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Papst-Kommentar : Alles ist möglich

Jorge Mario Bergoglio ist Franziskus I. Bild: REUTERS

Mit der Wahl von Jorge Bergoglio wurden Zeichen gesetzt. Er ist der erste Nichteuropäer seit der Antike. Der Argentinier selbst hat diese Zeichen sofort erwidert und einen Namen gewählt, der einen Neuanfang in der Papstgeschichte markiert: Franziskus.

          Alles sei möglich, hieß es während der einwöchigen Beratungen der weit mehr als 150 Kardinäle, die dem Konklave vorangingen. Aber auch: In Rom sei man vor nichts sicher. Kaum 24 Stunden nach dem Einzug in die Sixtinische Kapelle haben die 115 wahlberechtigen Mitglieder des Kardinalskollegiums am Mittwochabend mit der Wahl eines Nachfolgers von Papst Benedikt XVI. sich unter den Augen einer staunenden Welt aus dem Klima der spannungsvollen Ungewissheit erlöst. Sie brauchten nur fünf Wahlgänge, um den 76 Jahre alten Jorge Bergoglio, den Jesuiten-Kardinal von Buenos Aires und unterlegenen Kandidaten des Jahres 2005, zum 266. Papst der römisch-katholischen Kirche zu wählen.

          Dem äußeren Ablauf nach könnte die Übereinstimmung mit der Wahl Joseph Kardinal Ratzingers, des ersten deutschen Papstes seit fünf Jahrhunderten, nicht größer sein. Auch im April 2005 brauchten die Kardinäle weniger als einen Tag, um einen der Ihren mit Zweidrittelmehrheit zu wählen. Doch der innere Kontrast zu dem Zustand der Kirche vor acht Jahren könnte jetzt nicht minder groß gewesen sein. Damals ging Kardinal Ratzinger, der theologische Kopf des Pontifikats von Johannes Paul II., als Favorit in das Konklave. Denn trotz des langen Pontifikats von Johannes Paul II. stand der übergroßen Mehrheit der Kardinäle der Sinn gerade nicht nach Diskontinuität.

          Doch eben dieser Wunsch war in den Beratungen der Kardinäle während der vergangenen Woche über den Zustand der Kirche übermächtig geworden. Und das nicht ohne Zutun von Papst Benedikt XVI. selbst. Denn dieser hatte mit seinem am 11. Februar angekündigten und am 28. Februar in aller Freiheit vollzogenen Rücktritt Schockwellen durch die Kirche gejagt, deren Echo bis heute nicht verhallt ist.

          Sein revolutionärer Schritt hat nämlich alles, was es braucht, um Amtsverständnis und Amtsführung seiner Nachfolger unwiderruflich zu verändern - für die Advokaten einer Entmystifizierung des Papstamtes ist das ebenso erfreulich wie für deren Verfechter erschreckend. Mit dem Ablegen der Verantwortung für die Leitung der Weltkirche hat Benedikt auch das unmissverständliche Signal gesetzt, dass der Kirche nicht nur von unten, sondern auch von der Spitze her neue Kräfte zuwachsen müssten.

          Auch von der Wahl des Nachfolgers sollten gleich mehrere Botschaften ausgehen. Die schlichteste war schon vor dem Beginn des Konklaves unüberhörbar: Dass sich die Kardinäle weitgehend darüber einig sind, dass es in vielem einen Neuanfang braucht in der Kirche - in der Organisation der Kurie, der Justierung der Gewichte zwischen Rom und den Ortskirchen, vielleicht auch in der Neugewichtung des Amtes des Bischofs von Rom. Die rasche Wahl sollte aber auch zeigen, dass sie die Suche nach Antworten auf Fragen der Kirchenverfassung nicht für wichtiger hielten als eine Botschaft an die Welt in Gestalt und Worten eines neuen Papstes.

          Mit der Wahl von Jorge Bergoglio haben sie ein Zeichen des Neuanfangs gesetzt. Denn dieser ist der erste Nichteuropäer seit der Antike, der ersten Lateinamerikaner überhaupt und das erste Mitglied des Jesuitenordens dem Stuhl des Bischofs von Rom. Bergoglio selbst hat diese Zeichen sofort erwidert und einen Namen gewählt, der in der Papstgeschichte einen Neuanfang markiert: Franziskus. Und ehe er selbst der begeisterten Menge den Segen spenden wollte, bat er das Volk darum, für ihn zu beten. Der Petersplatz schwieg. Alles ist möglich.

          Eine Leserin auf dem Petersplatz liest am Abend die Sonderausgabe der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“. Bilderstrecke
          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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