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Edathy-Affäre : Verletzte Kinderrechte

Es sollte nicht so getan werden, als hätten nur die Betrachter versteckt bestellter Bilder Rechte: Die Kinder auf diesen Bildern haben auch welche. Sie werden meist nicht erst durch ihr Betrachten verletzt.

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          Mancher filmt nur noch und verpasst dabei sein Leben. Andere lesen unablässig ihre Mails und verlernen darüber den aufrechten Gang. Jeder Augenblick muss elektronisch festgehalten werden; und was nicht herumgezeigt werden kann, das hat es nie gegeben. Kein Wunder also, dass sich vor dieser Folie das Recht am eigenen Bild verändert. Das gilt auch für das allgemeine Gefühl dafür, was man zeigen kann und was nicht, welche Darstellungen als anstößig, als nicht jugendfrei gelten. Hier hat sich viel verschoben, wie ein Blick in das frei empfangbare Fernsehen zu jeder Tageszeit zeigt.

          Auch die strafrechtlichen Grenzen haben sich verschoben. Zum einen gibt es einen Trend zu mehr Liberalität; zum anderen sind Handlungen strafbar, die noch vor zwanzig Jahren nicht bestraft wurden. Dazu zählt der Besitz von Kinderpornographie, was eigentlich noch nicht einmal eine Handlung ist. Grund dafür, wie für die neuesten, noch weiter gehenden aktuellen Vorschläge im Zuge des Falls Edathy, ist ein unsäglicher Markt, den man trockenlegen will. Dass man mit Bildern nackter Kinder keine Geschäfte macht, darauf kann sich nicht nur die große Koalition schnell einigen. Das heißt aber noch nicht, dass es einfach wäre, dieses Ziel mit dem Strafrecht zu erreichen. Nun sind Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen strafbarem Tun und, wie es so schön heißt, sozialadäquatem Verhalten auch bei noch so ausgefeilten Tatbeständen nichts Besonderes. Hier kommt freilich hinzu, dass schon das Aufrufen inkriminierter Bilder am Bildschirm strafbar ist – und schon der (öffentlich gewordene) Verdacht die soziale Vernichtung bedeuten kann.

          Die haben jedenfalls Kinderschänder nach einer weitverbreiteten Ansicht auch verdient; Kanzler Schröder forderte einst in großer Auflage, die müsse man wegsperren, und zwar für immer. Damit waren aber nur die schon Verurteilten gemeint, nicht Verdächtige. Richtig ist auch, dass diese Triebtäter im Vorfeld mit dem Strafrecht nur begrenzt zu erreichen sind; und dass Missbrauch von Schutzlosen in fernen Ländern durch ein bestimmtes Konsumverhalten in westlichen Ländern in vielerlei Hinsicht gefördert wird. Andererseits sollte nicht so getan werden, als hätten nur die Betrachter versteckt bestellter Bilder Rechte. Nein, die Kindern auf diesen Bildern haben auch welche. Und werden meist nicht erst durch Betrachten verletzt.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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