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Egbert Bülles : Frohnatur mit Biß

  • -Aktualisiert am

Ein Mann mit Gespür: Oberstaatsanwalt Egbert Bülles Bild: dpa/dpaweb

Er gilt als witziger Kopf: Der Kölner Oberstaatsanwalt Egbert Bülles ist einer der wichtigsten Zeugen im Visa-Untersuchungsausschuß. Ein Porträt des Mannes, der die Visa-Affäre ins Rollen brachte.

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          "Dieser Mann bringt Fischer unter Druck", prophezeite die Kölner Ausgabe der "Bild"-Zeitung am 18. Februar: "Unter dem Aktenzeichen 100 JS 147/01 ermittelte er gegen eine Schleuserbande und löste damit die Visa-Affäre aus." Der Mann heißt Egbert Bülles.

          Wer ihn nicht näher kennt, nennt ihn gern eine rheinische Frohnatur. Doch der Schein trügt. Er stammt zwar aus Langenberg, ist aber in Aachen aufgewachsen und hat dort, an einem altsprachlichen Gymnasium, auch Abitur gemacht: „an Allerseelen 1966". Zweifellos ein Rheinländer, wenn auch "eine besondere Spezies". Sagt er selber. Bülles ist Oberstaatsanwalt in Köln, seit elf Jahren Leiter der Abteilung "Organisierte Kriminalität". Und einer der wichtigsten Zeugen im Visa-Untersuchungsausschuß des Bundestags.

          Am besten gleich heimfahren

          Am frühen Freitagabend ist er von seiner Berlin-Exkursion nach Bonn zurückgekehrt, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt, und wirkt deutlich entspannt. Obwohl er sich vermutlich heftig geärgert hat. Drei Tage war er unterwegs - und fast wäre er, ohne auch nur mehr als seinen Namen verraten zu dürfen, wieder abgereist. Weil seine Vernehmung ursprünglich für den Donnerstagmorgen anberaumt war, ist er schon am Mittwoch losgefahren, hatte sich aber, "für alle Fälle", auch den Freitag noch freigehalten.

          Von neun Uhr wird sein Auftritt zunächst auf zwölf Uhr, dann auf den Nachmittag verschoben. Nachdem der FDP-Obmann Hellmuth Königshaus erklärt hat, daß die Zeit für eine gründliche Befragung eigentlich viel zu kurz sei, wird abgestimmt. Man beschließt, daß die drei geladenen Zeugen - Bülles ebenso wie Ulrich Höppner, Vorsitzender am Landgericht Köln, und Wolfgang Schmitz-Justen, Vorsitzender Richter am Landgericht Bonn - am besten gleich heimfahren, es geht schließlich aufs Wochenende zu. Am 31. März sollen sie wieder vorsprechen.

          Ein witziger Kopf

          Wenn Bülles, Jahrgang 1946, die Fassung verliert, hält er mit seinem Groll nicht hinter dem Berg. Mir ist das vertraut. Wir sind seit vierzig Jahren befreundet, haben zusammen Abitur gemacht und gemeinsam Fußball gespielt. Wenn er außer sich ist, sagt er eine Weile lieber nichts mehr, sondern verläßt den Raum und macht ein paar Schritte ins Freie. Dort findet er meist die Sprache wieder und macht auch vernehmlich Gebrauch davon.

          In Berlin stehen zwei oder drei Dutzend Journalisten im Gang. Die horchen auf. Mit Journalisten kommt er gut zurecht. Denn Bülles ist ein witziger Kopf. Er hat ein Gespür für Zuspitzungen und Pointen. Und er hat Rhetorik genug am Leib, sie auf der Stelle unters Volk zu bringen. Er bezeichnet sich immer noch als Alt-Achtundsechziger und ist stolz darauf, daß man ihm, "linker Umtriebe wegen", das Zimmer in der katholischen Studentenverbindung seinerzeit fast gekündigt hätte. Daß er eine Zeitlang Mitglied der CDU war, "gilt nicht mehr". Aus der CDU ist er, nach den Attacken des damaligen CSU-Generalsekretärs auf die Bonner Staatsanwaltschaft, schon vor zwanzig Jahren wieder ausgetreten.

          Aufzuhalten ist er nicht

          Ausgeprägtes Pflichtbewußtsein und immensen Fleiß sagen ihm auch jene nach, die darunter mehr oder weniger zu leiden haben. Wer nicht zum Kölner Fußball geht, hat montags womöglich einen schweren Stand bei ihm. Nur auf den Fluren des Auswärtigen Amtes, so heißt es, sei manchmal ein unterdrückter Weh- und Klagelaut zu vernehmen gewesen: "Wer ist eigentlich dieser Bülles?"

          Vor dem Untersuchungsausschuß in Berlin hat man ihn in dieser Woche ein wenig kennenlernen können - in Umrissen, wenn nicht sogar im Profil. Und vielleicht eingesehen, daß man diesen Mann gewähren lassen sollte. Denn aufzuhalten ist er nicht, war er schon als Mittelstürmer nicht, zu bremsen noch weniger.

          Von unbekannter Hand

          Seine bemerkenswerten Wühlqualitäten, als Ermittler in Staatsangelegenheiten, hat er zum ersten Mal in der Causa Stolpe bewiesen, in der er 1995 zwei ergiebige Monate lang als Rechercheur in Brandenburg tätig war. Am Ende ging die Affäre wie das Hornberger Schießen aus - aber der Pulverdampf mochte lange nicht verfliegen. Und Staatsanwalt Bülles wurde aus Potsdam wieder abberufen, bevor er sein von unbekannter Hand zurechtredigiertes Dossier auf den allerletzten Stand bringen konnte.

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