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Kommentar zur Papstwahl : Rauch der Geschichte

Weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle Bild: dpa

Es bleibt richtig, auch Autoritäten des Glaubens in Frage zu stellen, sie kritisch zu begleiten. Aber man sollte dem Althergebrachten mindestens genauso offen gegenübertreten wie den Moden des Augenblicks.

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          Sosehr es im pseudoaufgeklärten Zeitalter zum guten Ton gehört, auf Kirche und Glauben zu schimpfen, so spannend findet es offenbar eine sehr große Öffentlichkeit, tagelang auf weißen Rauch zu warten. Auch für gewichtige Medien und Geistesmenschen ist die (katholische) Kirche stets ein Synonym für Zwang, Unterdrückung und Rückständigkeit - und natürlich für Missbrauch. Doch der Faszination dieser zweitausend Jahre alten Einrichtung, der ja auch ihre zahlreichen und zahlenden Mitglieder gern mit zur Schau gestellter ironischer Distanz begegnen, der Anziehungskraft ihrer Rituale kann kaum jemand widerstehen.

          Unter diesen Ritualen ragt die Wahl des Papstes heraus. Da wird jemand nach uraltem Verfahren zum Oberhaupt, geheim und doch irgendwie demokratisch. In einem Raum, den alle (Touristen-)Welt schon bewundert hat, treffen sich ältere Herren in wunderlichem Aufzug zur Wahl des Hierarchen einer Organisation, welche buchstäblich die Welt umspannt und Gehorsam jenseits von Staat und Welt beansprucht. Das passt eigentlich nicht in eine Zeit, die Gleichheit predigt, nicht nur vor dem Gesetz, sondern als Gleichmacherei. Eine Zeit, die alles verwirft, was von gestern ist - nur weil es von gestern ist. Und sich dann wundert, dass das Fundament des Gemeinwesens brüchig wird. Nicht ohne Grund kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen dem (Rechts-)Staat und Kirchen, die insbesondere in Deutschland eine Sonderstellung haben: Der in Jahrhunderten gewachsene institutionalisierte Glaube offenbart eben Defizite, wenn man ihn mit der Elle der Aufklärung misst. Aber das ist der falsche Maßstab.

          Glaube ist nicht rational. Das ist ja gerade das Faszinierende, auch das Gefährliche an ihm. Wo alle Formen zerfließen, sehnen sich auch ihre Zerstörer nach Halt und finden ihn in Riten, die nicht von dieser Welt sind - was sie natürlich nicht zugeben können. Dabei bleibt es richtig, auch Autoritäten des Glaubens in Frage zu stellen (weshalb der große Martin Luther gebührend zu feiern ist), sie kritisch zu begleiten. Aber man sollte dem Althergebrachten mindestens genauso offen gegenübertreten wie den Moden des Augenblicks. Die Welt wäre ärmer und kälter ohne jenen Rauch der Geschichte.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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