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Erinnerungskultur : Wie Dresdener Schüler die Diktatur der DDR erleben

Stehen Sie unbequem:Schauspieler zeigen den Schülern, wie es in der DDR zuging. Bild: Matthias Lüdecke

Für junge Leute ist die DDR sehr weit weg. Das kann geändert werden: zum Beispiel, wenn Schauspieler einer Schulklasse in Dresden vorführen, wie der Alltag in der Diktatur war.

          6 Min.

          Für Emma ist die Stunde gleich nach Unterrichtsbeginn zu Ende, denn der „Genosse Hoffmann vom Ministerium für Volksbildung“ führt sie aus dem Raum. Emma, 17 Jahre alt, soll einen Sprach an die Schulhofmauer gepinselt haben: „Freie Wahlen auch in der DDR“, und das sei ja wohl „ungeheuerlich“, hatte Hoffmann vor der versammelten Klasse geschnarrt. „Wer behauptet, in der DDR gebe es keine freien Wahlen, der sagt auch, dass dieser Staat lügt, und wer das sagt, ist nicht würdig, auf Kosten unserer Arbeiter und Bauern ausgebildet zu werden.“ Dann fällt die Tür ins Schloss. „Bei uns ist kein Platz für Verräter!“, ruft die Lehrerin noch hinterher.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Emmas Mitschüler gucken zunächst ungläubig, einige auch irritiert, andere lachen verlegen. Dann geht die Tür wieder auf, Genosse Hoffmann kommt mit Emma herein, und beide setzen sich zum Gespräch an einen Tisch. Dass sie von der Schule flog, sei misslich, aber unvermeidlich gewesen, beginnt Hoffmann in jovialem Ton. Er malt ihr die Konsequenzen aus: kein Abitur, kein Studium, verpfuschte Zukunft. Aber Hoffmann hat auch einen Ausweg. „Soll ich dir helfen?“, fragt er und rückt näher. Emma blickt ihn unsicher an, nickt dann. Es gebe die Möglichkeit, eine andere Schule zu besuchen. Hoffnung! Voraussetzung sei natürlich, sie zeige sich politisch einsichtig, erzähle ihm ein bisschen etwas über ihre Freunde und bewahre darüber selbstverständlich Stillschweigen.

          Das Ganze ist ein Spiel; die Klasse 10 d des Marie-Curie-Gymnasiums Dresden lernt etwas über die DDR. 22 Schüler sind in der Klasse, alle um die Jahrtausendwende geboren, als die DDR längst Geschichte war. Eine Schülerin hat blaue Haare, eine andere schlappt in Flipflops herum, ein Schüler trägt Pluderhosen, ein anderer hat „Fuck Google, ask me“ auf seinem T-Shirt stehen. Sie sitzen in einem nagelneuen Schulhaus mit teurer Technik und modernen Möbeln. Sie genießen ein Höchstmaß an Freiheit, Bildung und Komfort.

          Fehlende Erinnerung

          Die Schüler haben keine Erinnerung daran, wie anders das Leben in Dresden zu DDR-Zeiten war. Und immer wieder ist Bedenkliches zu hören darüber, wie viel – oder wenig – Schüler in Deutschland über die jüngere deutsche Geschichte wissen und über die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur. Honecker? Keine Ahnung. Die DDR? Ein Sozialparadies! Und Helmut Schmidt einer ihrer bekanntesten Politiker. So lauteten schon Antworten in Umfragen.

          Dem Wissen lässt sich mit Unterricht, Ausstellungen und Zeitzeugen auf die Sprünge helfen; die Schauspieler Regina Felber und Thomas Förster haben einen anderen Ansatz gewählt: In einer Stunde lassen sie den DDR-Alltag in rund einem Dutzend Szenen wieder aufleben. Es geht um FDJ, Wehrkunde und Mauer, um Jugend-Opposition, Westpakete und Volkskammerwahl. So soll ein „emotionaler Zugang“ zum Thema möglich werden, sagt Lutz Rathenow, Sachsens Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er hat das Stück konzipiert. „Wir bauen damit eine Brücke, und für manchen Schüler ist es der erste Schritt für ein tiefergehendes Interesse.“

          „Anspruch und Wirklichkeit“

          Sachsens Lehrplan sieht für die deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wiedervereinigung allgemein 22 Unterrichtsstunden vor, erst in der zwölften Klasse werden explizit auch „Anspruch und Wirklichkeit“ der DDR behandelt. In anderen Bundesländern, etwa in Nordrhein-Westfalen, wird die DDR im Gymnasiallehrplan für Geschichte nicht einmal erwähnt. Im Westen ist die DDR, wenn überhaupt, nur eine Fußnote. Im Osten ist sie noch in jedem Elternhaus präsent, auch wenn es oft schon die Großeltern-Generation ist, die noch aus eigener Erfahrung berichten kann. Je nach Erleben wird die DDR dann verdammt, verklärt, manchmal auch noch geliebt, und das färbt sowohl auf die Jugend ab als auch auf den Unterricht.

          Wie lebte es sich in der Diktatur? Vielen jungen Leuten fehlt die Erinnerung dazu.

          Regina Felber, die das Stück mit ihrem Schauspielpartner Thomas Förster bisher rund 300 Mal aufgeführt hat, sagt: „Wir merken starke Unterschiede zwischen Stadt und Land.“ Ländliche Gebiete sind oft geprägt von Abwanderung, Überalterung und Deindustrialisierung; dort werde die DDR mehr verklärt, auch in Ablehnung und Abgrenzung zum Westen und zum Kapitalismus. Erhebliche Unterschiede habe es bis vor einigen Jahren auch zwischen Schülern aus Ost und West gegeben. „Westdeutsche gehen unbefangener mit dem Thema um, Ostdeutsche halten sich eher zurück“, sagt Thomas Förster. Das falle besonders in Diskussionen nach dem Spiel auf, wenn Partnerklassen aus dem Westen dabei seien.

          Zugriff der Diktatur auf den Einzelnen

          Antje Meurers, die Geschichtslehrerin der 10 d, weiß, dass das Theaterstück den DDR-Alltag zugespitzt behandelt, bisweilen plakativ. Wegen Jeans und Markenklamotten etwa sei in den achtziger Jahren ihres Wissens niemand mehr von der Schule verwiesen worden, auch Plastetüten aus dem Westen wurden da nicht mehr konfisziert. Aber darum geht es nicht – sondern darum, den Zugriff der Diktatur auf den Einzelnen zu zeigen, und den gab es bis zum Schluss.

          Die Lehrerin weiß das selbst am besten, sie übt ihren Beruf seit 1976 in Dresden aus. Sie hat erlebt, wie Schüler ihrer Klasse, die sich in Wehrkunde geweigert hatten, zu schießen, von der Direktorin mit Hinweisen auf Abitur und Zukunft unter Druck gesetzt wurden. Sie habe sich damals vor ihre Schüler gestellt, sagt sie. Als sie bei der Kommunalwahl im Mai 1989 gegen den SED-Kandidaten stimmte, wäre sie beinahe von der Schule geflogen. „Ich bin dafür vor allen Kollegen gemaßregelt worden, dass ich nicht würdig wäre, Kinder in einer sozialistischen Schule zu erziehen“, erzählt sie. „Ich wurde regelrecht fertiggemacht.“ Es hagelte Vorwürfe, sie solidarisiere sich mit „Republikflüchtlingen“, ihre Kandidatur für den Gewerkschaftsvorsitz wurde gestrichen, und besonders bitter sei ihr in Erinnerung, wie alle Kollegen dazu geschwiegen hätten.

          Im Herbst 1989 engagierte sich Meurers in der Bürgerbewegung Neues Forum; die friedliche Revolution empfand sie als Befreiung. Mit Aussagen wie „Früher war alles besser“, die sie in diesen Zeiten wieder häufiger höre, kann sie nicht viel anfangen; sie erzählt dann, was sie selbst erlebt hat. Ihre Schüler sagen, dass sie diese Art des Unterrichts gut finden, anschaulich, auch wenn die DDR für die meisten von ihnen ein Thema neben vielen ist. Was sie aus Erzählungen wissen, ist, dass Westpakete herrlich dufteten, dass es kaum Bananen gab und man nicht überallhin reisen durfte. In der Klasse sind auch Schüler mit Eltern aus dem Westen, aus Schweden, aus Vietnam. „Das Interesse der Schüler ist immer so groß, wie man es weckt“, sagt die Lehrerin. Freilich gebe es auch Kollegen, die das Thema DDR mieden wie der Teufel das Weihwasser.

          „Das kann man sich gut vorstellen“

          Die Schauspieler Felber und Förster haben diese Erfahrung auch gemacht. Verdrängung möge dabei eine Rolle spielen und auch Scham darüber, in der DDR geschwiegen zu haben. Manchmal sagten Lehrer auch, dass ihnen Szenen zu weit gingen, aber das befeuere im besten Fall die Diskussionen nach der Aufführung. Und die führten die Schüler heute deutlich selbstbewusster als noch vor einiger Zeit. Auffallend sei dabei, dass die DDR und das Thema Ost-West zunehmend in den Hintergrund rückten; stattdessen werde über den Wert der Demokratie diskutiert. Die Klasse 10 d war elektrisiert von der Frage, ob eine Diktatur und mit ihr auch Verhältnisse wie die gezeigten in der Schule wiederkommen könnten.

          Anschauungsmaterial: In einem DDR-Museum lassen sich zwar Artefakte der Zeit bewundern, doch der Zugang zum Alltag bleibt verschlossen.

          „Das kann ich mir gut vorstellen“, sagt Ruben. Man müsse sich ja nur mal angucken, was in Dresden los sei. „Unsinn“, widerspricht Teresa. Wenn Lehrer versuchen sollten zu indoktrinieren, würde sich doch jeder dagegen wehren. „Die Schüler haben ihre Meinung und vertreten sie.“ Viele hätten zwar eine Meinung, sagt daraufhin Anja, aber nur die wenigsten trauten sich, sie auch auszusprechen. „Viele von uns wissen doch, was manche Lehrer hören wollen, und dann schlucken sie ihre eigene Meinung runter, um besser dazustehen.“

          In der Klasse wird es jetzt laut, viele stimmen zu, andere protestieren, aber Anja setzt noch einen drauf: Auch in der Klasse gebe es Gruppenzwang; wer nicht stark genug sei, schließe sich aus Angst vor Ausgrenzung lieber schnell der Mehrheit an. „Viele von uns sagen ihre Meinung nicht.“ Das sei nicht nur in der Schule so, pflichtet Niklas bei. „Auch im Arbeitsleben wird viel runtergeschluckt.“ Wer seine Meinung allzu offen vertrete, riskiere seinen Job. Das – manche Schüler desillusionierende – Fazit der Diskussion lautet, dass man sich auch in der heutigen Gesellschaft in vielfältiger Form freiwillig anpasst oder anzupassen hat.

          Bewältigung der Vergangen und Fragen der Gegenwart

          So vermittelt das Stück nicht nur Geschichte, sondern wirft auch Fragen für die Gegenwart auf: Wie verhalten wir uns in der Freiheit? Engagieren wir uns für Demokratie und Gesellschaft? Schweigen wir, wenn Unrecht geschieht? Der verstorbene Berliner Kabarettist Peter Ensikat hat dazu mal gesagt: „In der Demokratie mitzulaufen ist eben nicht mutiger, als in der Diktatur keinen Widerstand geleistet zu haben.“

          Anstand und Zivilcourage seien in der Demokratie nicht selbstverständlich, sagt die Lehrerin. Sie macht auch heute den Mund auf, engagiert sich bei Pro Asyl, bei Abgeordnetenwatch und gegen Pegida. Sie gibt ihren Schülern keine Meinung vor, aber sie vermittelt ihnen, dass es wichtig ist, eine Haltung zu haben. Bei vielen Lehrern habe sie das nach der Wende vermisst, sagt sie, als wieder ein „ungeheures Duckmäusertum“ geherrscht habe. Das speiste sich auch aus der Angst, politisch anzuecken, und es traf sich mit dem Willen der in Sachsen seit 1990 regierenden CDU, die nach den Erfahrungen in der DDR nicht nur Politik, sondern politische Bildung überhaupt aus den Schulen fernzuhalten versuchte. Das jedoch führte zu einem eklatanten Mangel an politischer Streit- und Konfliktkultur, der landesweit Folgen hat – und der inzwischen auch in Theatern aufgearbeitet wird.

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