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Bergoglio und die Militärdiktatur : „Ich werde alles tun, damit er freikommt“

Der Bischof von Rom Bild: AFP

Argentinien in den siebziger Jahren: Das Militär verschleppt die Patres Ferenc Jalics und Orlando Yorio. Erst nach fünf Monaten kommen sie wieder frei. Bis heute glauben manche, dass Jorge Mario Bergoglio sie verriet.

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          Als Ferenc Jalics zwanzig war, wusste er, dass er Jesuit werden wollte. Es waren schwere Zeiten für die Familie, der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei, das Gut südlich von Budapest zerbombt. Die Jalics kehrten trotzdem von ihrer Flucht aus Deutschland zurück, sie lebten im Keller, in den einzigen Räumen, die unzerstört waren. Der Vater war in politischer Haft, es gab viel zu tun.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          „Man hätte Ferenc sehr gebraucht“, sagt sein Bruder, aber „Feri“, der älteste Sohn und Augapfel seiner Mutter, entsagte dem weltlichen Leben. Von da an sahen seine neun Geschwister ihn nicht mehr oft. Er ging zum Studium nach Belgien, dann nach Chile, 1957 nach Buenos Aires, Argentinien. Dort erhielt er Anfang der sechziger Jahre einen Lehrauftrag für Theologie an der Hochschule San Miguel, an der auch Papst Franziskus, damals noch Jorge Mario Bergoglio, zunächst Philosophie und von 1967 an auch Theologie studierte.

          Jalics zog es, wie später den heutigen Papst, zu den Armen. Im Studium hatte er den Jesuiten Orlando Yorio getroffen, der zu seinem engsten Freund wurde. Gemeinsam beschlossen sie Mitte der siebziger Jahre, eine Pfarrei in Bajo Flores zu übernehmen - einer ärmlichen Gegend im Arbeiterstadtteil Flores, in dem Bergoglio aufwuchs.  Als Jalics und Yorio ihre Pfarrei 1974 eröffneten, war Bergoglio seit einem Jahr Provinzial der argentinischen Jesuiten, also ihr Vorgesetzter. Es kam zu Differenzen.

          Meditation statt Politik

          Den beiden Patres gefiel die Befreiungstheologie, die Arme und Unterdrückte ins Zentrum rückte. Dabei war Jalics gar nicht sehr politisch, Yorio schon eher. Er sagte, was er dachte, konnte sich in Rage reden. Jalics dagegen war ruhig und introvertiert, „kein Redner, eher für den kleinen Kreis“, sagt sein Bruder. Mehr als Politik interessierte ihn die Meditation - zunächst in der jesuitischen Tradition der Exerzitien, der geistlichen Übungen, die auf den Ordensgründer Ignatius de Loyola zurückgeht, bald kamen auch fernöstliche Einflüsse dazu.

          In Buenos Aires baute er sich einen kleinen Kreis auf, in dem er seine eigene Form der Meditation lehrte. Und die kleine Pfarrei in Bajo Flores wurde zum Magneten: Die Messen waren gut besucht, die beiden Patres leiteten Gebetskreise, halfen in sozialen Fragen, lebten mitten im Slum. Bergoglio hatte das Projekt zwar genehmigt, aber nach Angaben von Jalics’ Familie gefiel es ihm von Anfang an nicht: Es sei ihm gefährlich erschienen, die Linie der beiden Patres zu gewagt.

          Nur ein einziges Mal hat er öffentlich über diese Zeit gesprochen: in der 2010 erschienenen Biographie „Der Jesuit“, in der er sich von zwei Journalisten befragen lässt. Yorio und Jalics, sagt er da, seien in den siebziger Jahren dabei gewesen, eine eigene Gemeinschaft zu gründen, es habe sogar schon Regeln dafür gegeben. Der damals höchste Jesuit, der Generalobere Pedro Arrupe, habe die beiden deshalb aufgefordert, sich zwischen dem Jesuitenorden und ihrem „eigenen Projekt“ zu entscheiden.

          Merkwürdiges Austrittsgesuch

          Da sie ihr Projekt aber nicht aufgeben wollten, hätten die beiden Patres schließlich um ihre Entlassung aus dem Jesuitenorden gebeten. Jalics’ Familie kann diese Version kaum glauben: Nie habe Ferenc ein Wort darüber verloren, aus dem Orden austreten zu wollen, heißt es. Hätte er es gewollt, hätten sie mit Sicherheit davon gehört, glaubt sein Bruder, der damals in regem Briefkontakt mit ihm stand. Und warum hätte er überhaupt den Orden verlassen sollen, nach dreißig Jahren? Der Orden sei doch sein Leben.

          Besonders merkwürdig erscheint das angebliche Austrittsgesuch, da Ferenc zu dem Zeitpunkt schon seine letzten Gelübde abgelegt hatte, womit ein Austritt nur noch sehr kompliziert und mit Einverständnis des Vatikans möglich war. So schildert es auch Bergoglio. Yorios Gesuch, sagt er in dem Gesprächsband, sei dagegen akzeptiert worden, und zwar nach etwa einem Jahr, am 19. März 1976.

          Zu dem Zeitpunkt war in Argentinien noch Isabel Perón an der Macht, die Ehefrau des 1974 verstorbenen Juan Domingo Perón, doch brodelten schon Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch. Bergoglio sagt, er habe Jalics und Yorio in dieser Situation zur Vorsicht gemahnt. Er erinnere sich, dass er ihnen angeboten habe, sich im Ordenshaus in Sicherheit zu bringen, anstatt in Bajo Flores zu bleiben.

          Fünf Tage lang wurden sie verhört

          Dann, am 24. März, kam der Putsch. Die Militärregierung verkündete sofort, gegen linksgerichtete Oppositionelle, sogenannte „Subversive“, mit aller Härte vorzugehen. Jalics und Yorio sahen keinen Grund zur Vorsicht: Sie waren keine Guerrilleros. Am 23. Mai 1976, einem Sonntag, hielten sie wie üblich eine Messe in Bajo Flores. Wie aus dem Nichts stürmten mehrere hundert schwerbewaffnete Soldaten das Elendsviertel, stülpten den Patres Säcke über, stießen sie in ihre Wagen und fuhren mit ihnen fort.

          Fünf Tage wurden sie verhört, Yorio wurden Drogen verabreicht, doch er sprach nur über Gott. So schilderte Jalics das Geschehen in seinem 1995 erschienenen Buch „Kontemplative Exerzitien“. Nach dem Ende der Verhöre habe man ihnen versprochen, sie freizulassen, schrieb er, weil man ihnen nichts vorwerfen konnte. Doch nichts geschah. „Die Ungerechtigkeit, trotz evidenter Unschuld festgehalten zu werden, beschwor eine entsetzliche Ohnmacht und großen Zorn in mir herauf. Mehr noch richtete sich meine Wut gegen denjenigen, der die falsche Anzeige gegen uns erstattet hatte“, schrieb Jalics.

          Einen Namen nannte er nicht. Aber in seiner Familie ist unbestritten, dass er Bergoglio meinte. Ferenc sei überzeugt gewesen, dass Bergoglio ihn und Yorio an die Militärjunta verraten habe, indem er einen Hinweis gegeben habe, dass sich in Bajo Flores Guerrilleros verstecken könnten, sagt Ferenc’ Bruder. Mehrfach habe er diesen Vorwurf im Kreis der Familie so deutlich ausgesprochen.

          Keine Stellung zu Bergoglios Rolle

          Auch einige Menschenrechtsanwälte und argentinische Journalisten vertreten diese These: Bergoglio habe den Patres, die ihre Arbeit in Bajo Flores nicht aufgeben wollten, unter dem Vorwand der Gehorsamsverweigerung den Schutz der Kirche entzogen und sie damit zu Freiwild gemacht. Bergoglio hat diese Vorwürfe immer entschieden zurückgewiesen.

          Ferenc Jalics, der inzwischen in Deutschland lebt und Franz genannt wird, will heute nicht mehr über diese Dinge sprechen. In einer schriftlichen Erklärung, die er diese Woche veröffentlicht hat, deutet er sogar einen anderen möglichen Grund für seine Verhaftung an: Einer der Mitarbeiter der Pfarrei habe sich damals der Guerrilla angeschlossen und sei verhaftet worden. Im Verhör seien wohl ihre beiden Namen gefallen, und „in der Annahme, dass auch wir mit der Guerrilla zu tun haben, wurden wir verhaftet“. Weiter heißt es: „Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen.“

          Ein einziges Mal, im Jahr 2010, hat Bergoglio vor Gericht zu dem Fall der beiden Patres ausgesagt. Auch Jalics war zu dem Prozess eingeladen, er sollte aussagen. Doch er fuhr nicht hin. Bergoglio sagte damals, er habe die beiden Patres gewarnt: Ihre Arbeit bringe sie in Gefahr, sie könnten Opfer der herrschenden Paranoia werden.

          „Wie verrückt dafür eingesetzt“

          Zudem habe er sich je zweimal mit dem Chef der Junta, Diktator Jorge Videla, und dem Oberkommandierenden der Marine, Admiral Emilio Massera, getroffen, um die Freilassung der beiden zu erwirken. In dem Gesprächsband „Der Jesuit“ sagt er, am Ende seien die beiden freigekommen, weil man ihnen nichts nachweisen konnte und weil „wir uns wie verrückt dafür eingesetzt haben“.

          Fünf Monate blieben die beiden Patres verschwunden. Fünf Monate mit verbunden Augen, immer gefesselt. Sie bekamen zu essen, sie blieben zusammen, einmal verabreichte ihnen ein Wächter sogar die Kommunion. Aber sonst: nichts. Kein Licht, keine Informationen. Die beiden Patres begannen zu beten, zu meditieren, tagelang. Die Familie, die zum großen Teil nach Amerika ausgewandert war, litt kaum weniger.

          Ein Bruder schrieb Briefe: an den damaligen Staatsminister im Auswärtigen Amt, Hans-Jürgen Wischnewski, an den Apostolischen Nuntius, den Vertreter des Vatikans in Buenos Aires, und an Jorge Mario Bergoglio. An ihn schrieb er am 1. September 1976 auf Latein: „Ich habe gehört, dass Sie und mein Bruder Meinungsverschiedenheiten in religiösen, sozialen und politischen Fragen gehabt haben sollen . . . Das ist normal. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie als Sohn des heiligen Ignatius nicht alles versuchen würden, um ihn zu befreien. Versuchen Sie es immer wieder.“

          Freilassung nach fünf Monaten Haft

          Bergoglios Antwort datiert vom 15. September. „Ich habe viele Aktionen unternommen bei der Regierung, damit Ihr Bruder freikommt“, schrieb Bergoglio, ebenfalls auf Latein. „Bis jetzt haben wir keinen Erfolg gehabt. Aber ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass Ihr Bruder bald freigelassen wird. Ich habe diese Angelegenheit zu ,MEINER’ Sache gemacht. Die Schwierigkeiten, die Ihr Bruder und ich gehabt haben über das religiöse Leben, haben damit nichts zu tun.“ Es folgt ein Satz auf Deutsch: „Ferenke ist mein Brüder . . .“ Dann, wieder auf Latein: „Entschuldigen Sie, dass ich ins Deutsche gerutscht bin, aber so denke ich. Ich liebe ihn und ich werde alles tun, was ich kann, damit er freikommt.“

          Als Nächstes kam ein Brief vom Nuntius aus Buenos Aires. Er schrieb: „Er lebt, aber wir wissen nicht, wo er ist.“ Der Bruder aus Deutschland antwortete: „Woher wissen Sie dann, dass er lebt?“ Dann passierte wieder nichts. Bis ein Freund der Familie, der beim Roten Kreuz in Genf arbeitete, im Oktober einen Brief nach Amerika schickte. Darin stand, dass er leider die Information bekommen habe, dass die beiden Verschwundenen ermordet worden seien.

          Das Schlimmste war eingetreten. Die tiefgläubige Mutter organisierte schweren Herzens eine Totenmesse in Cleveland, zu der die engste Familie kam. Sie fand an einem Samstag statt. Am Sonntag rief Ferenc an: er lebte. Nach fünf Monaten Haft hatte man die beiden Patres Ende Oktober 1976 aus einem Hubschrauber über einem Feld abgeworfen. Ferenc floh sofort nach Amerika.

          Ferenc glaubte, ein Mitglied des Ordens habe ihn denunziert

          Über Weihnachten fuhr sein Bruder zu ihm. Ferenc habe kaum laufen können, ständig seien ihm die Tränen gelaufen, er habe am ganzen Leib gezittert. Zunächst habe er kaum gesprochen. Erst später begann er zu erzählen, auch von der Vorgeschichte, von seiner Vermutung, ein Mitglied des Ordens habe ihn denunziert. Die Familie nahm die Vorwürfe zur Kenntnis, niemand widersprach. Aber es gab auch Zweifel: Konnte jemand nach fünf Monaten Folter die Gründe objektiv beurteilen?

          Bergoglio schrieb am Tag nach der Freilassung der beiden Patres einen zweiten Brief. Darin heißt es: „Die falsche Nachricht, dass Francisco ermordet worden war, hat man auch bei uns gesagt. Aber ich wollte einer solchen Nachricht nie glauben, da ich Auskunft über beide Patres hatte. Gewöhnlich reden die Leute all zu viel in solchen Umständen, anstatt mitzuwirken, um Lösungen zu finden, die tatsächlich sehr schwierig sind. Aber so sind die Leute. Ich empfehle mich Ihrem Gebet. Mit den besten Grüßen, Jorge Mario Bergoglio.“

          Nachdem Jalics sich in Amerika etwas erholt hatte, ging er für ein paar Monate nach Kanada. 1978 zog er nach Deutschland, wo er 1984 in Oberfranken ein eigenes Exerzitienhaus gründete. Sein Bruder glaubt, dass es Mitte der achtziger Jahre war, als Ferenc gemeinsam mit Orlando Yorio nach Rom fuhr, um dem General ihres Ordens ihre Version der Geschichte vorzutragen. Sie nahmen alle Dokumente mit, die sie hatten. Er kam ernüchtert zurück. Zu seinem Bruder sagte er, dass er alle Papiere aus der Zeit verbrennen werde.

          Ende der achtziger Jahre setzte sich eine argentinische Mitarbeitern Jalics’ dafür ein, dass er sich noch einmal mit Bergoglio traf. Das Wiedersehen fand in Buenos Aires statt. Hinterher erzählte er seinem Bruder, dass Bergoglio sich bei ihm entschuldigt habe. Wofür, sagte er nicht. Er habe ihm verziehen, danach hätten sie gemeinsam die Messe gefeiert. Er wolle sein Leben nicht damit verbringen, Rache zu üben.

          Weil er gesehen habe, wie sein Freund Orlando, der 2000 starb, daran zugrunde gegangen sei. Damals hörte Jalics auf, über die Vergangenheit zu sprechen. An diesem Freitag haben Franz Jalics und sein Bruder miteinander telefoniert. „Bester Dinge“ habe Franz auf ihn gewirkt, sagt der Bruder. Und als er ihn gefragt habe, wie er es aufgenommen habe, dass Bergoglio zum Papst gewählt wurde, habe Jalics gesagt, das habe er schon lange geahnt.

          „Ich wünsche Papst Franziskus Gottes reichen Segen für sein Amt“, lautet der letzte Satz seiner Erklärung aus dieser Woche. Die Exerzitien, schrieb Ignatius von Loyola, seien dazu da, „die Seele vorzubereiten und bereit zu machen, alle ungeordneten Neigungen von sich zu entfernen und, nachdem sie abgelegt sind, den göttlichen Willen zu suchen und zu finden in der Ordnung des eigenen Lebens zum Heil der Seele“.

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