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Droht das totale Chaos? : Afghanistan ist nicht Irak

Apologeten des Untergangs sehen Afghanistan im Chaos versinken und einen Bürgerkrieg aufziehen. Werden islamistische Terroristen wieder die Macht übernehmen? Die Wahl zeigt: Für einen Abgesang ist es zu früh.

          Zweieinhalb Jahre nach dem Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak stehen islamistische Terroristen vor den Toren Bagdads. Wird es Afghanistan ähnlich ergehen? Werden die Taliban abermals ihr Steinzeitregime etablieren und Al Qaida Zuflucht gewähren, nachdem Ende 2016 die letzten amerikanischen Soldaten den Hindukusch verlassen haben werden? Untergangsapologeten sehen Afghanistan schon seit Jahren im Chaos versinken und einen Bürgerkrieg am Horizont aufziehen.

          Doch die Millionen Wähler, die am Samstag in der Stichwahl für das Präsidentenamt abermals den Drohungen der Taliban trotzten, machten nicht den Eindruck, als bereiteten sie sich auf den Untergang vor. Vielmehr macht sich in vielen Teilen des Landes vorsichtiger Optimismus breit. Das liegt daran, dass Afghanistan mit dem Ende der zwölfjährigen Ära Karzai und dem ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes die Chance auf dringend gebotene Kurskorrekturen erhält.

          Die größte Gefahr sind nicht die Taliban

          Beide Kandidaten haben angekündigt, die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und zu Pakistan rasch zu verbessern, einen Dialog mit den Taliban zu suchen und gegen die allgegenwärtige Korruption vorzugehen. Die größte Gefahr für den schwachen afghanischen Staat sind nicht die Taliban, sondern eine korrupte, als illegitim betrachtete Regierung. Auch im Irak waren es schließlich nicht die 8000 Isis-Kämpfer, die Mossul zu Fall brachten, sondern sunnitische Stammesführer und entmachtete ehemalige Gewährsleute von Saddam Hussein, die von Bagdad marginalisiert worden waren. Ein deutlicher und von allen Seiten als relativ sauber angesehener Wahlausgang in Afghanistan würde der Regierung in Kabul neue Legitimität verleihen. Allerdings hat der Attentatsversuch auf den favorisierten Kandidaten Abdullah gezeigt, wie nah das Land am Abgrund steht.

          Würde Kabul fallen, hätte dies verheerende Auswirkungen auf die gesamte Region. Eine Neuauflage des Stellvertreterkriegs zwischen Pakistan, Indien, Iran und Saudi-Arabien, wie nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1989 wäre wohl die Folge. Die Kriegsparteien von damals haben nach wie vor beste Verbindungen nach Teheran, Delhi, Islamabad und Riad. Doch keines der Nachbarländer, nicht einmal Pakistan, dürfte an einem solchen Szenario ein Interesse haben. Ohne die Hilfe Islamabads hätten die Taliban 1996 wohl niemals Kabul erobern können. Von dem Pakistan-freundlichen Regime im Nachbarland versprachen sich die Militärs strategische Tiefe im Konflikt mit Indien.

          Inzwischen aber kämpft Pakistan selbst mit den Geistern, die es rief. Nicht Indien, sondern islamistische Extremisten sind heute die größte Gefahr für den Fortbestand Pakistans. Das an Energiemangel leidende Land könnte zudem von einem friedlichen Afghanistan wirtschaftlich profitieren, wenn die seit langem geplante Gaspipeline aus Zentralasien endlich gebaut werden könnte. Indien wiederum hat, um Islamabad nicht zu provozieren, bisher der Versuchung widerstanden, die afghanische Armee aufzurüsten, obwohl der scheidende Präsident Karzai sich Delhi förmlich an den Hals geworfen hat.

          Anders als in Syrien oder der Ukraine decken sich die Interessen Russlands und Chinas im Fall Afghanistan weitgehend mit jenen des Westens. Vor allem Peking könnte künftig eine Schlüsselrolle zukommen. Zum einen, weil die Regierung verhindern will, dass ein Wiedererstarken der Taliban an seiner Westgrenze die Islamisten in der Provinz Xinjiang stärkt. Zum anderen wegen seiner engen Beziehungen zu Pakistan. Nach mehreren Anschlägen auf Zivilisten in China hat Peking in den vergangenen Wochen bereits den Druck auf das pakistanische Militär erhöht, gegen Extremisten vorzugehen.

          Schmerzhafte Jahre eines Patts

          Mit seiner Ankündigung, die amerikanischen Truppen bis Ende 2016 vollständig abzuziehen, hat Präsident Barack Obama nicht nur Afghanistans Nachbarländer in Sorge versetzt, sondern auch die afghanischen Sicherheitskräfte. Sie werden nun deutlich früher als geplant ohne die Luft- und logistische Unterstützung sowie die Aufklärungshilfe der Amerikaner auskommen müssen. Ob sie unter diesen Umständen dem Ansturm der Taliban standhalten werden, bleibt abzuwarten. In manchen Gebieten, aus denen sich die internationalen Truppen zurückgezogen haben, hat sich die Sicherheitslage sogar verbessert, in anderen dagegen verschlechtert.

          Die Taliban haben den Sicherheitskräften erhebliche Verluste beigebracht – die inzwischen etwa gleichauf mit den Verlusten der Dschihadisten selbst sind. Doch mit ihrer Taktik der schnellen Schläge aus dem Hinterhalt scheinen sie weit davon entfernt, wie Isis im Irak ganze Städte einnehmen zu können – von Kabul zu schweigen. So steht Afghanistan wohl weniger ein zweites Mossul bevor, als schmerzhafte Jahre eines Patts zwischen Taliban und Regierungstruppen. Früher oder später könnte das die Aufständischen an den Verhandlungstisch bringen. Der jüngste Austausch des amerikanischen Soldaten Bowe Bergdahl gegen fünf ranghohe Taliban hat erste Hoffnungen geweckt, dass eine Annäherung möglich ist. Für einen Abgesang auf Afghanistan scheint es jedenfalls noch zu früh.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

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