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Bergoglio und die Militärdiktatur : „Ich werde alles tun, damit er freikommt“

Besonders merkwürdig erscheint das angebliche Austrittsgesuch, da Ferenc zu dem Zeitpunkt schon seine letzten Gelübde abgelegt hatte, womit ein Austritt nur noch sehr kompliziert und mit Einverständnis des Vatikans möglich war. So schildert es auch Bergoglio. Yorios Gesuch, sagt er in dem Gesprächsband, sei dagegen akzeptiert worden, und zwar nach etwa einem Jahr, am 19. März 1976.

Zu dem Zeitpunkt war in Argentinien noch Isabel Perón an der Macht, die Ehefrau des 1974 verstorbenen Juan Domingo Perón, doch brodelten schon Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch. Bergoglio sagt, er habe Jalics und Yorio in dieser Situation zur Vorsicht gemahnt. Er erinnere sich, dass er ihnen angeboten habe, sich im Ordenshaus in Sicherheit zu bringen, anstatt in Bajo Flores zu bleiben.

Fünf Tage lang wurden sie verhört

Dann, am 24. März, kam der Putsch. Die Militärregierung verkündete sofort, gegen linksgerichtete Oppositionelle, sogenannte „Subversive“, mit aller Härte vorzugehen. Jalics und Yorio sahen keinen Grund zur Vorsicht: Sie waren keine Guerrilleros. Am 23. Mai 1976, einem Sonntag, hielten sie wie üblich eine Messe in Bajo Flores. Wie aus dem Nichts stürmten mehrere hundert schwerbewaffnete Soldaten das Elendsviertel, stülpten den Patres Säcke über, stießen sie in ihre Wagen und fuhren mit ihnen fort.

Fünf Tage wurden sie verhört, Yorio wurden Drogen verabreicht, doch er sprach nur über Gott. So schilderte Jalics das Geschehen in seinem 1995 erschienenen Buch „Kontemplative Exerzitien“. Nach dem Ende der Verhöre habe man ihnen versprochen, sie freizulassen, schrieb er, weil man ihnen nichts vorwerfen konnte. Doch nichts geschah. „Die Ungerechtigkeit, trotz evidenter Unschuld festgehalten zu werden, beschwor eine entsetzliche Ohnmacht und großen Zorn in mir herauf. Mehr noch richtete sich meine Wut gegen denjenigen, der die falsche Anzeige gegen uns erstattet hatte“, schrieb Jalics.

Einen Namen nannte er nicht. Aber in seiner Familie ist unbestritten, dass er Bergoglio meinte. Ferenc sei überzeugt gewesen, dass Bergoglio ihn und Yorio an die Militärjunta verraten habe, indem er einen Hinweis gegeben habe, dass sich in Bajo Flores Guerrilleros verstecken könnten, sagt Ferenc’ Bruder. Mehrfach habe er diesen Vorwurf im Kreis der Familie so deutlich ausgesprochen.

Keine Stellung zu Bergoglios Rolle

Auch einige Menschenrechtsanwälte und argentinische Journalisten vertreten diese These: Bergoglio habe den Patres, die ihre Arbeit in Bajo Flores nicht aufgeben wollten, unter dem Vorwand der Gehorsamsverweigerung den Schutz der Kirche entzogen und sie damit zu Freiwild gemacht. Bergoglio hat diese Vorwürfe immer entschieden zurückgewiesen.

Ferenc Jalics, der inzwischen in Deutschland lebt und Franz genannt wird, will heute nicht mehr über diese Dinge sprechen. In einer schriftlichen Erklärung, die er diese Woche veröffentlicht hat, deutet er sogar einen anderen möglichen Grund für seine Verhaftung an: Einer der Mitarbeiter der Pfarrei habe sich damals der Guerrilla angeschlossen und sei verhaftet worden. Im Verhör seien wohl ihre beiden Namen gefallen, und „in der Annahme, dass auch wir mit der Guerrilla zu tun haben, wurden wir verhaftet“. Weiter heißt es: „Ich kann keine Stellung zur Rolle von P. Bergoglio in diesen Vorgängen nehmen.“

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