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Reaktionen auf Papstwahl : „Er wird uns alle noch überraschen“

  • Aktualisiert am

Weckt hohe Erwartungen: Papst Franziskus Bild: REUTERS

Die Wahl von Papst Franziskus ist überall auf der Welt mit großem Jubel aufgenommen worden - und hat ebenso große Erwartungen geweckt. Besonders die Protestanten in Deutschland hoffen auf eine Verbesserung der Ökumene und einen Papst, der sich einmischt.

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          Die überraschende Wahl des Argentiniers Jorge Borgoglio zu Papst Franziskus hat bei den Gläubigen in Deutschland und auf der ganzen Welt Hoffnungen auf Veränderungen in der katholischen Kirche geweckt. Die deutsche Reformbewegung „Wir sind Kirche“ wünscht sich einen „Wendepunkt zum Guten“. Nach Einschätzung des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, setzt die Namenswahl des neuen Pontifex ein Zeichen: „Franziskus - das steht für die Kirche der Armen, nicht für die Kirche des Pomps.“

          Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, die in der evangelischen Kirche engagiert ist, sagte, als Anwalt der Schwachen sei Bergoglio ein sehr politischer Mensch.  Die Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl knüpft an die Wahl die Hoffnung, dass sich die katholische Kirche den großen sozialen und ökologischen Problemen zuwendet. Göring-Eckardt, die auch Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, warnte am Donnerstag im Deutschlandfunk aber davor, zu viel Hoffnung an einen einzigen Menschen zu knüpfen. Auch sei der neue Papst trotz seiner Sensibilität für die Probleme der Armen kein Vertreter der aus Südamerika kommenden Theologie der Befreiung.

          Göring-Eckhardt hofft auf „Gespräche auf Augenhöhe“

          Im Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten erhofft sich Göring-Eckardt, die ihre kirchlichen Ämter für die Zeit des Wahlkampfs ruhen lässt, Gespräche auf Augenhöhe. Bei den großen Problemen sei gemeinsames Handeln notwendig. Zugleich müssten sich die beiden Kirchen in ihrer Verschiedenheit akzeptieren.

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          „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner sagte dem Radiosender SWR2, Bergoglio bekenne „sich sehr zur Gerechtigkeit und den Armen“. Dass sich die Kardinäle für einen Südamerikaner entschieden hätten zeige, „dass man jemand haben wollte, der von außen nach Rom kommt“ und nicht aus dem „Hofstaatsgebilde“ des Vatikans.

          Meisner: „Er wird uns noch alle überraschen“

          Der Kölner Kardinal Joachim Meisner äußerte sich nach der Papstwahl überrascht vom Verlauf des Konklaves. Er habe den neuen Pontifex nur aus wenigen Begegnungen gekannt, sagte Meisner am späten Mittwochabend in Rom. Er habe vor dem Konklave an ganze andere Kandidaten gedacht, sich aber sehr über die Wahl des Argentiniers gefreut. Franziskus sei ein gebildeter Mann, sagte Meisner: „Er wird uns noch alle überraschen.“

          Nach Worten des Mainzer Kardinals Karl Lehmann war die Wahl Bergoglios vor Beginn des Konklaves nicht absehbar. Zwar sei Bergoglio der schärfste Konkurrent von Joseph Ratzinger beim Konklave 2005 gewesen, sagte Lehmann in Rom. Seither sei von dem Erzbischof von Buenos Aires aber nicht mehr viel die Rede gewesen im Kardinalskollegium. Die Aufmerksamkeit für den Argentinier sei während des Konklaves „spontan erneuert“ worden. Meisner und Lehmann zählten zu den sechs deutschen Kardinälen bei der Papstwahl. Beide hatten schon 2005 am Konklave teilgenommen, als der deutsche Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde.

          Kaum gewählt, schon als Souvenir erhältlich: Devotionalien mit dem Konterfei von Franziskus

          ZdK-Präsident Glück wertete die Wahl Bergoglios im Gespräch mit der „Passauer Neuen Presse“ als Signal der Kardinäle aus aller Welt an den Vatikan. „Offenbar sehen sie einen erheblichen Veränderungsbedarf. Sonst wäre die Wahl auf einen Kardinal aus dem Kreise der Favoriten gefallen“, sagte Glück: „Es wird jetzt darauf ankommen, dass er Unterstützung erhält, um die notwendigen Kurienreformen anzugehen.“ Franziskus habe den Blick von außen. „Seine Wahl ist ein großes Hoffnungszeichen für die Kirche“, sagte Glück.

          Russisch-Orthodoxe loben konservative Ansichten des Papstes

          Die russisch-orthodoxe Kirche hofft auf eine gute Zusammenarbeit mit dem neuen Papst. Als Erzbischof von Buenos Aires habe Jorge Mario Bergoglio konservative Ansichten vertreten, sagte der für den Dialog mit den Katholiken zuständige Sekretär des russisch-orthodoxen Außenamtes, Erzpriester Dmitri Sizonenko, laut Angaben der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Insofern bestehe die Hoffnung, dass die „Zusammenarbeit beim Schutz des Christentums in der heutigen säkularen Welt produktiv sein wird“.
          Die größte orthodoxe Nationalkirche erwarte, dass Franziskus den Kurs seines Vorgängers beibehalte und sich damit die „positive Dynamik dieser Beziehungen“ fortsetze, so Sizonenko. Der neue Papst sei in der Vergangenheit allerdings nicht unmittelbar am Dialog mit dem orthodoxen Moskauer Patriarchat beteiligt gewesen.

          Unter Papst Benedikt XVI. (2005-2013) hatte sich das Verhältnis zwischen der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche deutlich  verbessert. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. würdigte nach dem Rücktritt des deutschen Pontifex die „guten und vertrauensvollen Beziehungen zwischen Orthodoxen und Katholiken“. Wegen Vorbehalten der russisch orthodoxen Kirche kam es jedoch nicht zu einem Treffen von Kyrill I. und Benedikt XVI.

          „Chávez hat ein gutes Wort eingelegt“

          Seine ganz eigene Interpretation des Konklave-Ausgangs hatte unterdessen Venezuelas Interims-Präsident Nicolás Maduro parat: Er ist sich, dass der vor über einer Woche gestorbene venezolanische Staatschef Hugo Chávez bei der Papst-Wahl seine Hände im Spiel hatte. „Wir wissen, dass unser Kommandant (Chávez) in diese Höhen aufgestiegen ist und Christus gegenübersteht. Er muss einen Einfluss auf die Wahl eines südamerikanischen Papstes gehabt haben“, sagte Maduro in Caracas. Bergoglio ist der erste Pontifex aus Lateinamerika.

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