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Reaktion auf Missbrauchsstudie : Ehemaliger Münchner Erzbischof bittet um Entschuldigung

  • Aktualisiert am

Der frühere Kardinal Friedrich Wetter in Februar 2008 in München Bild: dpa

Der ehemalige Kardinal Friedrich Wetter gibt Fehlverhalten zu. Er sieht einige der im Münchner Gutachten genannten Fälle jedoch anders. Die Bischofskonferenz schweigt derweil zur Falschaussage des früheren Papstes.

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          Der ehemalige Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter hat für Fehlentscheidungen im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen in seiner Amtszeit von 1982 bis 2007 um Entschuldigung gebeten. Zugleich wies er die Darstellung in dem vergangenen Donnerstag veröffentlichten Missbrauchsgutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) zurück, er habe sich in 21 Fällen falsch verhalten. „Meine Darstellung der Fakten“ komme „zu einem anderen Ergebnis“, heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme.

          Vor allem nimmt Wetter Bezug auf den Fall des Essener Priesters H., in den laut Gutachten auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. verstrickt ist. Dieser Fall ist laut Kardinal Wetter „auch im Verhältnis zu anderen besonders gravierend“. Die Entscheidung, H. unter strenger Aufsicht in eine Pfarrgemeinde nach Garching an der Alz zu schicken, „war ohne Zweifel objektiv falsch“. Wetter gestand zudem ein, eine „ernsthafte und eingehende Auseinandersetzung“ mit dem Thema Kindesmissbrauch und den Folgen für Betroffene habe es bei ihm bis zur Veröffentlichung des ersten Missbrauchsgutachtens 2010 nicht gegeben.

          Natürlich sei auch in den 1980er und 1990er Jahren sexueller Missbrauch von Kindern strafbar und moralisch inakzeptabel gewesen. „Ehrlicherweise muss ich allerdings sagen, dass ich vor 2010 nicht genügend Wissen hatte und mein Problembewusstsein nicht genügend ausgebildet war.“ Dies sei damals „bei vielen in der Gesellschaft“ und nicht nur in der Kirche so gewesen. Dies mache sein „unangemessenes und objektiv falsches Verhalten“ allerdings nicht besser, schreibt Wetter.

          Wissen war nie wertvoller

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          Er sei „zumindest im Fall H.“ seiner Verantwortung als Erzbischof von München und Freising „zum Schutz der Kinder und Jugendlichen nicht in dem notwendigen Maß gerecht geworden“, dies erfülle ihn „mit Scham und Trauer“, so Wetter. In seiner Stellungnahme geht er auf die ihm angelasteten 21 Fälle des Fehlverhaltens ein. In sechs dieser Fälle habe „kein Missbrauch“ vorgelegen, in acht Fällen habe sich der Missbrauch nicht in seiner Amtszeit oder nicht in seinem Amtsbereich zugetragen.

          Laut dem vergangene Woche vorgestellten Gutachten gab es zwischen 1945 bis 2019 Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt im Erzbistum München und Freising. Dem emeritierten Papst Benedikt XVI. wird vorgeworfen, als Münchner Erzbischof (1977-1982) in vier Fällen nicht ausreichend gegen Missbrauchs-Täter vorgegangen sein. Auch der amtierende Erzbischof Kardinal Reinhard Marx soll in seiner Amtszeit Missbrauchsfälle nicht nach Rom gemeldet haben.

          Die Stadt Landau will ihrerseits noch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres entscheiden, wie sie mit ihren Ehrungen für Kardinal Wetter umgeht. Wie die pfälzische Stadt am Dienstag mitteilte, soll zunächst eine interne rechtliche Einschätzung und Auswertung der Darstellungen im Gutachten erfolgen; dabei werde auch die für Donnerstag erwartete Stellungnahme der Erzdiözese München und Freising berücksichtigt. Sobald diese Einschätzungen vorlägen, sollen sie den städtischen Gremien vorgelegt werden. Die letzte Entscheidung über eine mögliche Aberkennung von Ehrungen hat nach Auskunft der Kommune der Stadtrat.

          Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg hat sich nicht zu einer Stellungnahme zu der Falschaussage des emeritierten Papstes Benedikt XVI. durchringen können. In einer am Dienstag verbreiteten Presseerklärung heißt es lediglich, das am Donnerstag veröffentlichte Münchner Missbrauchsgutachten habe die Bischöfe tief erschüttert. „Dadurch, dass auch das Wirken des früheren Papstes Benedikt XVI. als Erzbischof von München und Freising Untersuchungsgegenstand war, und durch dessen Einlassungen hat das Gutachten eine besondere Aufmerksamkeit erfahren.“

          Benedikt hatte am Montag eingestanden, bei seiner Stellungnahme für das Missbrauchsgutachten an einer wichtigen Stelle eine falsche Aussage gemacht zu haben. Laut eines schriftlichen Statements seines Privatsekretärs Georg Gänswein sprach der emeritierte Pontifex von einem „Fehler“ und einem „Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung“ seiner Stellungnahme.

          Die deutschen Bischöfe teilten in ihrer Stellungnahme mit, sie spürten „den erheblichen Vertrauensverlust“ und verstünden das große Misstrauen, das ihnen aus der Gesellschaft und von den Gläubigen entgegengebracht werde. Eine Umfrage hatte kürzlich ergeben, dass die Bundesbürgerinnen und Bundesbürger mittlerweile kaum einer Institution in Deutschland so wenig vertrauen wie der katholischen Kirche.

          Die Bischofskonferenz schreibt weiter, sie werde die Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs fortsetzen. „Unsere mehrfach verschärften Leitlinien in der Bekämpfung des Missbrauchs, unsere Präventions- und Interventionsarbeit haben seit mehreren Jahren international anerkannte Standards erreicht.“ Erforderlich sei jetzt ein umfassender kirchlicher Kulturwandel. „Wir brauchen Erneuerung“, konstatieren die Bischöfe. Ein wesentlicher Baustein dafür sei der 2019 begonnene Reformprozess Synodaler Weg.

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