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Ehemaliger Gefangener Bergdahl : Alles andere als ein Held

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Stiller Sonderling, der Arabisch lernte und von Indien träumte: Ehemalige Kameraden werfen dem befreiten Soldaten Bowe Bergdahl Fahnenflucht vor Bild: AP

Ehemalige Kameraden üben scharfe Kritik an dem aus Talibanhaft befreiten Soldaten Bowe Bergdahl – und bezeichnen ihn als Deserteur.

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          Die schusssichere Weste und seine Feuerwaffen ließ Bowe Bergdahl im Zelt. Fast alles, was der Armee gehörte, stapelte er akkurat aufeinander, wie es sich für einen Gefreiten gehört. Die Handvoll privater Habseligkeiten, vor allem den Laptop, hatte er schon mit der Post heimgeschickt, zu den Eltern nach Idaho. Nur Wasser, Messer und etwas zu schreiben packte der damals 23 Jahre alte Amerikaner in seinen leichten Rucksack, als er sich mitten in der Nacht auf den 30. Juni 2009 von seinem Stützpunkt in der ostafghanischen Provinz Paktika stahl, einem notdürftig mit Nato-Draht gesicherten Außenposten im Taliban-Land. Und seinen Kompass nahm Bergdahl mit. Ob man sich über den Hindukusch wohl nach China durchschlagen könnte, soll er davor einmal sinniert haben.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Ein anderer Kamerad erzählt, der stille Sonderling aus den Rocky Mountains, der nie mit den Kameraden Bier trank, sondern in der Freizeit Dari, Paschtu und Arabisch büffelte, habe von Indien geträumt. In Idaho hatte sich Bergdahl zuletzt in den Buddhismus vertieft. In Paktika fingen amerikanische Aufklärer Stunden nach seinem Verschwinden Funksprüche der Taliban ab: Sie hatten einen amerikanischen Soldaten gefangen. Ihren ersten.

          Obama hatte auf die Patrioten gebaut

          Als Präsident Barack Obama am Samstag neben Bergdahls Eltern die Heimkehr des einzigen amerikanischen Kriegsgefangenen im Afghanistan-Konflikt verkündete, sollte von alledem keine Rede sein – erst recht nicht von der Notiz, die der junge Mann zurückgelassen hatte: Er sei ernüchtert über die Armee, unterstütze die Mission nicht mehr und beginne ein neues Leben. Obama baute darauf, dass Amerikas Patrioten mit ihm jubeln und das Prinzip hochhalten würden, das er am Dienstag in Warschau „als ziemlich heilige Regel“ bezeichnete: „Amerika holt seine Soldaten zurück. Punkt. Bedingungslos.“ Die Taliban freilich hatten Bedingungen gestellt. Fünf Kommandeure der Islamisten ließ Obama aus Guantánamo nach Qatar überstellen. Ersten Fragen, ob dem inzwischen im Militärkrankenhaus von Landstuhl in Rheinland-Pfalz behandelten Soldaten nicht als Fahnenflüchtigem der Prozess zu machen sei, wichen Regierungsvertreter aus.

          Von Vorwürfen keine Rede: Obama bei der Verkündung der Freilassung Bowe Bergdahls mit dessen Eltern am Sonntag im Weißen Haus

          Knapp fünf Jahre Geiselhaft seien wohl genug, hieß es sinngemäß aus dem Weißen Haus und dem Pentagon, wo zunächst gar eine abermalige Beförderung des bereits in Gefangenschaft zum Unteroffizier erklärten Soldaten in Aussicht gestellt wurde. Jetzt solle man sich freuen, dass Bergdahl mit dem Leben davongekommen sei. Das war das Stichwort für einige von Bergdahls Kameraden, ihr 2009 befohlenes Schweigen zu brechen. Nathan Bradley Bathea, der damals Bergdahls Bataillon angehörte, aber auf einem anderen Stützpunkt in Paktika stationiert war, klagte den Heimkehrer auf der Website dailybeast.com an „Dieser Typ“, schreibt Bathea, „war ein Deserteur, und Soldaten seiner eigenen Einheit starben bei dem Versuch, ihn aufzuspüren.“

          Der Autor bringt acht vom Feind getötete Amerikaner in einen Zusammenhang mit den Folgen von Bergdahls Flucht: Zwei kamen ums Leben, als die Taliban einen anderen Außenposten in der Provinz überrannten – was nur habe geschehen können, weil Aufklärungsflugzeuge durch die Suche nach dem Deserteur abgelenkt gewesen seien. Zwei weitere Kameraden traten auf einer Aufklärungsmission etwa sieben Wochen nach Bergdahls Verschwinden auf einen versteckten Sprengsatz. Noch eine Woche später wurde ein Amerikaner erschossen, angeblich bei der Fahndung nach einem potentiellen Geiselnehmer. Drei weitere Soldaten seien Anfang September bei Patrouillen durch Dörfer getötet worden, wo man Bergdahl vermutet habe.

          Die Republikaner profitieren

          Das Pentagon beharrt darauf, kein Zusammenhang zwischen den acht gefallenen Soldaten und der Suche nach Bergdahl sei nachweisbar. Nach Angaben der „New York Times“ sind in den vier Monaten nach Bergdahls Flucht in Paktika keine weiteren als die acht von Bathea genannten gefallen. In Bergdahls Heimatort Hailey wird nun daran gearbeitet, die für den fünften Jahrestag seiner Verschleppung geplante Kundgebung in ein Willkommensfest zu verwandeln. Doch im konservativen Lager sind alle Hemmungen gefallen. Seinen Leitartikel im „Wall Street Journal“ vom Dienstag beginnt der Obama-Feind Bret Stephens mit dem Plädoyer eines namenlosen früheren Angehörigen einer Spezialeinheit, Bergdahl mit einem Erschießungskommando zu begrüßen. Für Desertion in Kriegszeiten könnten Militärtribunale die Todesstrafe verhängen, erläutert der Kommentator.

          Interviews mit Bergdahls wütenden Kameraden werden von Strippenziehern der Republikaner eingefädelt. Sie erleichtern ihnen den Versuch, dem Präsidenten einen Strick aus der Sache zu drehen. Obama bietet ihnen reichlich Angriffsfläche, weil er den Kongress erst im Nachhinein unterrichtete und sich damit über ein Gesetz hinwegsetze, nach dem er die Abgeordneten und Senatoren 30 Tage im voraus über die Überstellung von Guantánamo-Häftlingen informieren muss. In der heiklen Leben-oder-Tod-Lage sei das nicht möglich gewesen, argumentiert das Weiße Haus und verweist auf die Vorrechte des Oberbefehlshabers. Allerdings machte ein Telefonat Obamas mit dem Emir von Qatar schon am Dienstag der vorigen Woche den Handel mit den Taliban perfekt. Vor allem Republikaner erkennen in Obamas Vorgehen alle Untugenden wieder, die sie ihm ohnehin unterstellen: einen selbstherrlichen Umgang mit den Gesetzen und einen Hang, sich in Gesprächen von Amerikas Feinden über den Tisch ziehen zu lassen.

          Am Dienstag verbreitete Generalstabschef Martin Dempsey eine zweite Presseerklärung zum Fall Bergdahl. Er stellte vage eine Untersuchung in Aussicht und schloss mit einem Satz, der in seiner Mitteilung vom Samstag gefehlt hatte: „Ich möchte allen danken, die fast fünf Jahre lang nach ihm suchten, seine Rettung planten und letztendlich ihre eigenen Leben riskiert haben, um ihn zurückzuholen.“

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