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Dominique Strauss-Kahn : Ende einer öffentlichen Existenz

  • -Aktualisiert am

Dominique Strauss-Kahn: Ob schuldig oder unschuldig - auf der politischen Bühne nur noch Zuschauer Bild:

Für den Angeklagten Strauss-Kahn gilt die Unschuldsvermutung. Doch was nützt ihm das? Seine politische Existenz ist längst vernichtet. Verschwörungstheorien sind gleichwohl Ausdruck der Ratlosigkeit.

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          Noch immer scheint die Mehrheit der Franzosen zu glauben, Dominique Strauss-Kahn, der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), sei am vorgegangenen Samstag in eine Sexfalle getappt, mithin Opfer eines politischen Komplotts geworden. Wollten „die Amerikaner“ den französischen Chef einer wichtigen internationalen Finanzinstitution zu Fall bringen? Wollte Präsident Sarkozy seinen gefährlichsten Konkurrenten bei der Präsidentenwahl im kommenden Jahr aus dem Weg räumen? Oder wollten seine Rivalen in der Sozialistischen Partei den mutmaßlichen Sieger der kommenden parteiinternen Vorwahl ausschalten?

          Die Meinungsumfragen lassen nicht erkennen, wen die Franzosen verdächtigen. Alle drei Varianten sind so unwahrscheinlich und abstrus, dass sie nicht einmal für eine ordentliche Verschwörungstheorie taugen. Im Grunde ist diese Verdachtschöpferei Ausdruck der Ratlosigkeit: Man erwägt das Unwahrscheinliche, weil die Vorgänge, die sich in einem New Yorker Hotel, sowie sie bisher in der Version des Opfers bekannt wurden, letztlich unbegreiflich sind.

          Unbegreiflichkeit der Vorgänge

          Strauss-Kahn hatte schon zuvor den Ruf eines Frauenliebhabers; in altbackenem Deutsch: eines Schürzenjägers. Zum Beweis muss man nicht Histörchen aus der ferneren oder näheren Vergangenheit aufwärmen. Er hat es selbst eingestanden. Strauss-Kahn ist aber auch ein hochintelligenter, kultivierter Mann, dessen Leben sich im Licht der Öffentlichkeit abspielt. Von außerehelichen Liebschaften, selbst vom Belästigen von Frauen, ist es indes ein weiter Weg bis zum Versuch einer mehrfachen Vergewaltigung.

          Bild: Greser & Lenz

          Zu der Unbegreiflichkeit der Vorgänge trägt bei, dass Strauss-Kahn eine Frauenaffäre im IWF schon einmal fast zum Verhängnis geworden war: Wegen eines Verhältnisses mit einer Untergebenen entging er vor drei Jahren nur knapp einem Rausschmiss. Spätestens damals muss ihm klar geworden sein, dass außereheliche Affären von Inhabern öffentlicher Ämter in den Vereinigten Staaten nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

          Seit langem war erwartet worden, dass sich Strauss-Kahn den Franzosen in wenigen Wochen als Kandidat für die Präsidentenwahl im Jahr 2012 präsentieren werde – mit guten Aussichten auf Erfolg. Wegen dieser persönlichen Vorgeschichte und angesichts seiner politischen Ambitionen ist es in der Tat nahezu unbegreiflich, mit welcher Primitivität Strauss-Kahn in seinem Hotelzimmer über ein Dienstmädchen hergefallen sein soll, um es unter Anwendung brutaler Gewalt zu missbrauchen.

          Entlarvt als sadistischer Triebtäter?

          Was sich an jenem Samstag in New York tatsächlich abgespielt hat, wird, wenn überhaupt, in dem Strafprozess ans Licht kommen, der Strauss-Kahn jetzt in New York gemacht wird. Würde die Version des Dienstmädchens im Großen und Ganzen bestätigt, wäre ein Politiker, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten im französischen Staat und in einer internationalen Organisation führende Ämter innehatte, als sadistischer Triebtäter, als Sexualverbrecher entlarvt – eine Vorstellung, mit der sich nicht nur Strauss-Kahns sozialistische Freunde schwer tun, sondern auch „normale“ Franzosen.

          Wenn die grauenvolle Geschichte schon jetzt eine heilsame Wirkung entfaltet, so ist es die Offenheit, mit der in Frankreich nun über den Sexismus diskutiert wird, der bei den männlichen Eliten in Politik, Wirtschaft und Kulturleben offenbar gang und gäbe ist – meist ungerügt und ungestraft. Zu den Binsenweisheiten, die dabei zutage treten, gehört es, dass solche Verhaltensweisen an allen ideologischen Ufern anzutreffen sind: Gerade prominente Personen aus der „progressiven“ Szene, die sonst so tun, als hätten sie die Moral gepachtet, diskutieren über den Fall Strauss-Kahn mit einer Nonchalance, die einem den Atem verschlägt.

          Noch gilt die Unschuldsvermutung

          Der Fall hat aber eine weitere verstörende Seite. Bis zum Beweis des Gegenteils gilt auch für Strauss-Kahn die Unschuldsvermutung. Doch was nützt es ihm, jenseits der selbstverständlichen juristischen Kautelen? Die Aufregung darüber, dass in Amerika ein Verdächtiger der Öffentlichkeit wie ein verurteilter Schwerverbrecher in Handschellen vorgeführt wird, ist nur ein Nebenaspekt. Die Zurschaustellung widerspricht zwar dem europäischen Verständnis von rechtsstaatlichen Prozeduren und Persönlichkeitsschutz; gänzlich unbekannt ist der öffentliche Pranger aber auch bei uns nicht, wie etwa die Fälle Zumwinkel oder Kachelmann zeigen.

          Der Hauptaspekt ist ein anderer: Die medialen Aufwallungen nach Strauss-Kahns Verhaftung und die Vorwürfe gegen ihn haben Fakten geschaffen, die das Bild des Mannes unwiderruflich prägen. Seine politische Existenz ist längst vernichtet. Dass der politische Kalender keine Rücksicht auf rechtsstaatliche Abläufe nimmt, weiß auch Strauss-Kahn. In dem Brief, in dem er seinen Rücktritt vom Amt des IWF-Direktors erklärte, hat er mit den Worten, er werde jetzt seine ganze Zeit und Energie seiner Verteidigung widmen, auch einen Schlussstrich unter seine öffentliche Laufbahn gezogen.

          Die politische Szene in Frankreich hat sich damit grundlegend verändert. Auf der Bühne beginnt ein neues Spiel. Dominique Strauss-Kahn, ob schuldig oder unschuldig, wird dabei nur noch Zuschauer sein.

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