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Ein Jahr nach der Love-Parade-Katastrophe : Ein Wall gegen die Wirklichkeit

Es war die Pressekonferenz am 25. Juli 2010, auf der Sauerland das Amt zu entgleiten begann. Die Stadt hätte an ihrer Spitze einen Tröster oder wenigstens einen authentischen Mitfühler gebraucht. Aber Sauerland, sichtbar traumatisiert, saß mit hängenden Schultern auf dem Podium neben dem Love-Parade-Veranstalter Rainer Schaller und las eine abwiegelnde Erklärung vom Blatt. Auf der krampfhaften Suche nach „rechtlich korrekten“ Aussagen, die ihn vor Strafverfolgung bewahren sollten, waren ihm und seinen Beratern nur Floskeln eingefallen und Ausflüchte. Und als er im Anschluss an sein Statement gefragt wurde, ob er als Leiter der Behörde, die die Love Parade genehmigt hatte, verantwortlich sei, sagte er „Nein“. Es war eine abwegige Antwort, weil die nordrhein-westfälische Gemeindeordnung keinen Zweifel an der umfassenden Verantwortung des Stadtoberhaupts lässt.

Während Schaller, der als Veranstalter der Hauptverantwortliche für die Love Parade ist, auf merkwürdige Weise aus dem Fokus geriet, hatte sich Sauerland durch die Pressekonferenz selbst als idealer Sündenbock präsentiert. Und tatsächlich entlud sich eine vielgestaltige Erregung: Auf dem Duisburger Burgplatz protestierte der politische Pöbel mit Sauerland-Puppen am Galgen. Nahe der Unglücksstelle fanden sich groteske Anschuldigungs-Graffiti, in denen Sauerland als Mörder beschimpft wurde. Auch in schweren medialen Hagelschlag geriet Sauerland. Nicht einmal mehr auf die Trauerfeier seiner eigenen Stadt für die Love-Parade-Opfer traute sich Sauerland noch. Selbst der gerade gewählte Bundespräsident legte ihm schließlich den Rücktritt nahe. Wenig später vermied es das Staatsoberhaupt ebenso wie die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, sich am Rande eines Konzerts in Duisburg mit Sauerland fotografieren zu lassen. Stattdessen entstand bei dieser Gelegenheit eine weiteres Symbolbild: Der Oberbürgermeister steht traurig und allein im Regen.

Sauerland hat versucht, einfach weiter zumachen. „Manchmal überlagert das Alltagsgeschäft einiges, dann wieder taucht alles urplötzlich auf.“ Die Love-Parade-Katastrophe sei nicht nur das schlimmste Ereignis in seiner Amtszeit, es sei das schlimmste Ereignis in seinem Leben, sagt Sauerland. Zunächst hinter den Mauern seiner Rathaus-Trutzburg bemühte er sich, Tritt zu fassen. Dann nahm er auch wieder Termine wahr. Einmal bespritzte ihn ein randständiger Duisburger Politaktivist während einer Rede mit Ketchup. In vielen Medien wurde der Zwischenfall als Beleg dafür gewertet, Sauerland sei in seiner eigenen Stadt nicht mehr erwünscht. Der Oberbürgermeister aber zog sich um und versuchte, abermals weiterzumachen. Auch das wurde wieder kritisiert. Wie kann er sich umziehen und einfach weitermachen?, hieß es danach.

Er ist sicher: Sauerland muss weg

„Egal, was ich tue, manche wollen es als falsch sehen“, sagt Sauerland. Der Oberbürgermeister sitzt seit der Katastrophe in der Vergeblichkeitsfalle. Und je mehr Zeit vergeht, desto fester klammert er sich an die Behauptung, seine Verwaltung habe keinen Fehler gemacht. Auch durch einen Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft, in dem es heißt, die Genehmigung der Parade sei nach derzeitigem Ermittlungsstand rechtswidrig gewesen, will er sich nicht aus dem Konzept bringen lassen.

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