https://www.faz.net/-gpf-14c1e

Dokumentation : „Wir haben die Kraft, Mauern des 21. Jahrhunderts zu überwinden“

  • Aktualisiert am

Vor Angela Merkel hatte nur Kanzler Konrad Adenauer hatte vor mehr als einem halben Jahrhundert eine Ansprache vor dem Kongress gehalten - allerdings nacheinander in Senat und Repräsentantenhaus Bild: REUTERS

FAZ.NET dokumentiert die Rede von Bundeskanzlern Merkel vor dem Kongress der Vereinigten Staaten. Vor Merkel hatte nur Kanzler Konrad Adenauer hatte vor mehr als einem halben Jahrhundert im Mai 1957 eine Ansprache vor dem Kongress gehalten - allerdings nacheinander in Senat und Repräsentantenhaus.

          Rede der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Angela Merkel, vor dem Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika am 3. November 2009 in Washington.

          Madam Speaker, Mr. Vice President, Distinguished Members of Congress,

          Ich danke Ihnen allen für die große Ehre, heute, kurz vor dem 20sten Jahrestag des Falls der Berliner Mauer, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

          Applaus für die Kanzlerin: Im Hintergrund Vizepräsident Joe Biden und die Sprecherin des amerikanischen Kongresses, Nancy Pelosi

          Ich bin der zweite deutsche Kanzler, dem diese Ehre zuteil wird. Konrad Adenauer war der erste, als er im Jahre 1957 nacheinander vor beiden Häusern des Kongresses sprach. Unterschiedlicher könnten unsere beiden Lebensläufe nicht sein. 1957 war ich gerade einmal ein Kleinkind von drei Jahren. Ich lebte mit meinen Eltern in Brandenburg, einer Region, die zur DDR, dem unfreien Teil Deutschlands, gehörte. Mein Vater arbeitete als evangelischer Pastor. Meine Mutter, die Englisch und Latein studiert hatte, um Lehrerin zu werden, durfte ihren Beruf in der DDR nicht ausüben.
          Konrad Adenauer war 1957 bereits 81 Jahre alt. Er hatte das Kaiserreich in Deutschland erlebt, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg. Von den Nationalsozialisten wurde er seines Amtes als Oberbürgermeister der Stadt Köln enthoben.

          Nach dem Krieg gehörte er zu den Männern und Frauen, die die freiheitliche, demokratische Bundesrepublik Deutschland mit aufgebaut haben. Nichts steht mehr für diese Bundesrepublik Deutschland als ihre Verfassung, das Grundgesetz. Es wurde vor genau 60 Jahren verabschiedet. In Artikel 1 dieses Grundgesetzes heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

          Dieser kurze, einfache Satz - Die Würde des Menschen ist unantastbar - er war die Antwort auf die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, auf den Mord an 6 Millionen Juden im Holocaust, auf Hass, Verwüstung und Vernichtung, die Deutschland über Europa und die Welt gebracht hat.

          In wenigen Tagen schreiben wir den 9. November. Es war der 9. November 1989, an dem die Berliner Mauer fiel, und es war der 9. November 1938, der sich ebenso in das Gedächtnis der deutschen und europäischen Geschichte eingebrannt hat. An dem Tag verwüsteten die Nationalsozialisten Synagogen, setzten sie in Brand, ermordeten Unzählige. Es war der Beginn dessen, was später in den Zivilisationsbruch der Shoa mündete.

          Ich kann heute hier nicht vor Ihnen stehen, ohne der Opfer dieses Tages und der Shoa zu gedenken. Unter uns ist ein Gast, der am eigenen Leib die Schrecken dieses Deutschlands im Nationalsozialismus erlebt hat und den ich vor einiger Zeit persönlich kennen gelernt habe: Professor Fritz Stern.

          Er wurde 1926 im damals deutschen, heute polnischen Breslau geboren und schaffte es mit seiner Familie 1938 noch rechtzeitig vor den Nazis in die USA zu fliehen. In seiner 2006 veröffentlichten Autobiographie unter dem Titel „Five Germanies I Have Known“ beschreibt Fritz Stern den Moment seiner Ankunft 1938 im Hafen von New York und damit im Hafen der Freiheit und Sicherheit.

          Meine Damen und Herren, es ist wunderbar, dass die Geschichte es wollte, dass wir - der aus Deutschland verjagte, damals 12-jährige Junge und ich, die in der DDR aufgewachsene Bundeskanzlerin des heute wieder vereinten Deutschlands - heute gemeinsam in diesem Hohen Haus sein können. Das erfüllt mich mit großer Freude und großer Dankbarkeit.

          Weitere Themen

          Trump setzt Attacken gegen Demokratinnen fort Video-Seite öffnen

          „Schwache Menschen” : Trump setzt Attacken gegen Demokratinnen fort

          Der amerikanische Präsident Donald Trump fordert eine Entschuldigung von vier demokratischen Parlamentarierinnen, die ihm nicht patriotisch genug sind. In seinem neuen Tweet warf Trump den Abgeordneten vor, die Demokratische Partei zu „zerstören".

          Topmeldungen

          Pläne der neuen Ministerin : Was die Bundeswehr braucht

          Die Streitkräfte müssen bereit und fähig für den Einsatz sein. Die bisherigen Bemühungen müssen deshalb fortgesetzt und verstärkt werden – daran wird man die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer messen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.