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Aufruf zu Reformen : Papst Franziskus geißelt „theologischen Narzissmus“

  • Aktualisiert am

Papst Franziskus feierte am Vormittag im Petersdom die sogenannte Chrisammesse Bild: REUTERS

In Rom stimmt Papst Franziskus die Gläubigen mit zwei Gottesdiensten auf das Osterfest ein. Zuvor hatte er der Veröffentlichung seiner Rede vor dem Konklave zugestimmt, in der er eine um „sich selbst kreisende Kirche“ kritisierte.

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          Papst Franziskus hat die Osterfeierlichkeiten am Gründonnerstag mit einem Aufruf zu einer Neuorientierung der Kirche eingeleitet. Bei der Feier der Chrisammesse im Vatikan wiederholte der Papst seine Forderung, die  Kirche müsse „an die Peripherie“ gehen, und dürfe nicht zu einer Glaubensverwalterin werden. Er erneuerte damit seine Mahnungen, mit denen er wenige Tage vor seiner Wahl zum Oberhaupt der katholischen Kirche in Rom im Kardinalskollegium für Aufsehen gesorgt hatte.

          In der Gründonnerstagsmesse vor rund 1600 Kardinälen, Priestern und Gläubigen forderte Franziskus, die „Krise der priesterlichen Identität“ zu bekämpfen, indem der Glaube auch zu denjenigen getragen werde, die „überhaupt nichts“ hätten. Franziskus kritisierte die „traurigen Priester“, die nicht mehr hinausgingen. Statt Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein würden sie nach und nach zu Verwaltern. Diese gäben nichts „von Herzen“, und  ihnen werde auch nicht von Herzen gedankt. Aus einer solchen Unzufriedenheit erwachse die „Krise der priesterlichen Identität“, die „uns alle bedroht“, sagte der Papst.

          Ähnlich hatte sich Kardinal Jorge Mario Bergoglio wenige Tage vor seiner Wahl zum Papst vor dem Kardinalskollegium geäußert. Der kubanische Kardinal Jaime Ortega veröffentlichte in seiner Diözese am Dienstag erstmals den autorisierten Redetext in voller Länge. Die „Selbstbezogenheit der Kirche“ sei der Grund für das Übel in ihren Institutionen, prangerte er in einer Rede an, veröffentlicht von der Diözesanzeitschrift „Palabra Nueva“ in Havanna. Bergoglio kritisierte so im Vorkonklave eine um sich selbst kreisende Kirche, und forderte diese auf, aus sich herauszugehen, um den Glauben in die Welt zu tragen.

          „Theologischer Narzissmus“

          Diese Rede hat offenbar entscheidend zur Wahl Bergoglios zum Papst am 13. März beigetragen. Nach dem Manuskript, dessen Abdruck Papst Franziskus nun zustimmte, kritisierte der damalige Erzbischof von Buenos Aires in seiner Rede eine Kirche, die sich selbst genug sei und die in „theologischen Narzissmus“ verfalle. Zweck der Kirche sei die Verkündigung des Evangeliums. Daher müsse sie sich an die Grenzen menschlicher Existenz vorwagen. „Evangelisierung setzt apostolischen Eifer“ und „kühne Redefreiheit voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht“, sagte der Kardinal, „nicht nur an die geographischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz, der fehlenden religiösen Praxis, des Denkens und jeglichen Elends“.

          Eine egozentrische Kirche „beansprucht Jesus für ihr Eigenleben und lässt ihn nicht nach außen treten“, sagte Kardinal Bergoglio weiter. So eine Kirche glaube, dass sie schon das eigentliche Licht sei, höre auf, „das Geheimnis des Lichts“ zu sein und lebe nur noch, „um die einen oder anderen zu beweihräuchern“. Bergoglio setzte sich für eine Kirche ein, die das „Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet“. Schon nach der Rede Bergoglios hatten viele Kardinäle erfreut über die präzise und kurzgefasste Analyse der Kirche berichtet.

          Bruch mit der Tradition

          Die Abendmahlsmesse am Gründonnerstag feiert der Papst im römischen Jugendgefängnis „Casal del Marmo“. Er selbst hatte den Ort für diese Messe gewählt. Dabei will das neue katholische Kirchenoberhaupt zwölf Insassen unterschiedlicher nationaler und religiöser Herkunft die Füße waschen. Nach der Messe ist am Donnerstagnachmittag eine Begegnung mit insgesamt 150 Insassen in der Sporthalle der Strafanstalt geplant. Die rituelle Fußwaschung erinnert an Jesus von Nazareth, der laut Bibel dies mit seinen Jüngern als ein Zeichen der Liebe und Demut praktizierte.

          Bereits als Erzbischof von Buenos Aires hatte Bergoglio den Gottesdienst jedes Jahr in einem Gefängnis, einem Krankenhaus oder einer Unterkunft für Obdachlose gefeiert. Papst Franziskus bricht mit der Messe eine Tradition seiner Vorgänger. Die Päpste zelebrierten die Messe bisher in ihrer römischen Bischofskirche im Lateran. Franziskus will die Kathedrale nach Ostern offiziell in Besitz nehmen. Sein Vorgänger Benedikt XVI. wusch bei der Messe regelmäßig zwölf Priestern die Füße.

          Dokumentation: Wider die „kirchliche Selbstbezogenheit“

          Der kubanische Kardinal Jaime Ortega hat ein Manuskript des vormaligen Kardinals Jorge Mario Bergoglio veröffentlicht. Darin fasst dieser eigenhändig eine Rede zusammen, in der der spätere Papst Anfang März das Kardinalskollegium in Rom vor dem Konklave zu einem radikalen Richtungswechsel der Kirche aufrief. Offenbar hat es zur Entscheidung bei der Papstwahl erheblich beigetragen. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) veröffentlichte den programmatischen Text in einer eigenen Übersetzung:

          „Ich habe Bezug genommen auf die Evangelisierung. Sie ist der Daseinsgrund der Kirche. Es ist die „süße, tröstende Freude, das Evangelium zu verkünden“ (Paul VI.). Es ist Jesus Christus selbst, der uns von innen her dazu antreibt.

          1. Evangelisierung setzt apostolischen Eifer voraus. Sie setzt in der Kirche kühne Redefreiheit voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht. Sie ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.

          2. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank (vgl. die gekrümmte Frau im Evangelium). Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus. In der Offenbarung sagt Jesus, dass er an der Tür steht und anklopft. In dem Bibeltext geht es offensichtlich darum, dass er von außen klopft, um hereinzukommen ... Aber ich denke an die Male, wenn Jesus von innen klopft, damit wir ihn herauskommen lassen. Die egozentrische Kirche beansprucht Jesus für sich drinnen und lässt ihn nicht nach außen treten.

          3. Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt - ohne dass es ihr bewusst wäre - dass sie eigenes Licht hat. Sie hört auf, das „Geheimnis des Lichts“ zu sein, und dann gibt sie jenem schrecklichen Übel der „geistlichen Mondänität“ Raum (nach Worten de Lubacs das schlimmste Übel, was der Kirche passieren kann). Diese (Kirche) lebt, damit die einen die anderen beweihräuchern. Vereinfacht gesagt: Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das „Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet“; und die mondäne Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt. Dies muss ein Licht auf die möglichen Veränderungen und Reformen werfen, die notwendig sind für die Rettung der Seelen.

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