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„Kybernetiq“ : Ein deutsches Terror-Magazin

  • -Aktualisiert am

Für Nerds und Terror-Fans: Der Dschihad als Programmiercode. Screenshot aus der ersten Ausgabe des Magazins. Bild: Screenshot Magazin Kybernetiq

Erstmals haben deutsche Dschihadisten ein eigenes Magazin herausgebracht. Manches darin wirkt schräg und unreif, anderes erschreckend professionell. Wie gefährlich ist dieses Heft?

          Wer einmal im Bahnhofskiosk einer großen Stadt gestöbert hat, weiß: Es gibt Magazine für alle Berufsgruppen und für die absurdesten Subkulturen. Für Haschischraucher und für Wellensittich-Liebhaber, Sadomaso-Fachmagazine und Titel wie „Ufos & Kornkreise“.

          Nun ist ein Heft erschienen, das eine ebenfalls sehr spezielle Zielgruppe hat: Islamistische Terroristen, die Deutsch sprechen und auf ihre Online-Sicherheit bedacht sind.

          Die haben „Sachverstand“, sagt der Verfassungsschutz

          Das Heft nennt sich „Kybernetiq“ und wird aus naheliegenden Gründen nicht an Kiosken vertrieben, sondern übers Internet weitergereicht. Es trägt einige skurrile Züge und fügt sich daher gut in die Reihe spleeniger Exoten-Magazine.

          Aber es hat auch eine ernsthafte, professionelle Seite. So ernst, dass es der Verfassungsschutz beobachtet. „Es ist mit Knowhow und Sachverstand gemacht“, sagt ein Sprecher des Nachrichtendienstes im Gespräch mit FAZ.NET. Es sei das erste deutschsprachige Magazin dieser Art.

          Auf dem Niveau des IS-Magazins „Dabiq“ 

          Den Sachverstand merkt man zuallererst beim Layout. Die 15 Seiten des PDF-Dokuments sind wertig und professionell aufgemacht. Die Texte sind mit Zwischenüberschriften und Infoboxen gut strukturiert und wechseln sich ab mit ansprechenden, teils ganzseitigen Fotos, die oft durch ein Zusammenspiel von Sepia-Filter und Unschärfe künstlerisch aufpoliert worden sind. Optisch ist das Heft durchaus auf dem Niveau des  englischsprachigen  „IS“-Magazin „Dabiq“ und des Al-Qaida-Pendants „Inspire“.

          Propagandafoto aus „Kybernetiq“

          Auf den Fotos sieht man etwa: Amerikanische Soldaten, die an Laptops arbeiten („Der Feind liest mit.“), ein Smartphone mit einem Telegram-Chat (Wer sensible Informationen teilt, bringt seine Lieben in Lebensgefahr) und einen E-Reader, auf dem eine Definition von „Kybernetiq“ angezeigt wird. Nämlich: „Das deutschsprachige Magazin mit den Schwerpunkten Informationstechnologie, Telekommunikation und Sicherheit.“

          Fortführung des Dschihads mit elektronischen Mitteln

          Schon im Vorwort zeigt sich aber, dass „Kybernetiq“ nicht ein IT-Magazin für Jedermann ist: „Es ist uns sehr wichtig, dass unsere Glaubensgeschwister den richtigen Umgang mit Software und Hardware erlernen", heißt es dort. Denn während früher „das Abendland“ den Fortschritt im Orient beneidet hätte, sei es heute umgekehrt. „Wir Muslime finden uns in der Rolle der Rückständigen wieder, während dazu geneigt wird, die Fortschritte der Ungläubigen zu verteufeln.“

          Patrone neben USB-Stick: Die Titelseite der ersten „Kybernetiq“-Ausgabe.

          Auch wenn hier „Muslime“ geschrieben wird, sind wohl eher Sympathisanten der Terroristen von Al Qaida oder dem „IS“ gemeint. Oder sogar die Terroristen selbst. Der Autor jedenfalls bezeichnet sich als „Mudschahid“, also als jemand, der sich im Dschihad befindet. Dazu passt das Cover, auf dem ein Mann, der martialische Kurzfingerhandschuhe trägt, eine Gewehrpatrone und einen USB-Stick nebeneinander hält. Die Botschaft: Es ist der gleiche Kampf, bloß mit unterschiedlichen Mitteln.

          „Man muss den Online-Dschihad ernst nehmen“

          Das sei unter Dschihadisten eine üblich Sicht auf den Dschihad, sagt Nico Prucha, der am „International Centre for the Study of Radicalisation” in London zu islamischem Terrorismus in sozialen Netzwerken forscht. „Spätestens seit dem Tod von Usama Bin Laden, gibt es keine Trennung mehr von kämpfenden Mudschahidin und den Online-Mudschahidin.“

          Der Al-Qaida-Führer sei unter Dschihadisten gespriesen worden als „Wegbereiter der Dschihadi-Missionsarbeit im Internet“. Auch theologisch sei für den „IS“ und Al Qaida mittlerweile eindeutig geklärt, dass sich der göttliche Lohn für Medienarbeit kaum von dem Lohn für den Tod als Selbstmordattentäter unterscheide.

          Kybernetiq dürfe man deswegen nicht unterschätzen, auch wenn die Macher von möglicherweise nicht in Syrien sitzen. „Man muss den Online-Dschihad ernst nehmen. Und „Kybernetiq“ ist ein Teil davon“, sagt Prucha.

          Prucha sieht das Magazin als eine Art Empowerment für die deutschsprachige Salafisten-Szene. Es soll Sympathisanten ermächtigen, digitale Verschlüsselungstechniken zu benutzen, um dann zum Beispiel mit der „Kybernetiq“-Redaktion in Kontakt zu treten, statt sich nur auf das Mitlesen von Tweets und Forenbeiträgen zu beschränken.

          „Nenn dich SexyBunny statt AbuUsamah“

          Daneben will es auch Kämpfern in Syrien und anderswo helfen, sich zu schützen. Und das mit sehr konkreten Tipps. Etwa, dass sensible Informationen nicht per Mobiltelefone ausgetauscht werden sollen: „Solche Sachen sollten immer vor Ort auf einen Zettel notiert und schnellstens verbrannt werden.“

          Auch sollte man im Internet keine typischen Kampfnamen verwenden. „Sucht euch neutrale Nicknames aus oder benutzt reale Namen von Ungläubigen.“ Denn „SexyBunny94“ sei eben unverdächtiger als „AbuUsamah007.“

          Besonders wettert der Autor gegen das ursprünglich von Al Qaida entwickelte Programm „Asrar al-Mujahedeen“ (Geheimnisse der Mudschahidin). Denn erstens müssen überzeugte Gotteskrieger nicht auch begnadete Programmierer sein, zweites sei es nicht eben unauffällig, wenn man ein Programm benutze, dass schon durch seinen Namen verrate, mit wem man sympathisiert.

          Ein Magazin für IT-Fragen. An anderer Stelle wird klar, dass es kein Heft für Jedermann ist.

          Die Tipps gingen „in Richtung Brauchbarkeit“, heißt es beim Verfassungsschutz. Alles in allem findet sich in dem Heft „eigentlich nichts, was man nicht auch in einer normalen Computerzeitschrift nachlesen könnte“, wie es eine Beamtin des Verfassungsschutzes ausdrückt. „Aber es ist ganz gut gebündelt.“

          Wie gefährlich ist das Heft?

          Wie gefährlich also ist die Zeitschrift? Anders als in „Inspire“ und „Dabiq“ gibt es in „Kybernetiq“ keinen Bezug auf konkrete terroristische Taten des „IS“ oder andere Gruppen. Keine Preisung der Täter, keine Taktik-Analysen von Anschlägen wie in „Dabiq“ und auch keine Schritt-für-Schritt-Erklärung zum Handgranatenbau aus Haushaltsmitteln wie in „Inspire“. Und eben auch keine religiösen und ideologischen Unterweisungen.

          „Es hat in erster Linie keine radikalisierende Stoßrichtung“, sagt der Verfassungsschutz. Das heißt, es soll nicht in erster Linie zum radikalen Islam bekehren, sondern die Bekehrten in ihrer Einstellung festigen und technisch weiterbilden. Auch die Macher selbst sind ideologisch sattelfest. „Das kommt von Leuten, die seit einigen Jahren dschihadistische Ideologie konsumieren, sagt Dschihadismus-Forscher Prucha. Es zielt also auf „die Dschihadisten-Szene und die Teile des politischen Salafismus, die einen gewissen Verfolgungsdruck der Sicherheitsbehörden wahrnehmen“, sagt der Verfassungsschutz.

          Verschlüsselungscode im Heft: Die Macher spüren „einen gewissen Verfolgungsdruck“, sagt der Verfassungsschutz.

          Wer steckt dahinter?

          Wer hinter dem Heft steckt, ist schwer zu sagen. Sowohl die Experten beim Verfassungsschutz als auch Prucha vermuten eher einen Einzelnen, als eine ganze Redaktion. Der Verfassungsschutz bringt ein im Heft verwendetes Pseudonym mit einem gleichnamigen dschihadistischen Twitter-Account in Verbindung. Wenn das stimmt, dann sieht sich der Autor selbst als ein „technikbegeisterter Terrorist“. Vielleicht arbeitet er im Auftrag Al Qaidas oder des „IS“ von Syrien aus.

          Möglich ist auch, dass es sich nur, um einen Autoren handelt, der in Deutschland sitzt, und keine wechselseitige Verbindungen zu terroristischen Gruppen hat.

          Einer, der sich sowohl für den Heilligen Krieg à la Al Qaida begeistert wie auch für Verschlüsselungen und IT-Sicherheit. Der alle Informationen über Jahre zu diesen Themen in sich aufgesaugt hat, und nun beschlossen hat, aktiv zu werden. 

          Nerd-Dschihadismus

          Gut zeigt sich dieser Nerd-Dschihadismus auf der vorletzten Seite des Hefts, auf der ein Display mit einem Stück Code in der Programmiersprache Assembler abgebildet ist. Bei den Zeilen handelte es sich aber nicht um den Teil einer Software, sondern um das Grundprinzip der Dschihadismus: „Bewege“ Muslime zum Dschihad, „dividiere“ die Ungläubigen, „springe“ ins Paradies. Dort werden dann die Seelen der Märtyrer konform zur muslimischen Lehre in „grüne Vögel“ transferiert.

          Um so etwas zu schreiben, braucht man ein paar Grundkenntnisse im Programmieren und auch Grundkenntnisse in salafistischer Ideologie. Vor allem aber muss man es cool finden, beides zu vermischen.

          Propaganda-Foto aus der ersten Ausgabe der „Kybernetiq“.

          Diese Vermischung von Nerdtum und Dschihadismus ist laut Prucha und dem Verfassungsschutz bisher einzigartig. Sie dürfte wohl auch nur einen sehr kleinen Kreis von Personen ansprechen. Was vielleicht erklärt, wieso das Heft sich vergleichsweise langsam in dschihadistischen Kreisen verbreitet.

          Skurril: Islamistische Science-Fiction-Novelle

          Höhepunkt des Skurrilen ist die „islamische Science-Fiction-Novelle“ am Ende des Hefts. Als Fortsetzungsroman konzipiert, soll sie „Muslimen weltweit Motivation und Denkanstöße vermitteln“. Auch hier sind mit Muslimen eigentlich Dschihadisten gemeint.

          In der ersten Folge schreibt der „Kommandeur des 3. Cyborg Regiments der Vereinigten Imirate Scham“ darüber, wie es um den Nahen Osten steht. Es zeigt sich: Der endzeitliche Kampf steht kurz bevor. Getreu der salafistischen Ideologie soll er im Gebiet um die syrische Ortschaft Dabiq stattfinden, die auch dem erwähnten IS-Magazin ihren Namen geliehen hat. Es ist ein Kampf, an dem die „sozialistische Republik Kurdistan“ und „Ayatollah Chomeini II.“ beteiligt sind. Und natürlich die Mudschahidin, die kurz davor stehen „in Damaskus einzumarschieren.“

          Wie es weitergeht, soll dann in der nächsten Ausgabe stehen. Das allerdings kann noch etwas dauern. Denn laut dem Vorwort der ersten Ausgabe, die Ende Dezember erschienen ist, lagen die Entwürfe für die 15 Seiten „bereits seit 2014 vor.“

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