https://www.faz.net/-gpf-t5c3

Doping im Sport : „Da muß ein Gesetz her“

  • Aktualisiert am

Anti-Doping-Demonstration bei der Tour de France Bild: picture-alliance/ dpa

Nach dem jüngsten Skandal bei der Tour de France fordern Politiker ein Anti-Doping-Gesetz. Der bayerische Ministerpräsident Stoiber will harte Strafen. Der Deutsche Olympische Sportbund lehnt dagegen ein Gesetz weiter ab.

          3 Min.

          Nach dem Dopingskandal bei der Tour de France werden in Deutschland die Rufe nach einem Anti-Doping-Gesetz immer lauter. „Da kann man sich nicht raushalten. Da muß ein Gesetz her“, sagte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Er hält im Kampf gegen Doping sogar Gefängnisstrafen für möglich. Es handle sich um kriminelles Unrecht. „Man macht eine Sportart kaputt“, sagte er. Gedopte Radsportler zerstörten den Glauben an die Fairneß des Sports. „Das muß vom Staatsanwalt und von den Gerichten geahndet und verfolgt werden.“

          Die Grünen forderten ebenfalls die rasche Einigung auf ein solches Gesetz. Der sportpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Winfried Hermann, forderte eine Ausweitung des Doping-Begriffs. In Deutschland sei es bisher nur verboten, Medikamente zum Doping einzusetzen; bestraft werde nicht der dopende Sportler, sondern der Arzt oder Trainer. Man müsse aber auch den Sportler mit in die Verantwortung einbeziehen.

          „Den Sumpf trocken legen“

          Die Unionsfraktion im Bundestag rief die Bundesregierung auf, „eine Kennzeichnungspflicht für dopingrelevante Arzneimittel“ im Sinne des Arzneimittelgesetzes einzuführen und einen Gesetzentwurf zu erarbeiten, um „die Strafbarkeit des bandenmäßigen und gewerbsmäßigen Handels“ von Dopingsubstanzen zu verschärfen. Die Länder werden aufgefordert, Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften für Doping einzurichten. Der stellvertretende Fraktionschef Wolfgang Bosbach sagte: „Wenn wir diesen Sumpf trocken legen wollen, müssen wir auch den Besitz von Dopingmitteln unter Strafe stellen.“ Die Sportsprecher von CDU/CSU und FDP, Klaus Riegert und Detlef Parr, sind anderer Meinung. „Wir wollen keine Verschärfung über staatliche Maßnahmen, wir brauchen eher weniger als mehr Staat“, meinte Parr.

          Stoiber: „Man macht eine Sportart kaputt”

          Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, vertraut weiter auf die bewährte Arbeitsteilung zwischen Staat und Sport. „Wir brauchen auf der einen Seite verschärfte gesetzliche Möglichkeiten, um auf das Umfeld zuzugreifen“, sagte er. Er forderte härtere Strafen für Ärzte, Betreuer und andere Beteiligte, aber auch eine Harmonisierung der internationalen Gesetze. Zugleich müsse die „Sanktionshoheit der Sportorganisationen über die Athleten“ respektiert werden. Ein durch die Sportgerichtsbarkeit ausgesprochenes mehrjähriges Berufsverbot bleibe die härteste Abschreckung für dopende Sportler. Darüber hinaus eröffneten höhere Strafen für das kriminelle Umfeld der Justiz bessere Zugriffsmöglichkeiten. Ein Anti-Doping-Gesetz, das auch Sportler strafrechtlich verfolgt, ist nach seiner Ansicht aber „die falsche Diskussion“.

          „Herr Bach wird uns nicht aufhalten“

          Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert (SPD), kritisiert, daß der DOSB Strafen für Sportler ablehnt. Er sagte, Thomas Bach müsse sich an die Spitze der Bewegung stellen und nicht ein Anti-Doping-Gesetz verhindern. Zur Bekämpfung des Dopings sei von entscheidender Bedeutung, daß der Besitz von Dopingmitteln auch beim Sportler bestraft werden könne, sagte Danckert. „Das ist genau der Punkt. Das lehnt Herr Bach ab. Ohne den Sportler, der sich dopen läßt oder dopt, gäbe es dieses Problem gar nicht.“ Er verstehe Bach überhaupt nicht an dieser Stelle. „Ich bin sicher, daß er früher oder später auf unsere Linie einschwenken wird. Seine ist nicht mehr haltbar.“ Gerade im Hinblick auf den Radsport sei ein Anti-Doping-Gesetz unumgänglich.

          Die Aufforderung von Rudolf Scharping, alle dopenden Radsportler sollten sich nun dazu bekennen, hält Danckert für einen frommen Wunsch. „Der Radsport hatte Jahr für Jahr die Pflicht, sich von diesem kriminellen Geschehen zu verabschieden. Er hat es objektiv nicht geschafft.“ Eine Alternative zu einem Gesetz sieht er dabei nicht. „Ich weiß nicht, wie wir eigentlich noch in den Spiegel gucken wollen, wenn wir das jetzt nicht hinkriegen“, sagte er. Er ist überzeugt, eine Mehrheit für ein Anti-Doping-Gesetz im Bundestag hinter sich zu haben. „Herr Bach wird uns nicht aufhalten“, sagte er.

          Der Heidelberger Molekularbiologe und Doping-Experte Werner Franke hält ein deutsches Anti-Doping-Gesetz nicht für notwendig. „Wenn man das deutsche Arzneimittelgesetz ernst nimmt und konsequent anwendet, kann man damit sehr viel erreichen. Ich habe damit selbst einige Mal erfolgreich gegen Doping obsiegt“, sagte er. Er sei derselben Meinung wie Bach, daß beim Ruf nach einem Anti-Doping-Gesetz viele Dinge falsch eingeschätzt würden. Vor allem, wenn man sich auf die Vorteile solcher Möglichkeiten in anderen Ländern berufe. In Spanien gebe es dieses Gesetz noch gar nicht, die Erfolge an der Dopingfront seien auf anderem Wege zu Stande gekommen. In Italien würden erst einmal harte Strafen verhängt, in zweiter Instanz nur noch milde und abschließend erfolgten Freisprüche.

          Weitere Themen

          Kein Ende der Krise in Sicht

          Katalonien-Konflikt : Kein Ende der Krise in Sicht

          Die teils gewaltsamen Proteste in Barcelona und Katalonien halten an. Seit Freitag wurden nach Behördenangaben mehr als 180 Menschen verletzt, es gab 80 Festnahmen. Die Sicherheitskräfte sind überfordert.

          Topmeldungen

          Brexit-Deal : Kein Tag der Entscheidung

          Auch Boris Johnson ist nicht immun gegen das, was seiner Vorgängerin Theresa May widerfahren war. Mehr als drei Jahre nach dem Referendum liegt der Austritt des Vereinigten Königreichs weiter im Nebel. Vielleicht kann das bei einem Thema von dieser Bedeutung nicht anders sein.
          Berlin regelt das Wohnen neu.

          Mietendeckel und mehr : Vermieter, hört die Signale!

          Was der rot-rot-grüne Senat in Berlin ausgeheckt hat, ist der wohl drastischste Eingriff in die deutsche Eigentumsordnung seit Jahrzehnten.

          Zukunft der Menschheit : Eine Batterie für alles!

          Mit einem Handy fing alles an, inzwischen geben Autohersteller jährlich dutzende Milliarden dafür aus: Lithium-Ionen-Akkus treiben heute zahllose Geräte an. Die größte Zeit der Batterien steht aber noch bevor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.