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Bergoglio und die Militärdiktatur : „Ich werde alles tun, damit er freikommt“

Ein einziges Mal, im Jahr 2010, hat Bergoglio vor Gericht zu dem Fall der beiden Patres ausgesagt. Auch Jalics war zu dem Prozess eingeladen, er sollte aussagen. Doch er fuhr nicht hin. Bergoglio sagte damals, er habe die beiden Patres gewarnt: Ihre Arbeit bringe sie in Gefahr, sie könnten Opfer der herrschenden Paranoia werden.

„Wie verrückt dafür eingesetzt“

Zudem habe er sich je zweimal mit dem Chef der Junta, Diktator Jorge Videla, und dem Oberkommandierenden der Marine, Admiral Emilio Massera, getroffen, um die Freilassung der beiden zu erwirken. In dem Gesprächsband „Der Jesuit“ sagt er, am Ende seien die beiden freigekommen, weil man ihnen nichts nachweisen konnte und weil „wir uns wie verrückt dafür eingesetzt haben“.

Fünf Monate blieben die beiden Patres verschwunden. Fünf Monate mit verbunden Augen, immer gefesselt. Sie bekamen zu essen, sie blieben zusammen, einmal verabreichte ihnen ein Wächter sogar die Kommunion. Aber sonst: nichts. Kein Licht, keine Informationen. Die beiden Patres begannen zu beten, zu meditieren, tagelang. Die Familie, die zum großen Teil nach Amerika ausgewandert war, litt kaum weniger.

Ein Bruder schrieb Briefe: an den damaligen Staatsminister im Auswärtigen Amt, Hans-Jürgen Wischnewski, an den Apostolischen Nuntius, den Vertreter des Vatikans in Buenos Aires, und an Jorge Mario Bergoglio. An ihn schrieb er am 1. September 1976 auf Latein: „Ich habe gehört, dass Sie und mein Bruder Meinungsverschiedenheiten in religiösen, sozialen und politischen Fragen gehabt haben sollen . . . Das ist normal. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie als Sohn des heiligen Ignatius nicht alles versuchen würden, um ihn zu befreien. Versuchen Sie es immer wieder.“

Freilassung nach fünf Monaten Haft

Bergoglios Antwort datiert vom 15. September. „Ich habe viele Aktionen unternommen bei der Regierung, damit Ihr Bruder freikommt“, schrieb Bergoglio, ebenfalls auf Latein. „Bis jetzt haben wir keinen Erfolg gehabt. Aber ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass Ihr Bruder bald freigelassen wird. Ich habe diese Angelegenheit zu ,MEINER’ Sache gemacht. Die Schwierigkeiten, die Ihr Bruder und ich gehabt haben über das religiöse Leben, haben damit nichts zu tun.“ Es folgt ein Satz auf Deutsch: „Ferenke ist mein Brüder . . .“ Dann, wieder auf Latein: „Entschuldigen Sie, dass ich ins Deutsche gerutscht bin, aber so denke ich. Ich liebe ihn und ich werde alles tun, was ich kann, damit er freikommt.“

Als Nächstes kam ein Brief vom Nuntius aus Buenos Aires. Er schrieb: „Er lebt, aber wir wissen nicht, wo er ist.“ Der Bruder aus Deutschland antwortete: „Woher wissen Sie dann, dass er lebt?“ Dann passierte wieder nichts. Bis ein Freund der Familie, der beim Roten Kreuz in Genf arbeitete, im Oktober einen Brief nach Amerika schickte. Darin stand, dass er leider die Information bekommen habe, dass die beiden Verschwundenen ermordet worden seien.

Das Schlimmste war eingetreten. Die tiefgläubige Mutter organisierte schweren Herzens eine Totenmesse in Cleveland, zu der die engste Familie kam. Sie fand an einem Samstag statt. Am Sonntag rief Ferenc an: er lebte. Nach fünf Monaten Haft hatte man die beiden Patres Ende Oktober 1976 aus einem Hubschrauber über einem Feld abgeworfen. Ferenc floh sofort nach Amerika.

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