https://www.faz.net/-gpf-6m5h6

Ein Jahr nach der Love-Parade-Katastrophe : Ein Wall gegen die Wirklichkeit

Werner Hüsken findet schon ganz lange, dass das so nicht weitergehen kann. Seit einem Jahr kämpft der parteilose Krankenpfleger dafür, dass Sauerland sein Amt abgeben muss. Am 24. Juli 2010 war Hüskens jüngster Sohn auf der Love Parade. Aber das ist es nicht, was Hüsken so betroffen macht - zumal seinem Sohn nichts passiert ist. Persönlich betroffen fühlte sich Hüsken durch den Auftritt Sauerlands bei der Pressekonferenz am Tag nach der Katastrophe. „Sauerland hätte dem menschlichen Maß gerecht werden müssen. Jede menschliche Regung wäre damals erlaubt gewesen.“ Seit der Pressekonferenz ist sich Hüsken, der nichts von Krawall und Pöbeleien hält und auch die Ketchup-Attacke für eine ganz schlimme Sache hält, sicher: Sauerland muss weg. Zwei Tage nach der Katastrophe begann der Krankenpfleger Unterschriften gegen den Oberbürgermeister zu sammeln. Innerhalb von vier Wochen hatte er 10.000 Signaturen zusammen. Im September scheiterte dann allerdings ein von drei Fraktionen im Duisburger Stadtrat getragener Abwahlantrag gegen Sauerland, weil die notwendige Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam. Die CDU blieb treu an der Seite Sauerlands. Die Partei glaubt auch heute noch, ohne Sauerland mehr zu verlieren als mit ihm. Denn Duisburg ist eine der letzten CDU-Bastionen im Ruhrgebiet. 2004 hatte sich Sauerland gegen seine sozialdemokratische Vorgängerin mit unglaublichen 61,2 Prozent durchgesetzt und damit die 54 Jahre währende SPD-Vorherrschaft in Duisburg beendet. 2009 wurde er wiedergewählt.

Im Juni haben Hüsken und seine mittlerweile gegründete Bürgerinitiative „Neuanfang für Duisburg“ einen zweiten Anlauf gegen Sauerland unternommen. Möglich ist das durch ein Gesetz, das die Abwahl von (Ober-)Bürgermeistern in Nordrhein-Westfalen deutlich erleichtert. Hüsken hat diese Novelle, die SPD und Grüne schon lange vor der Love Parade miteinander verabredet hatten, herbeigesehnt. Als das neue Gesetz ausgerechnet an Sauerlands Geburtstag Anfang Juni in Kraft trat, erlaubte sich der Krankenpfleger, der sonst für sich Sachlichkeit in Anspruch nimmt, doch einen kleinen Scherz. Per Kontaktfeld auf der Internetseite der Stadt ließ er den Oberbürgermeister wissen: „Herr Sauerland, es ist soweit.“ Über die automatisch generierte Antwort amüsiert sich Hüsken noch immer: „Wir werden Ihr Anliegen schnellstmöglich bearbeiten.“

Ein bisschen „Duisburg 21“ in der einst so stolzen Stadt

Im Fall Sauerland müssen Hüsken und seine Mitstreiter binnen vier Monaten mindestens 52.000 Unterschriften sammeln. Gelingt ihnen das, kommt es zur Abstimmung. Sauerland ist abgewählt, wenn mindestens 25 Prozent der 344.000 Duisburger Wahlberechtigten gegen ihn votieren. Die Initiative sieht sich auf einem guten Weg. Rund 30.000 Unterschriften sollen schon zusammengekommen sein. Hüsken, der sich selbst auf der linken Seite des bürgerlichen Spektrums verordnet, träumt von ein bisschen „Duisburg 21“ in der einst so stolzen Stadt.

Der Oberbürgermeister trage zwar keine persönliche Schuld, müsse aber nicht nur die moralische, sondern endlich auch politische Verantwortung übernehmen, sagt Hüsken. Zudem trete der Oberbürgermeister von einem Fettnäpfchen ins andere. Auch an der Trauerfeier zum Jahrestag nehme er wieder nicht teil. „Sauerland kann seinen Aufgaben nicht mehr gerecht werden. Er ist kein Aushängeschild mehr für die Stadt, sondern nur noch Abschreckung.“ Die Einschätzung Sauerlands, er müsse im Amt bleiben, um Verantwortung zu übernehmen, hält Hüsken für absurd.

Neulich hat sich Hüsken, der mit seinem Bart und seiner Brille ein klein wenig so aussieht wie Sauerland, mit den Oberbürgermeister getroffen. Er habe das Bedürfnis gehabt, mit jenem Mann direkt zu sprechen, den er seit fast zwölf Monaten abgewählt sehen will. Seitdem ist sich Hüsken sicher: „Sauerland hat einen Schutzwall um sich gebaut, der ihn daran hindert, die Wirklichkeit wahrzunehmen.“

Weitere Themen

Topmeldungen

„Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

„Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.