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Der Jesuiten-Orden : Wer mit dem Teufel kämpft, muss die Seiten schnell wechseln können

Der neugewählte Papst hält eine Messe in der Sixtinischen Kapelle Bild: REUTERS

Die Jesuiten haben viele Feinde - außerhalb, aber auch innerhalb der katholischen Kirche. Papst Johannes Paul II. bootete sie aus, Benedikt XVI. holte sie wieder zurück.

          Jesuitisch - in keinem Adjektiv mischen sich so widersprüchliche Wertungen wie in dem, was sich aus der ebenso schlichten wie anmaßenden Bezeichnung „Societas Jesu“ ableitet. Denn der Männerorden, der nach den Initialen seines lateinischen Namens mit SJ abgekürzt wird, polarisiert die Kirche wie die Welt seit seiner Gründung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wie kein zweiter.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Ohne gemeinsames Gebet, nicht einmal ein Ordensgewand, die Oberen nicht gewählt, sondern von oben eingesetzt, dem Papst durch ein besonderes Gehorsamsgelübde verbunden, der Nachwuchs über Jahre hinweg nach strengsten Kriterien ausgewählt und so umfassend wie nirgends theologisch und geistlich zugerüstet - so fand man die Jesuiten als Speerspitze der Gegenreformation, als Gründer von Kollegien und Universitäten, als Dichter, Künstler oder auch Beichtväter von Fürsten, als Astronomen am Hofe des Kaisers von China und als Gründer einer Art indianischer Utopia in Südamerika. Doch nicht ohne Anlass wurde denselben Männern immer wieder Schlechtes nachgesagt, und das nicht nur von Protestanten und Aufklärern. Auch in der katholischen Kirche hatten die Jesuiten stets Gegner, wenn nicht Feinde. Als geistige Giftmischer und Tyrannenmörder, als Männer, die Kadavergehorsam für eine Tugend halten und mit der „Jesuitenmoral“ eine besonders perfide Methode erfanden, je nach Opportunität Gutes als schlecht und Schlechtes als gut erscheinen zu lassen - so bevölkern Jesuiten bis in die Gegenwart Geschichtsbücher, Pamphlete und Skandalromane.

          Und weil die Jesuiten stärker polarisierten als alle anderen Orden zusammen, erlitten sie ein Schicksal, das allen anderen erspart geblieben ist. Die Gegnerschaft von Kaisern, Königen, Fürsten und selbst Päpsten ging so weit, dass die von dem baskischen Adeligen Inigo (Ignatius) de Loyola gegründete und 1540 von Papst Paul III. anerkannte „compañía de Jesus“ im Laufe des 18. Jahrhunderts in vielen Ländern verfolgt, vertrieben und 1773 von Papst Clemens XIV. aufgehoben wurde.

          Missionare ohne Amt und Würden

          Mehr als vierzig Jahre später, am 7. August 1814, stellte Papst Pius VII. den Orden offiziell wieder her. Und wieder scharten sich die Jesuiten um den Papst, wurden zu Wegbereitern wie Opfern des katholischen Antimodernismus, boten sich den katholischen Eliten als Erzieher ihrer Kinder und geistliche Begleiter an, gründeten Männerkongregationen und Gewerkschaften und waren Widerstand gegen Diktaturen des 20. Jahrhunderts.

          Nur eines sollten Jesuiten nicht, jedenfalls nicht außerhalb der Missionsgebiete: Bischof sein. Denn auch das sollte einen Jesuiten auszeichnen: nicht nach kirchlichen Ämtern und Würden zu streben. Jorge Mario Bergoglio war da keine Ausnahme, wie auch der im August vergangenen Jahres verstorbene Kardinal Carlo Maria Martini. Aber beide wurden im Gehorsam Bischof, weil Papst Johannes Paul II. es so wollte und kein Oberer ein Veto einlegte. Martini wurde 1979 mit der Leitung des Erzbistums Mailand betraut. Im selben Jahr endete in Argentinien die sechsjährige Amtszeit Bergoglios als Oberer der dortigen Ordensprovinz. Bergoglio kehrte an die Universität zurück. Dort erlebte er 1983 das Ende der Militärdiktatur und den Übergang zur Demokratie. Mitte der achtziger Jahre hoffte er, promovieren zu können, und kam zu diesem Zweck für einige Monate an die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen der Jesuiten in Frankfurt. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts, als Papst Johannes Paul II. ihn im Jahr 1992 zu einem der Weihbischöfe im Erzbistum Buenos Aires ernannte.

          Dieser Schritt war überraschend. Denn die Jesuiten, die in den siebziger Jahren durch Austritte einen Aderlass erlebt hatten und untereinander über viele politische und theologische Fragen im Streit lagen, standen bei Johannes Paul II. in geringem Ansehen. 1981 und damit drei Jahre nach seiner Wahl zum Papst hatte der polnische Papst den Generaloberen des Jesuitenordens, Pedro Arrupe, entmachtet und die Leitung des Ordens zwei ihm genehmen Patres übertragen. Erst zwei Jahre später durften die Jesuiten den Niederländer Hans-Peter Kolvenbach zu Arrupes Nachfolger wählen. Unter dem neuen Generaloberen wurde es um die Jesuiten ruhiger, obgleich sich in deren Reihen auch viele Verfechter der lateinamerikanischen Befreiungstheologie befanden und gleich sechs Jesuiten im Jahr 1989 in El Salvador von rechten Todesschwadronen ermordet worden waren.

          Benedikt XVI. berief Jesuiten in die Kurie

          Die inhaltliche Ausrichtung des Ordens lässt sich bis heute an den Beschlüssen der Generalkongregation des Jahres 1995 ablesen. Während der 34. Versammlung von Repräsentanten aller Provinzen und Einrichtungen, die dem Generaloberen direkt unterstellt sind, wurden zwei Arbeitsfelder als vorrangig festgelegt: Dienst am Glauben und Kampf für Gerechtigkeit, beides jedoch im Dialog mit anderen Kirchen, Religionsgemeinschaften und allen Menschen guten Willens und beides im Kontext der jeweiligen Kultur.

          Die 35. Generalkongregation fand im Jahr 2008 in einem ganz anderen Klima statt als die vorhergehende. Zwar hatten sich Jorge Bergoglio, seit dem Jahr 1998 Erzbischof von Buenos Aires und seit 2001 Mitglied des Kardinalskollegiums, und Joseph Kardinal Ratzinger im Konklave des Jahres 2005 gegenübergestanden. Doch das tat der hohen Meinung Papst Benedikts XVI. vom Jesuitenorden keinen Abbruch. Pater Kolvenbach durfte endlich als Generaloberer zurücktreten, und Adolfo Nicolás wurde zu seinem Nachfolger gewählt. Benedikt berief unterdessen mehrere Jesuiten in wichtige Funktionen an der Kurie, etwa den Mallorquiner Luis Ladaria Ferrer zum Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre und den Italiener Federico Lombardi zum Sprecher des Vatikans. Auch die römische Jesuiten-Universität Gregoriana war sich des Wohlwollens des Papstes sicher. Daher kamen die freundlichen Gesten des neuen Papstes Franziskus vom Mittwochabend an seinen Vorgänger wohl von ganzem Herzen.

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