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Papstwahl : Neue Kraft

Papst Franziskus vor dem Gebet an diesem Morgen in der Basilika Santa Maria Maggiore Bild: AFP

Ein Ordensmann aus Lateinamerika, der sich Franziskus nennt - das ist revolutionär. Der erste Auftritt des Papstes weckt hochfliegende Erwartungen an Stil und Inhalt des neuen Pontifikats.

          3 Min.

          Kaum vier Wochen sind vergangen seit Papst Benedikt XVI. mit der Ankündigung seines Amtsverzichts eine Schockwelle durch die katholische Kirche jagte. Seit acht Jahrhunderten hatte kein Papst aus freien Stücken von der Macht gelassen. Nun machte ausgerechnet der erste Papst aus Deutschland seit Jahrhunderten Ernst mit einer Möglichkeit, die weder die Theologie noch das Recht der Kirche je ausgeschlossen hatten.

          Freilich bedarf es stets mehr als außergewöhnlicher äußerer Umstände, dass aus einer Möglichkeit Wirklichkeit werden kann. Eine nicht alltägliche innere Disposition muss hinzukommen. Alles war im vergangenen Jahr gegeben. Je mehr Benedikts körperliche Kräfte schwanden, desto weniger ließen sich die Krisenphänomene im Vatikan verbergen. Unter den Augen der Öffentlichkeit drohte die vatikanische Kurie an der Unfähigkeit zu zerbrechen, die angemaßte Macht recht zu gebrauchen. Und wo Papst Benedikt seine Macht einsetzte, etwa um finanziellen Machenschaften oder sexuellem Fehlverhalten ein Ende zu bereiten, stieß er auf erbitterten Widerstand innerhalb des eigenen Gefolgschaft.

          Bruch mit bisherigen Identitäten

          An sich ist solch eine Konstellation in der Geschichte der Kirche nicht unbekannt. Immer wieder endeten Pontifikate inmitten heftiger innerkirchlicher und innerkurialer Spannungen. Jetzt aber machte Benedikt ernst und folgte einem Handlungsmuster, das er als Theologe schon 1969 unter dem missverständlichen Namen „Entweltlichung“ skizziert hatte. Die Kirche, so schrieb er damals, dürfte ihrer Organisation und Institutionalisierung nicht größeres Gewicht beimessen als ihrer „Berufung zur Offenheit“. Daher müsse sie sich von der „Weltlichkeit der Welt“ in Gestalt materieller und politischer Lasten fernhalten, um „missionarisches Zeugnis“ ablegen zu können. Als Papst Benedikt rief Joseph Ratzinger diese Worte zum Abschluss seines Deutschlandbesuchs im September 2011 in Erinnerung. Knapp eineinhalb Jahre später entsagte er selbst aus freien Stücken dem Papstamt, um sich in ein Leben des Gebets zurückzuziehen.

          Die Erschütterung, die von dieser Revolution des deutschen Papstes ausging, blieb weltweit nicht ohne Echo. Doch erst im doppelten Resonanzraum der Synodenaula, in der sich das Kardinalskollegium in der vergangenen Woche zu gemeinsamen Beratungen versammelte, und in der Sixtinischen Kapelle entfaltete sie ihre ganze Wucht. Denn Kardinal Jorge Mario Bergoglio, den die 115 wahlberechtigten Kardinäle innerhalb von nur 24 Stunden zum Nachfolger Benedikts bestimmten, verkörpert nach Herkunft wie Prägung einen Bruch mit vielem, was bislang als unabdingbare Identitätsmarker des Papstamtes angesehen wurde.

          Zeit für europäische Bescheidenheit

          Sicher war es weder der Theologie noch dem Recht der Kirche nach jemals ausgeschlossen, dass auch ein Nicht-Europäer Bischof von Rom werden könnte. Doch brauchte es offensichtlich erst eine Re-Europäisierung des Kardinalkollegiums und eine Re-Italianisierung der Kurie unter Papst Benedikt, um die Einsicht reifen zu lassen, dass es Zeit sei, der Vorherrschaft Europas ein Ende zu setzen. So vertrauten sie die Leitung der Kirche einem Mann an, der durchaus europäisch geprägt ist, aber als Argentinier jenen Subkontinent repräsentiert, in dem weltweit die meisten Katholiken leben. Äußerlich wie innerlich unangefochten ist die Kirche in Lateinamerika indes nicht - was Bergoglio am eigenen Leib erfahren hat. Doch trotz allem ist sie in der Neuen Welt einiges vitaler als in der Alten.

          Sicher war es auch nie ausgeschlossen, dass ein Ordensmann in das Amt des Bischofs von Rom gewählt werden könnte. Doch zum letzten Mal wurde von dieser Möglichkeit im 16. Jahrhundert Gebrauch gemacht. Jetzt hielten die Kardinäle die Zeit abermals für gekommen, dass der Kirche aus den Reihen der traditionell zum „Anti-Establishment“ zählenden Orden neue Kräfte und neue Orientierung zuwüchsen.

          Ein fast tollkühnes Selbstbewusstsein

          Sollte schon die Wahl eines Jesuiten die kühnsten Phantasien übertreffen, so ist die programmatische Wahl des Papstnamens „Franziskus“ nichts weniger als die zweite Revolution, die sich binnen weniger Wochen in der Kirche vollzieht: Dass ein Mitglied des angesehensten, elitärsten und umstrittensten Männerordens der Kirche den Gründer der „Minderbrüder“, den „poverello“ Francesco, zum Vorbild nimmt, zeugt von einem fast tollkühn zu nennenden Selbstbewusstsein.

          Auch die optischen und akustischen Reize, die von den ersten Auftritten des neuen Papstes ausgehen, sind dazu angetan, die hochfliegendsten Erwartungen an Stil und Inhalt des neuen Pontifikats zu wecken. Ohne päpstlichen Prunk, nur mit einer schlichten Soutane bekleidet, ohne triumphierende Gesten, sondern mit warmer Stimme und einladenden Handbewegungen, und ohne große Worte, sondern nur als Bischof von Rom trat Papst Franziskus in die Weltöffentlichkeit. Dass er kaum jünger ist als Papst Benedikt bei seiner Wahl vor acht Jahren, hielt die Kardinäle nicht davon ab, sich hinter ihm zu scharen. Nach menschlichem Ermessen hat Papst Franziskus nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Zeit, um die klaren und harte Entscheidungen zu treffen, die der Kirche Not tun - „zur größeren Ehre Gottes“, wie er es als Jesuit gelernt hat.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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