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Erinnerungskultur : Wie Dresdener Schüler die Diktatur der DDR erleben

„Anspruch und Wirklichkeit“

Sachsens Lehrplan sieht für die deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wiedervereinigung allgemein 22 Unterrichtsstunden vor, erst in der zwölften Klasse werden explizit auch „Anspruch und Wirklichkeit“ der DDR behandelt. In anderen Bundesländern, etwa in Nordrhein-Westfalen, wird die DDR im Gymnasiallehrplan für Geschichte nicht einmal erwähnt. Im Westen ist die DDR, wenn überhaupt, nur eine Fußnote. Im Osten ist sie noch in jedem Elternhaus präsent, auch wenn es oft schon die Großeltern-Generation ist, die noch aus eigener Erfahrung berichten kann. Je nach Erleben wird die DDR dann verdammt, verklärt, manchmal auch noch geliebt, und das färbt sowohl auf die Jugend ab als auch auf den Unterricht.

Wie lebte es sich in der Diktatur? Vielen jungen Leuten fehlt die Erinnerung dazu.

Regina Felber, die das Stück mit ihrem Schauspielpartner Thomas Förster bisher rund 300 Mal aufgeführt hat, sagt: „Wir merken starke Unterschiede zwischen Stadt und Land.“ Ländliche Gebiete sind oft geprägt von Abwanderung, Überalterung und Deindustrialisierung; dort werde die DDR mehr verklärt, auch in Ablehnung und Abgrenzung zum Westen und zum Kapitalismus. Erhebliche Unterschiede habe es bis vor einigen Jahren auch zwischen Schülern aus Ost und West gegeben. „Westdeutsche gehen unbefangener mit dem Thema um, Ostdeutsche halten sich eher zurück“, sagt Thomas Förster. Das falle besonders in Diskussionen nach dem Spiel auf, wenn Partnerklassen aus dem Westen dabei seien.

Zugriff der Diktatur auf den Einzelnen

Antje Meurers, die Geschichtslehrerin der 10 d, weiß, dass das Theaterstück den DDR-Alltag zugespitzt behandelt, bisweilen plakativ. Wegen Jeans und Markenklamotten etwa sei in den achtziger Jahren ihres Wissens niemand mehr von der Schule verwiesen worden, auch Plastetüten aus dem Westen wurden da nicht mehr konfisziert. Aber darum geht es nicht – sondern darum, den Zugriff der Diktatur auf den Einzelnen zu zeigen, und den gab es bis zum Schluss.

Die Lehrerin weiß das selbst am besten, sie übt ihren Beruf seit 1976 in Dresden aus. Sie hat erlebt, wie Schüler ihrer Klasse, die sich in Wehrkunde geweigert hatten, zu schießen, von der Direktorin mit Hinweisen auf Abitur und Zukunft unter Druck gesetzt wurden. Sie habe sich damals vor ihre Schüler gestellt, sagt sie. Als sie bei der Kommunalwahl im Mai 1989 gegen den SED-Kandidaten stimmte, wäre sie beinahe von der Schule geflogen. „Ich bin dafür vor allen Kollegen gemaßregelt worden, dass ich nicht würdig wäre, Kinder in einer sozialistischen Schule zu erziehen“, erzählt sie. „Ich wurde regelrecht fertiggemacht.“ Es hagelte Vorwürfe, sie solidarisiere sich mit „Republikflüchtlingen“, ihre Kandidatur für den Gewerkschaftsvorsitz wurde gestrichen, und besonders bitter sei ihr in Erinnerung, wie alle Kollegen dazu geschwiegen hätten.

Im Herbst 1989 engagierte sich Meurers in der Bürgerbewegung Neues Forum; die friedliche Revolution empfand sie als Befreiung. Mit Aussagen wie „Früher war alles besser“, die sie in diesen Zeiten wieder häufiger höre, kann sie nicht viel anfangen; sie erzählt dann, was sie selbst erlebt hat. Ihre Schüler sagen, dass sie diese Art des Unterrichts gut finden, anschaulich, auch wenn die DDR für die meisten von ihnen ein Thema neben vielen ist. Was sie aus Erzählungen wissen, ist, dass Westpakete herrlich dufteten, dass es kaum Bananen gab und man nicht überallhin reisen durfte. In der Klasse sind auch Schüler mit Eltern aus dem Westen, aus Schweden, aus Vietnam. „Das Interesse der Schüler ist immer so groß, wie man es weckt“, sagt die Lehrerin. Freilich gebe es auch Kollegen, die das Thema DDR mieden wie der Teufel das Weihwasser.

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