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Dirk Niebel : Ein Riesenbaby – 1,75 Milliarden Euro schwer

Ein Minister will nicht zum Spielball werden: Dirk Niebel besucht ein deutsches Projekt in Bogota Bild: dpa

Dirk Niebel hat in seinem Haus nicht viele Freunde. Man wirft ihm die „Ökonomisierung“ der Entwicklungshilfe vor. Doch mit der Förderung von „Tanztherapeuten für Traumatisierte“ wollte sich der FDP-Minister nicht abfinden.

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          Die Uhr an der Wand des Festsaals zeigt kurz vor halb zwei in Berlin, als „Niebels Riesenbaby“ zur Welt kommt. Staatssekretär Beerfeltz (FDP), der diesen Ausdruck wählt, redet von einer schweren Geburt. Das „Baby“ ist ungefähr 1,75 Milliarden Euro schwer und heißt „GiZ“, (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit). 19.000 Menschen arbeiten künftig unter dem neuen Namen. Der feierliche Akt im Ministerium an der Berliner Stresemannstraße beschließt die Fusion von bisher drei Organisationen deutscher Entwicklungshilfe.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Eine gute Sache, lobt selbst die Linkspartei und die Grünen sagen, „ein Erfolg, der einzige für Schwarz-Gelb“. Minister Dirk Niebel gibt vergnügte Interviews. Man ist ja als FDP-Politiker derzeit selten mit guten Nachrichten im Fernsehen. Endlich fragt mal keiner nach dem Untergang der FDP. Oder danach, wie der frühere Generalsekretär, Fallschirmjäger und Arbeitsmarktexperte eigentlich so närrisch sein konnte, ausgerechnet dieses Ministerium zu übernehmen. Dabei hat er sich das selbst manchmal gefragt. Heute nicht – heute wird der erste FDP-Erfolgstag seit Monaten gefeiert.

          „Wir genießen Immunität“

          Niebel, der aus Hamburg stammt, aber lange in Baden-Württemberg zu Hause war, hat eigentlich immer gute Laune. Selbst die Aussicht, in wenigen Minuten einem bolivianischen Zahnarzt zum Zwecke einer Wurzelbehandlung ausgeliefert zu sein, nimmt er mit Humor und Vorfreude auf nachlassenden Schmerz. Das war vor ein paar Wochen. Man befand sich in La Paz, der höchst gelegenen Hauptstadt der Erde. Abends beim Empfang in der Residenz des Botschafters wirkte sein Lächeln schon wieder etwas weniger geschwollen.

          Ohne sein Gebirgsjägerkäppi: Niebel mit Parkwächtermützer in Bolivien

          Bei der Begrüßung der Gäste erzählt Niebel von der pannenreichen Fahrt seiner Delegation nach Charobambo über 4500 Meter hohe Andenpässe. Bei einem Bus versagten die Bremsen, dem anderen sei der Kühlerschlauch geplatzt. Das habe aber ihn und die mitreisenden Bundestagsabgeordneten nicht ängstigen können, behauptet der Minsiter, „denn wir genießen ja bekanntlich Immunität“. Der 47 Jahre alte Politiker reist acht Tage lang durch Südamerika und besucht Präsidenten und Projekte der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit Bolivien, Peru und Kolumbien.

          Niebel hat sich gut vorbereitet, aber er tut auch nicht so, als ob er seit Jahren das Metier kenne. Als fröhlicher Anführer leitet der Bundesminister seine Delegation, immer ansprechbar, nie müde. Ein Kraftprotz. Um halb sieben in der Frühe überreicht er im Frühstücksraum eines südamerikanischen Hotels Kerze und Geschenk an eine mitreisende Mitarbeiterin, die in Rührung erglüht. Niebel will, dass alle sich wohlfühlen, vom Gepäckorganisator bis hin zu den mitreisenden Parlamentariern, selbst wenn sie als Linke-Vertreter zu den kämpferischen Gegnern seiner Kulturrevolution im Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit zählen. Niebel hat im vergangenen Jahr 19 Reisen in insgesamt 33 Länder unternommen. Da tut sich auch selbst einen Gefallen, wer für gute Stimmung sorgt. „Es ist schließlich auch meine Lebenszeit, die ich hier mit Ihnen verbringen darf“, sagt er und schmunzelt über das Wörtchen „darf“. Denn Dirk Niebel ist auch Humorist oder sagen wir: humorvoll.

          Früher war Niebel einmal Zeitsoldat bei der Fallschirmjägertruppe. Daher rührt ein gewisser Sinn für derbe Späße und auch die leidige Gebirgsjägerkappe, die er mit sich herumträgt. Unter dem Talisman leiden geradezu körperlich auch die örtlichen Entwicklungshelfer, die es in den vergangenen elf Jahren mit „HWZ“ zu tun hatten. Das Kürzel steht für Heidemarie Wieczorek-Zeul. Die war von der linken Mondhälfte der SPD und förderte in ihrer Amtszeit im Ausland auch das, was ihr zeitlebens in Hessen verwehrt blieb, nämlich die Errichtung sozialistischer Experimentalstaaten. Für die „HWZler“ ist Niebels Mütze Symbol einer schlimmen Geschichte, nämlich der von der angeblichen „Militarisierung“ und „Ökonomisierung“ der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.

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