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Dossier : Pakistan und Indien: Der nächste "Krieg gegen Terror"?

  • -Aktualisiert am

Bereit zum Krieg? Bild: dpa

Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan zeigt: Die Formel vom "Krieg gegen Terror" entwickelt eine gefährliche Eigendynamik.

          Die Formel vom „Krieg gegen den Terror“ entwickelt eine Eigendynamik, die ihren Erfindern nicht mehr recht sein kann. Schnell greifen Konfliktparteien in aller Welt nun zu dieser Rhetorik, um ihren oft schon über Jahre geführten Krieg zu rechtfertigen und zu verschärfen. Im Krieg gegen Terror, so lautet die vereinfachende Lesart, ist jedes Mittel recht - und der Gegner ist im Zweifelsfall immer Terrorist. Israels Ministerpräsident Ariel Scharon etwa lehnt sich bei seinen Attacken gegen Jassir Arafat gerne an die Sprache der amerikanischen Regierung an und proklamiert das israelische Recht, einen Kampf gegen den Terrorismus palästinensischer Gruppen zu führen. Jüngstes Beispiel in der Reihe der neu definierten Anti-Terror-Kriege: Der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen Indien und Pakistan.

          Der Überfall auf das Parlament in Neu Delhi war für Indien das Signal, ebenfalls einen Krieg gegen Terror zu starten. Und wo der Gegner sitzt, war für die indische Regierung sofort klar: Separatisten aus Kaschmir sollen von Pakistan unterstützt worden sein, ja sogar auf pakistanisches Geheiß hin agiert haben. Die Spannungen in der geteilten Region wachsen. Erst am Mittwochabend kamen bei Anschlägen mutmaßlicher Moslemextremisten im indischen Teil Kaschmirs drei Menschen ums Leben, 34 wurden verletzt.

          Amerikas Problem mit der Glaubwürdigkeit

          Die Vereinigten Staaten haben die Brisanz längst erkannt: Die amerikanische Regierung bemüht sich aktiv um eine Entspannung. Washington drängt Indien und Pakistan, ihren Konflikt durch Dialog auszuräumen. Außerdem hat Präsident George W. Bush Großbritanniens Premierminister Tony Blair gebeten, bei Gesprächen in der Region zu vermitteln.

          Appelle zur Zurückhaltung weist Indiens Regierungschef Atal Behari Vajpayee weiter mit lockerer Hand zurück: Indien habe den „Gipfel der Toleranz“ bereits erreicht, jetzt müsse der Terrorismus bekämpft werden. Und Pakistan gilt Indien als „Terrorstaat“.

          Da fällt es den Amerikanern schwer, noch glaubwürdige diplomatische Formeln zu finden. „Indien hat ein begründetes Recht zur Selbstverteidigung“, hat der amerikanische Regierungssprecher Ari Fleischer nach dem Terroranschlag auf das Parlament gesagt. Dieser Anschlag sei aber kein Grund, gegen Pakistan tätig zu werden. Am liebsten sähen es die USA, wenn sich beide Länder gemeinsam zu einer Art Regional-Allianz gegen den Terror zusammenfänden.

          Keine Abgrenzung

          Indien und Pakistan Hand in Hand gegen den Terrorismus? Das Allianz-Prinzip kann nicht funktionieren. Anders als beim Taliban-Regime und dem Al-Qaida-Netzwerk gibt es im Kaschmir-Konflikt keinen gemeinsamen Feind. Wen die indische Seite als Terroristen bezeichnet, gilt vielen Pakistanis als Freiheitskämpfer. Pakistans Militärmachthaber Musharraf bemüht sich zwar gerade nach dem 11. September, den islamischen Fundamentalismus im Land einzudämmen.

          Die Auslieferung mutmaßlicher Terroristen an Indien nach er aber wie vor ab. Eine klare Abgrenzung von den Terror-Kämpfern im Kaschmir ist ihm noch nicht gelungen. Dabei muss Musharraf daran gelegen sein: Schon jetzt wird die Region als neues Rückzugs- oder auch Kampfgebiet der in Afghanistan zurückgeschlagenen islamistischen Extremisten gehandelt.

          Beim Krieg gegen die Taliban brauchten die Amerikaner Pakistan, da blieb keine Zeit, das Verhältnis Islamabads zu den Kaschmir-Kämpfern unter die Lupe zu nehmen. Jetzt jedoch bricht der oft verdrängte Konflikt offen aus. Von den USA, die mit dem Anti-Terror-Krieg in die Machtkonstellationen in der Region eingegriffen haben, ist jetzt Diplomatie verlangt: Damit aus dem gefährlichen Funkenschlagen zwischen Indien und Pakistan kein Flächenbrand wird. Die Formel vom „Krieg gegen den Terror“ ist dabei wenig hilfreich.

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