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Die zu Guttenbergs : Das Paar in unseren Träumen

Gesicht des modernen Schreckens? - Verteidigungsminister zu Guttenberg Bild: dapd

Die meisten Menschen sind nichts als Erdklumpen. Trotzdem glauben 67 Prozent von uns, dass Ken-Theodor und Barbie zu Guttenberg sie gut repräsentieren. Wie kann das sein?

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          Früher musste jeder, nach einem hellsichtigen Wort von Stephen King, darauf vorbereitet sein, einige merkwürdige Häuser zu sehen, wenn er die Hauptstraße verließ. Heute findet er dort die wenigen verbliebenen normalen Häuser. Er muss auch längst nicht mehr in die Kanalisation oder den Keller hinabsteigen, um das Grauen der eigenen Albtraumwelt zu erleben; und die Stimmen, die üblicherweise nur aus den Waschbeckensiphons riefen und dabei nichts Gutes verhießen, labern ihn mittlerweile von überallher voll. Früher liefen Figuren wie Kings Clown Pennywise durch die Straßen unserer Albträume, verbreiteten Angst und Schrecken, und zwar nicht erst, wenn sie ihre Opfer bestialisch töteten; das Gesicht des modernen Schreckens ist nicht mehr „dämonisch weiß, der blutrot gemalte Mund zu einem mörderischen Grinsen verzogen“ wie bei Pennywise – und damit, leider, auch nicht mehr so einfach kenntlich.

          Richard Wagner
          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Clownsschminke ist abgewaschen, die Zähne sind gerichtet, der fadenscheinige Clownsanzug mit den orangefarbenen Bommeln ist eingemottet. Meine Albträume bevölkern jetzt Legionen wohlmeinender, überaus sozial engagierter, zum Jahreswechsel in Spendengalas aufmarschierende Frauen und Männer, die ihre Vortrefflichkeit in jede Ritze des Lebens mit einem Dauerlächeln hineinreiben wie Salz in eine Wunde. Ihren Schrecken verbreiten sie dabei ganz ohne Mordlust, obschon ihr Lächeln wie von Ferne dem des mörderischen Clowns zu ähneln scheint. Sie schauen je nach Bedarf ernst, betroffen, besorgt oder heiter drein, freuen sich und sind traurig auf Abruf und vor aller Augen, dabei immer makellos und für die Kameras wie gemacht, Frauen und Männer eben, die bei allem, was sie tun, immer so aufgeräumt und blitzblank und perfekt aussehen wie die Küchen Kinderloser in Design-Hochglanzmagazinen, kurzum: wie die zu Guttenbergs.

          „Sehnsucht der Deutschen nach einem Königspaar“

          Stephanie und Karl-Theodor zu Guttenberg sind zum politischen Traumpaar mit Großbühnenglamour à la Kennedy ausgerufen worden. Diesmal ist nicht nur der immer wie ein blutdürstiger Wolf nach derlei Zinnober gierende Boulevard schuld. Auch Medien, die es kaum ertragen würden, einmal nicht ernst genommen zu werden, machen den Zinnober mit und phantasieren mit glühenden Ohren von der „Sehnsucht der Deutschen nach einem Königspaar“. Neben diesem Tschingderassabum fällt es kaum ins Gewicht, dass andere Spürfüchse in einer früheren Politikredaktion den „magischen Impulsort“ für das „Mediengespür“ zu Guttenbergs finden – und dabei hatte der dort lediglich ein Praktikum absolviert. Wie auch immer, irgendwie sind die Gäule mit vielen durchgegangen. Fest steht aber, dass zu Guttenberg die Medien für sich zu nutzen weiß, weil er ihnen die Bilder gibt, die sie verlangen, ob auf dem New Yorker Times Square, in einem Suk in Tripolis oder im vermaledeiten Afghanistan.

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