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Dschihadismus : Arbeitslose und Straftäter ziehen in den heiligen Krieg

Propagandavideos sind für die Rekrutierung des IS weniger wichtig als angenommen Bild: Picture-Alliance

Polizei und Verfassungsschutz haben die Erkenntnisse über Dschihadisten aus Deutschland statistisch ausgewertet. Es scheint, als ob der Dschihad zu einem erheblichen Teil Leute anzieht, die keinen festen Platz in der deutschen Gesellschaft finden.

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          Über die Leute, die von Deutschland aus in den Dschihad ziehen, weiß man durch die Schilderung von Einzelfällen manches. Systematische Studien gab es bisher aber nicht, weshalb sich trotz der Brisanz des Problems viele wichtige Fragen nur oberflächlich beurteilen ließen: Zieht es Junge oder Alte auf die Schlachtfelder in Syrien und im Irak, mehr Männer oder mehr Frauen? Was führt zur Radikalisierung? Was haben die selbsternannten Gotteskrieger in ihrem Vorleben gemacht?

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Die Antworten darauf haben große Bedeutung für die Arbeit der Sicherheitsbehörden wie auch anderer Einrichtungen, die sich mit Islamismus und Gewalt befassen.

          Polizei und Verfassungsschutz haben sich über das sogenannte „Gemeinsame Terrorabwehrzentrum“ jetzt die Mühe gemacht, die vorhandenen Erkenntnisse über Dschihadisten aus Deutschland statistisch auszuwerten. Herausgekommen ist eine 18 Seiten starke Analyse, die bisher unveröffentlicht ist, aber dieser Zeitung vorliegt.

          Sie enthält keine großen Überraschungen, sondern einen ernüchternden Schluss: Die Biographien der Dschihadisten seien so vielfältig, dass auch hier gelte, was ganz allgemein bei der Beschäftigung mit islamistischer Radikalisierung festzustellen sei: „Es gibt kein typisches Profil.“

          Ein paar Verallgemeinerungen lassen sich der Studie trotzdem entnehmen. Ausgewertet wurden Daten über 378 Personen, die bis Ende Juni 2014 „aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien ausgereist sind“, wie es in der Analyse heißt.

          Davon waren 89 Prozent Männer und 11 Prozent Frauen. Obwohl es weibliche Kämpferinnen (oder Kämpfergemahlinnen) gibt, ist der Dschihad also überwiegend ein männliches Phänomen.

          Interessant sind die Erkenntnisse zur Altersstruktur. Die landläufigen Vorstellungen von jungen Hitzköpfen wird von der Statistik auf den ersten Blick bestätigt: Die meisten der Dschihadisten (nämlich 125 von 322) waren zum Zeitpunkt ihrer Ausreise 21 bis 25 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem auch aus anderen kulturellen Zusammenhängen ein Hang zum Rebellentum bekannt ist.

          Ausgereist sind aber auch 56 Personen im Alter von 15 bis 20 Jahren, also halbe Kinder, und 37 Personen im Alter von 31 bis 35 Jahren, in dem sonst die Verbürgerlichung weit fortgeschritten ist. Einer ist sogar 1950 geboren.

          Ein Blick auf den Familienstand der Erfassten bestätigt den Eindruck, dass hier nicht nur ungebundene Abenteurer in den Krieg ziehen. Die Hälfte der Ausgereisten war verheiratet; 104 von ihnen haben Kinder.

          Die Daten zur Herkunft zeigen, dass es für die Radikalisierung kaum eine Rolle zu spielen scheint, ob jemand lange in Deutschland gelebt hat. 61 Prozent der Ausgereisten wurden in Deutschland geboren, es folgen 31 andere Länder. Die nächstgrößere Gruppe ist die der in Syrien Geborenen (8 Prozent), bei der sich religiöse mit nationalen Motiven mischen dürften. Danach kommen gebürtige Türken (6), Libanesen (3) und Russen (3).

          Wie lange sich jemand in der säkularen und pazifistischen deutschen Mehrheitsgesellschaft bewegt hat, scheint also nicht von größerem Belang zu sein. Das lässt Zweifel an der immer wieder geäußerten These aufkommen, der Dschihad-Tourismus sei vor allem Ausdruck mangelnder Integration.

          Ein ähnlicher Befund ergibt sich bei der Staatsangehörigkeit: 37 Prozent haben nur die deutsche, 24 Prozent die deutsche und eine andere (die meisten davon sind Deutschmarokkaner). 14 Prozent der Ausgereisten sind türkische Staatsangehörige, 5 Prozent Syrer und 4 Prozent Russen.

          In der öffentlichen Debatte ist immer wieder auf das Phänomen der Konvertiten hingewiesen worden, denen eine besondere Empfänglichkeit für Radikalität nachgesagt wird. Sie sind mit 14 Prozent der Ausgereisten eine signifikante Größe, wenn auch immer noch eine kleine Minderheit.

          Frauen scheinen hier besonders anfällig zu sein, denn ihr Anteil an den Konvertiten ist doppelt so hoch wie ihr Gesamtanteil an den Ausgereisten.

          Was man sonst vom Vorleben der Dschihadisten weiß, deutet auf Probleme beim gesellschaftlichen Aufstieg hin. Die Daten zur Bildung liegen noch etwa im Mittel der Gesamtbevölkerung. So haben von den 116 Ausgereisten, die einen Schulabschluss haben, 31 eine Realschule und 41 ein Gymnasium absolviert; 46 begannen eine Ausbildung, 43 studierten, 8 hatten einen Hochschulabschluss.

          Aber 82 Personen (21 Prozent) waren vor ihrer Ausreise arbeitslos, und nur von 46 Personen (12 Prozent) ist bekannt, dass sie einem Beruf nachgegangen sind. „Die bekannten beruflichen Tätigkeiten sind ganz überwiegend dem gering-qualifizierten Sektor und damit dem Niedriglohnbereich zuzuordnen“, heißt es in der Studie.

          Hinzu kommt eine bemerkenswerte Neigung zur Straffälligkeit: 249 Ausgereiste haben Straftaten begangen, darunter am häufigsten Gewaltdelikte, gefolgt von Eigentums- und Drogendelikten. Nach der Radikalisierung ändert sich die Art der Kriminalität deutlich: Dann dominiert die sogenannte „politisch motivierte Kriminalität“ vor Gewalt- und Eigentumsdelikten. Es scheint, als ob der Dschihad zu einem erheblichen Teil Leute anzieht, die keinen legalen Platz in der deutschen Gesellschaft finden.

          Die Selbstradikalisierung über das Internet, die der „Islamische Staat“ mit seinen aufwendigen Videos zu befeuern versucht, scheint in der Wirklichkeit eine überraschend geringe Rolle zu spielen. Nur bei 18 Prozent der Ausgereisten führte offenbar Propaganda aus dem Internet zur Radikalisierung, auch wenn die Studie den berechtigten Hinweis enthält, dass Quantität und Qualität von Internetnutzung schwer zu erfassen seien.

          Mit Abstand am wichtigsten war der Kontakt zu Freunden (30 Prozent der Ausgereisten), vor Kontakten zu salafistischen Moscheen (23 Prozent). Die Bedeutung dieser beiden Faktoren nahm im Verlauf der Radikalisierung zu, ebenso wie die von Koran-Verteilungen.

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