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Diplomaten im Dritten Reich : Das Amt und sein Archiv

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Unmittelbar vor Beginn der Leipziger Buchmesse ist eine handfeste Kampagne, die im Zusammenhang mit dem Buch „Das Amt“ angezettelt worden war, in sich zusammengebrochen. Im „neuen“ Vorwort zur Taschenbuchausgabe verteidigen sich die Autoren gegen Kritik

          Die Leipziger Buchmesse glänzt mit vielen Neuerscheinungen. Daneben ragen Taschenbuchausgaben heraus, so von der mit medialen Paukenschlägen Ende Oktober 2010 bedachten Studie „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“. Die Hardcover-Ausgabe wurde 750.00 Mal verkauft. Im neuen Vorwort der Autoren zur Resonanz auf das Buch“ verteidigen vier Mitglieder der „Unabhängigen Historikerkommission“ (UHK), die Außenminister Fischer (Grüne) im Jahr 2005 eingesetzt hat, ihren Bericht, der - was längst bemerkt worden ist - vor sachlichen Fehlern und einseitigen Deutungen strotzt. Doch vor allem an Eckart Conze und Norbert Frei prallt jede Kritik ab, weil sie eine Verschwörung der „Mumien“ (so nennen sich Diplomaten im Unruhestand gern selbst) und sonst überall Kampagnen mit dem Ziel, „die wissenschaftliche Seriosität unserer Darstellung“ in Zweifel zu ziehen, vermuten.

          Wie der Zufall spielt, ist ausgerechnet unmittelbar vor Beginn der Buchmesse eine handfeste Kampagne, die im Zusammenhang mit dem Buch „Das Amt“ angezettelt worden war, in sich zusammengebrochen. Es geht um die Unterstellungen, die im Herbst 2010 in der von Fischer und vielen anderen erhobenen Forderung gipfelten, das Politische Archiv (PA) des Auswärtigen Amtes müsse an das Bundesarchiv abgetreten oder diesem untergeordnet werden. Die Historikerkommission meinte in ihrem Buch, dass man sich „letztlich nicht sicher“ sei, „wirklich alle für die Arbeit wesentlichen Unterlagen zu Gesicht bekommen zu haben“. Nachdem Conze dann die alte Wilhelmstraße der Nazizeit in einem Interview zur „verbrecherischen Organisation“ erklärt hatte, entstand flankierend der Eindruck, am Werderschen Markt wirke ein „verbrecherisches Archiv“ fort. Dessen Archivare - so Fischer - schönten und glätteten Biographien von NS-belasteteten Mitarbeitern.

          Das verunsicherte Außenministerium ordnete schließlich eine externe Bewertung seines Archivs an, das sich damit in die Rolle des Schuldigen gedrängt sah für den - von der Historikerkommission angeblich endlich zerstörten - Mythos vom Auswärtigen Amt als „Hort des Widerstandes“ in der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei hatte ein AA-Archivar in einer Festschrift 1995 salomonisch geurteilt: „Die geringe Zahl der aktiven Widerstandskämpfer aus dem Auswärtigen Dienst zeigt, dass das Auswärtige Amt zwischen 1933 und 1945 kein Hort des Widerstandes gegen die braune Tyrannei war, aber es war genau so wenig eine von der SS beherrschte nationalsozialistische Behörde. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.“ Bei der Buchübergabe der Historikerkommission nahm Bundesaußenminister Westerwelle ohne namentliche Nennung des Autors dieses Zitat auf und widersprach: „Und da liegt sie eben nicht.“ So fühlten sich der Archivar, seit 2003 Leiter des Archivs, und seine Mannschaft höchstministeriell gerügt.

          Nach zehn Monaten strenger Untersuchung heben die Prüfer des „Studiengangs Archiv“ der Fachhochschule Potsdam jetzt die hohen archivischen Standards des AA-Archivs hervor. Dass das Auswärtige Amt seit 1920 ein eigenes Archiv habe, stelle zwar eine Ausnahme im deutschen Archivwesen dar, aber nicht im europäischen Vergleich. Das AA-Archiv gewähre transparenten Zugang zu den Akten und mehre im In- und Ausland „den positiven Eindruck vom Auswärtigen Amt beziehungsweise von Deutschland in einzigartiger Weise“. Publizistische Urteile beruhten „anscheinend weniger auf eigenen Erfahrungen mit dem Politischen Archiv“ „als vielmehr auf kolportierten Eindrücken aus Zeiten einer ,restriktiven Archivpolitik’, die auch die UHK genannt hatte“ - also aus der Zeit vor dem Bundesarchivgesetz 1988.

          Was folgt aus der Rehabilitierung des Archivs für das Buch „Das Amt“? Dass bis auf wenige Marginalkorrekturen die Taschenbuchausgabe unverändert erschienen ist, werden Zyniker damit erklären, dass ein Buch, welches Westerwelle zur neuen Diplomaten-Bibel erhob und als Gastgeschenk in Israel überreichte, keiner Überarbeitung bedürfe. Dennoch ist es Zeit, dass nach der Überprüfung des Archivs das merkwürdige Agieren der Historikerkommission aufgeklärt wird.

          Die UHK ist vertraglich dazu verpflichtet, sämtliche Materialien, die im Zusammenhang mit ihrer Arbeit stehen, nach deren Abschluss an das Archiv abzugeben. Wenn dies geschähe, ließen sich Manuskriptentwürfe und Zuarbeiten der Mitarbeiterschar sowie Zuspitzungen in der Endredaktion rekonstruieren und zuordnen. Wird sich die Amtsleitung trauen, die Unterlagen nun mit Nachdruck einzufordern? Mancher am Werderschen Markt zweifelt daran, trotz der aufgewandten 1,5 Millionen Euro für die UHK. Die haben sich aber auf jeden Fall gelohnt. Denn die sagenumwobene Methode „Conze trifft Frei“ - in fünf Jahren verbrachten die Star-Historiker nur einen Tag im AA-Archiv - ahmen Fachkollegen, die braune Wurzeln und autoritäre Machenschaften von Finanzverwaltung, BND oder Verfassungsschutz freilegen wollen, nicht nach. Vielmehr beugen sie sich tief über die Akten. Das war, ist und bleibt Kern- und Kärrnerarbeit.

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