenständig, und hatte trotzdem Visionen. Wie selbstverständlich war er davon überzeugt, dass Duisburg auch die Love Parade brauche. Das Technospektakel sollte ein weithin sichtbarer Kontrapunkt sein. Abgesagt wird die Love Parade vielleicht in Städten wie Bochum. Duisburg aber schafft das, war die Botschaft. Die damalige schwarz-gelbe nordrhein-westfälische Landesregierung fand das Vorhaben ebenfalls toll und half der klammen Kommune, wo es nur ging - auch weil im Jahr 2010 das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt war.

          Sauerland sitzt am großen Besuchertisch in seinem Dienstzimmer und zieht Dokument nach Dokument aus einer Kladde. Akribisch will der Oberbürgermeister nachweisen, dass die Behauptung nicht stimme, er habe nicht die richtigen Worte gefunden nach der Love-Parade-Katastrophe, bei der am 24. Juli vergangenen Jahres 21 junge Menschen im Gedränge auf dem Zuweg zum Festgelände starben und Hunderte verletzt wurden.

          „Hier, sehen Sie, am 2. September habe ich im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags gesagt: ,Ja, als Oberbürgermeister trage ich schon deshalb Verantwortung, weil dieses Unglück in Duisburg geschah - in der Stadt, auf deren Wohl ich verpflichtet bin.'“ Dann reicht Sauerland auch noch sein Weihnachtsgrußwort herüber. „Ich möchte mich... ausdrücklich entschuldigen, wenn bei den Betroffenen der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich mich meiner Verantwortung entziehen will“, heißt es darin. Nach einer kleinen Pause gesteht Sauerland zu: Ja, unmittelbar nach der Katastrophe, als der Fokus gänzlich auf ihn gerichtet gewesen sei, habe er Zeit gebraucht, „rechtlich korrekte Aussagen über Verantwortung und Entschuldigung zu finden“.

          Wie kann er sich umziehen und einfach weitermachen?

          Es war die Pressekonferenz am 25. Juli 2010, auf der Sauerland das Amt zu entgleiten begann. Die Stadt hätte an ihrer Spitze einen Tröster oder wenigstens einen authentischen Mitfühler gebraucht. Aber Sauerland, sichtbar traumatisiert, saß mit hängenden Schultern auf dem Podium neben dem Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller und las eine abwiegelnde Erklärung vom Blatt. Auf der krampfhaften Suche nach „rechtlich korrekten“ Aussagen, die ihn vor Strafverfolgung bewahren sollten, waren ihm und seinen Beratern nur Floskeln eingefallen und Ausflüchte. Und als er im Anschluss an sein Statement gefragt wurde, ob er als Leiter der Behörde, die die Love Parade genehmigt hatte, verantwortlich sei, sagte er „Nein“. Es war eine abwegige Antwort, weil die nordrhein-westfälische Gemeindeordnung keinen Zweifel an der umfassenden Verantwortung des Stadtoberhaupts lässt.

          Während Schaller, der als Veranstalter der Hauptverantwortliche für die Love Parade ist, auf merkwürdige Weise aus dem Fokus geriet, hatte sich Sauerland durch die Pressekonferenz selbst als idealer Sündenbock präsentiert. Und tatsächlich entlud sich eine vielgestaltige Erregung: Auf dem Duisburger Burgplatz protestierte der politische Pöbel mit Sauerland-Puppen am Galgen. Nahe der Unglücksstelle fanden sich groteske Anschuldigungs-Graffiti, in denen Sauerland als Mörder beschimpft wurde. Auch in schweren medialen Hagelschlag geriet Sauerland. Nicht einmal mehr auf die Trauerfeier seiner eigenen Stadt für die Love-Parade-Opfer traute sich Sauerland noch. Selbst der gerade gewählte Bundespräsident legte ihm schließlich den Rücktritt nahe. Wenig später vermied es das Staatsoberhaupt ebenso wie die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, sich am Rande eines Konzerts in Duisburg mit Sauerland fotografieren zu lassen. Stattdessen entstand bei dieser Gelegenheit eine weiteres Symbolbild: Der Oberbürgermeister steht traurig und allein im Regen.

          Sauerland hat versucht, einfach weiter zumachen. „Manchmal überlagert das Alltagsgeschäft einiges, dann wieder taucht alles urplötzlich auf.“ Die Love-Parade-Katastrophe sei nicht nur das schlimmste Ereignis in seiner Amtszeit, es sei das schlimmste Ereignis in seinem Leben, sagt Sauerland. Zunächst hinter den Mauern seiner Rathaus-Trutzburg bemühte er sich, Tritt zu fassen. Dann nahm er auch wieder Termine wahr. Einmal bespritzte ihn ein randständiger Duisburger Politaktivist während einer Rede mit Ketchup. In vielen Medien wurde der Zwischenfall als Beleg dafür gewertet, Sauerland sei in seiner eigenen Stadt nicht mehr erwünscht. Der Oberbürgermeister aber zog sich um und versuchte, abermals weiterzumachen. Auch das wurde wieder kritisiert. Wie kann er sich umziehen und einfach weitermachen?, hieß es danach.

          Er ist sicher: Sauerland muss weg

          „Egal, was ich tue, manche wollen es als falsch sehen“, sagt Sauerland. Der Oberbürgermeister sitzt seit der Katastrophe in der Vergeblichkeitsfalle. Und je mehr Zeit vergeht, desto fester klammert er sich an die Behauptung, seine Verwaltung habe keinen Fehler gemacht. Auch durch einen Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft, in dem es heißt, die Genehmigung der Parade sei nach derzeitigem Ermittlungsstand rechtswidrig gewesen, will er sich nicht aus dem Konzept bringen lassen.

          Werner Hüsken findet schon ganz lange, dass das so nicht weitergehen kann. Seit einem Jahr kämpft der parteilose Krankenpfleger dafür, dass Sauerland sein Amt abgeben muss. Am 24. Juli 2010 war Hüskens jüngster Sohn auf der Love Parade. Aber das ist es nicht, was Hüsken so betroffen macht - zumal seinem Sohn nichts passiert ist. Persönlich betroffen fühlte sich Hüsken durch den Auftritt Sauerlands bei der Pressekonferenz am Tag nach der Katastrophe. „Sauerland hätte dem menschlichen Maß gerecht werden müssen. Jede menschliche Regung wäre damals erlaubt gewesen.“ Seit der Pressekonferenz ist sich Hüsken, der nichts von Krawall und Pöbeleien hält und auch die Ketchup-Attacke für eine ganz schlimme Sache hält, sicher: Sauerland muss weg. Zwei Tage nach der Katastrophe begann der Krankenpfleger Unterschriften gegen den Oberbürgermeister zu sammeln. Innerhalb von vier Wochen hatte er 10.000 Signaturen zusammen. Im September scheiterte dann allerdings ein von drei Fraktionen im Duisburger Stadtrat getragener Abwahlantrag gegen Sauerland, weil die notwendige Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam. Die CDU blieb treu an der Seite Sauerlands. Die Partei glaubt auch heute noch, ohne Sauerland mehr zu verlieren als mit ihm. Denn Duisburg ist eine der letzten CDU-Bastionen im Ruhrgebiet. 2004 hatte sich Sauerland gegen seine sozialdemokratische Vorgängerin mit unglaublichen 61,2 Prozent durchgesetzt und damit die 54 Jahre währende SPD-Vorherrschaft in Duisburg beendet. 2009 wurde er wiedergewählt.

          Im Juni haben Hüsken und seine mittlerweile gegründete Bürgerinitiative „Neuanfang für Duisburg“ einen zweiten Anlauf gegen Sauerland unternommen. Möglich ist das durch ein Gesetz, das die Abwahl von (Ober-)Bürgermeistern in Nordrhein-Westfalen deutlich erleichtert. Hüsken hat diese Novelle, die SPD und Grüne schon lange vor der Love Parade miteinander verabredet hatten, herbeigesehnt. Als das neue Gesetz ausgerechnet an Sauerlands Geburtstag Anfang Juni in Kraft trat, erlaubte sich der Krankenpfleger, der sonst für sich Sachlichkeit in Anspruch nimmt, doch einen kleinen Scherz. Per Kontaktfeld auf der Internetseite der Stadt ließ er den Oberbürgermeister wissen: „Herr Sauerland, es ist soweit.“ Über die automatisch generierte Antwort amüsiert sich Hüsken noch immer: „Wir werden Ihr Anliegen schnellstmöglich bearbeiten.“

          Ein bisschen „Duisburg 21“ in der einst so stolzen Stadt

          Im Fall Sauerland müssen Hüsken und seine Mitstreiter binnen vier Monaten mindestens 52.000 Unterschriften sammeln. Gelingt ihnen das, kommt es zur Abstimmung. Sauerland ist abgewählt, wenn mindestens 25 Prozent der 344.000 Duisburger Wahlberechtigten gegen ihn votieren. Die Initiative sieht sich auf einem guten Weg. Rund 30.000 Unterschriften sollen schon zusammengekommen sein. Hüsken, der sich selbst auf der linken Seite des bürgerlichen Spektrums verordnet, träumt von ein bisschen „Duisburg 21“ in der einst so stolzen Stadt.

          Der Oberbürgermeister trage zwar keine persönliche Schuld, müsse aber nicht nur die moralische, sondern endlich auch politische Verantwortung übernehmen, sagt Hüsken. Zudem trete der Oberbürgermeister von einem Fettnäpfchen ins andere. Auch an der Trauerfeier zum Jahrestag nehme er wieder nicht teil. „Sauerland kann seinen Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Er ist kein Aushängeschild mehr für die Stadt, sondern nur noch Abschreckung.“ Die Einschätzung Sauerlands, er müsse im Amt bleiben, um Verantwortung zu übernehmen, hält Hüsken für absurd.

          Neulich hat sich Hüsken, der mit seinem Bart und seiner Brille ein klein wenig so aussieht wie Sauerland, mit den Oberbürgermeister getroffen. Er habe das Bedürfnis gehabt, mit jenem Mann direkt zu sprechen, den er seit fast zwölf Monaten abgewählt sehen will. Seitdem ist sich Hüsken sicher: „Sauerland hat einen Schutzwall um sich gebaut, der ihn daran hindert, die Wirklichkeit wahrzunehmen.“

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