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Franziskus empfängt Angela Merkel : „Eine Ehre für Deutschland“

  • -Aktualisiert am

„Berührende Worte“: Kanzlerin Merkel und Papst Franziskus in Rom Bild: POOL

Bundeskanzlerin Merkel ist am Pfingstsamstag von Papst Franziskus zu einer ungewöhnlich langen Privataudienz empfangen worden. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Finanzkrise und die Rolle der Europäischen Union.

          Üblicherweise lädt der Vatikan keine Regierungschefs mehr ein, wenn Wahlen kurz bevorstehen. Am Pfingstsamstag aber wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einem mehr als nur diplomatischen Treffen von Papst Franziskus in einer Privataudienz empfangen. Die Kanzlerin und der Papst saßen genau 47 Minuten unter vier Augen in der päpstlichen Privatbibliothek im Apostolischen Palast in Rom zusammen. Üblicherweise sind im Vatikan für derartige Besuche nur 20 Minuten vorgesehen.

          Sie habe sich gefreut und es als „Ehre für Deutschland“ verstanden, dass sie kurz nach ihrer ersten Begegnung zur Einführung von Franziskus am 19. März schon wieder im Vatikan sein dürfe, sagte Angela Merkel anschließend den Pressevertretern, sichtlich bewegt. Die Bundeskanzlerin würdigte den Vorgänger von Franziskus, Benedikt XVI. Sie hob auch die gute Beziehungen zwischen dem alten und dem neuen Papst hervor. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Finanzkrise und ihre Auswirkungen.

          Angela Merkel sagte, keine Politik könne die Grundlagen für eine Gesellschaft legen: „Wir leben von Voraussetzungen, die nicht in unserer Hand liegen.“ Der katholischen Kirche komme bei der Pflege der gesellschaftlichen Basis „aus meiner Sicht eine zentrale Rolle zu“. Franziskus habe im Gespräch mit ihr deutlich gemacht, dass „Europa gebraucht wird, und dass wir ein starkes Europa brauchen“.

          Mit Blick auf die aktuelle Wirtschaftskrise kritisierte die Kanzlerin „Entgleisungen aus den Leitplanken der sozialen Marktwirtschaft“. Die Wirtschaft müsse den Menschen dienen. „Das war längst nicht überall der Fall“, sagte sie. Damit ging die Kanzlerin indirekt auf eine Predigt ein, in der Papst Franziskus vor wenigen Tagen die „Diktatur“ der Finanzmärkte gescholten hatte. Angela Merkel sprach sich für eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte aus. Dabei sei die internationale Gemeinschaft schon ein Stück vorangekommen, um neuerliche Krisen zu verhindern.

          Benedikt XVI. nie im Vatikan besucht

          Frau Merkel zeigte sich beeindruckt, dass Franziskus die Menschen durch „sehr einfache und berührende Worte erreicht“. Sie griff ein Wort von Franziskus auf, als sie sagte, die Kirche „darf nicht eingeschlossen sein; sie muss zu den Menschen gehen“. In einer Mitteilung des Vatikans hieß es nach dem Treffen, der Papst und die Kanzlerin hätten auch über den Schutz der Menschenrechte und über die Verfolgung von Christen gesprochen und hätten allenthalben Glaubensfreiheit eingefordert.

          Gastgeschenke: Frau Merkel überreicht eine Gesamtausgabe Friedrich Hölderlins.

          Angela Merkel erhielt vatikanische Münzen zum Geschenk; sie gab dem Papst eine Gesamtausgabe des deutschen Lyrikers Friedrich Hölderlin von 1905 in Leder und Goldschnitt sowie eine Gesamtausgabe des Dirigenten und Komponisten Wilhelm Furtwängler in 107 CD’s. Franziskus hatte Hölderlin einmal als einen seiner Lieblingsdichter bezeichnet und bei einer seiner ersten Audienzen auf Deutsch aus einem Werk zitiert („Es ist ruhig das Alter und fromm.“). Furtwängler schätzt der Papst nach seinen eigenen Worten als Interpreten der Werke von Beethoven und Richard Wagner.

          Während des knapp acht Jahre dauernden Pontifikats von Benedikt XVI. war Angela Merkel nie im Vatikan gewesen, hatte Benedikt aber in Castel Gandolfo getroffen. Mit Benedikt war es zu Spannungen gekommen, als Frau Merkel forderte, der Papst müsse stärker gegen den Antijudaismus in der Kirche vorgehen. Es war auch um den Holocaustleugner und Bischof der Piusbrüder, Richard Williamson, gegangen. Später entschuldigte sich Angela Merkel bei Benedikt telefonisch für ihre Äußerungen; sie habe die Haltung des Papstes falsch eingeschätzt, seine ausdrückliche Kritik an Williamson nicht gekannt. Kurz nach seiner Wahl hatte Franziskus die Kanzlerin aufgefordert, für ihn zu beten. Das habe sie dann auch als Protestantin für ihn tun können, hatte Angela Merkel kürzlich gesagt.

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