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Der Heilige Franziskus : Eine kühne Wahl

Der heilige Franziskus ist seit 1939 der Schutzpatron Italiens Bild: mauritius images / ib

Nie zuvor hat sich ein Papst nach dem Heiligen Franziskus benannt. Der Ordensgründer genießt dank seines Einsatzes für die Armen bei Gläubigen bis heute hohes Ansehen. Die Namenswahl könnte ein Hinweis sein, dass der Argentinier Bergoglio die Kirche für reformbedürftig hält.

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          Mit der Frage „Quo nomine vis vocari?“ des ranghöchsten Kardinalbischofs ist Kardinal Bergoglio, nachdem er unmittelbar zuvor die Wahl angenommen hatte, am Mittwochabend vor die erste große Entscheidung seines Pontifikats gestellt worden. Die Wahl des Namens Franziskus durch den Jesuiten Bergoglio ist ein Entschluss von großer Kühnheit.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Nie zuvor in der Geschichte hat sich ein Papst nach dem Heiligen Franziskus benannt. Der 1181 oder 1182 in Assisi geborene Ordensgründer ist einer der am innigsten verehrten Heiligen der römisch-katholischen Kirche. Weil er sich mit all seiner Kraft den Armen und den Kranken widmete, steht er allerdings auch bei Anhängern anderer Konfessionen und Religionen und sogar bei Nichtgläubigen in hohem Ansehen. Viele Leute erkennen in ihm ein authentisches Bild des Menschen in der Nachfolge Jesu. Erzählungen wie die von der Predigt des Evangeliums an die Vögel machen ihn bei Umweltschützern und Tierschützern populär. Seit 1980 ist er Patron des Umweltschutzes und der Ökologie; schon seit 1939 ist er der Schutzpatron Italiens.

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          Aus einer wohlhabenden Tuchhändlerfamilie stammend, hatte der Krieger Franziskus nach der Überlieferung einen Traum, in dem ihm Gott erschien und fragte: „Warum dienst du dem Knecht statt dem Herrn?“ Franziskus zog sich daraufhin zurück und lebte in selbstgewählter Armut. Nach der Legende wurde ihm 1205 beim Gebet durch die Stimme Christi der Auftrag zuteil: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Franziskus begann allein außerhalb der Stadt zu leben, Aussätzige zu pflegen, barfuß zu laufen, die einfache Kutte nur mit einem Strick gegürtet. Mit dieser Lebensweise zog er Spott und Ablehnung auf sich, fand aber auch erste Anhänger, die nach dem Vorbild der Jünger Jesu zu leben willens waren.

          1226 gestorben, 1228 heiliggesprochen

          Vom damaligen Papst wurde die entstandene Gemeinschaft zunächst mündlich und dann während des IV. Laterankonzils 1215 auch öffentlich als Orden anerkannt. Franziskus schloss sich 1219 dem Kreuzzug an und predigte sogar im Lager des muslimischen Heeres. Wohl auch infolge von Krankheiten gab er 1220 die Leitung seines Ordens ab. 1226 starb Franziskus. Bereits 1228 wurde er heiliggesprochen.

          Über die Gründe, die Kardinal Bergoglio dazu bewogen haben könnten, den Namen Franziskus zu wählen, kann man zunächst nur Mutmaßungen anstellen. Die Namenswahl könnte als Hinweis gewertet werden, dass Bergoglio die Kirche für reformbedürftig hält wie Franziskus zu seiner Zeit. Bergoglio jedenfalls galt bei der vorangegangenen Papstwahl als der Kandidat der Reformer. Ob bei dem Sohn italienischer Einwanderer auch eine Verbundenheit mit Franziskus als dem Schutzpatron Italiens eine Rolle gespielt haben könnte, bleibt dahingestellt. Sicher dürfte der Name allerdings darauf hindeuten, dass im Pontifikat des neuen Papstes der Diakonie, der Zuwendung zu den Armen, vielleicht auch ökologischen Fragen eine große Bedeutung zukommt. Dies stünde ebenfalls in Kontinuität zum bisherigen Wirken Bergoglios.

          Der Wechsel des Namens ist gemäß römisch-katholischer Tradition aber auch als Hinweis darauf zu verstehen, dass der Übergang vom Kardinal zum Papst nicht nur als Fortsetzung, sondern ebenso als Bruch zu verstehen ist. Im 10. und 11. Jahrhundert wurde der Wechsel des Namens die Regel - auch, um auf die hohe Bedeutung des Amts hinzuweisen: Der Petrusdienst ist nicht nur eine weitere Aufgabe oder ein Titel, so die Auffassung, sondern er verändert die Person selbst.

          Namensgebung Grenzen gesetzt

          Die Auswahl eines Namens ist zudem eine Frage von großem symbolischen und durchaus auch kirchenpolitischem Gewicht für ein Pontifikat. Der Name eines neuen Papst kann beides andeuten, die Wahrung der Tradition des unmittelbaren Amtsvorgängers wie den gezielten Bruch mit ihr. Der Gewählte kann sich durch seine Wahl einreihen in die lange Reihe der Bewahrer, aber auch seine Bereitschaft andeuten, aus vermeintlich vorgegebenen Bahnen auszubrechen. Die nur vierfach unterbrochene Reihe der Päpste mit dem Namen Pius seit 1775 etwa ist eng mit dem Antimodernismus im Vatikan verbunden. Johannes XXIII., der 1958 die Nachfolge von Pius XII. antrat, wählte hingegen einem Namen, den schon seit Jahrhunderten kein Papst mehr getragen hatte. Schon damit deutete er an, dass er zu neuen Wegen bereit sei. Später sollte Johannes XXIII. ein neues Kapitel der Kirchengeschichte aufschlagen, indem er das II. Vatikanische Konzil einberief.

          Der Wahlfreiheit eines Papstes bei der Namensgebung sind allerdings gewisse Grenzen gesetzt. Die erste beurkundete Namensänderung vollzog im Jahr 533 Mercurius, der das Christentum nicht dadurch beflecken wollte, dass der Bischof von Rom nach dem heidnischen Gott der Händler und Diebe hieß. Er zog daher den Namen Johannes II. vor, nach Johannes, dem Täufer. Bei der Wahl seines Namens sollte ein Papst nicht nur zu weit abseits liegen, sondern auch nicht zu hoch zielen. Sich durch die Wahl eines Namens in die Reihe mit den Größten der christlichen Religion zu stellen, ziemt sich keinesfalls für einen Papst. Nicht in Betracht bei der Namenswahl kommen der Name des Heilands selbst, die Namen der zwölf Apostel, insbesondere des Apostelfürsten Petrus, sowie die Namen der Evangelisten.

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