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Die ungleichen Brüder : „Piefkes“ und „Ösis“ beim Fußball

  • -Aktualisiert am

Rivalen nicht nur auf dem Fußballfeld: Österreichs zweifacher Torschütze Hans Krankl und der deutsche Mittelfeldspieler Hansi Müller (rechts) verlassen am 21.06.1978 das Stadion in Cordoba Bild: dpa

Für die Österreicher ist es das wichtigste Spiel der ganzen EM: Ein Sieg über die Deutschen bedeutete ihnen mehr als der Einzug ins Finale, vielleicht gar als der Sieg darin. Woher rührt diese tiefsitzende Rivalität? Ein Blick zurück in Geschichte und Literatur.

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          Gewisse publizistische Organe haben vor dem Europameisterschaftsspiel Deutschland-Polen den Eindruck aufkommen lassen, als ob in Fußballstadien bisweilen Ersatzkriege ausgetragen würden. Nicht minder gilt das für die Begegnung Österreich- Deutschland. Dies umso mehr, als nicht allein der alpino-danubische Boulevard, sondern mitunter ernstzunehmende Blätter, sodann der Rundfunk bis hin zum ORF, der „größten Medienorgel des Landes“ (Gerd Bacher) seit Wochen ihr kakanisches Publikum auf das aus der Sicht Cisleithaniens einzig wirklich spannende Match dieser EM einstimmen: auf das Aufeinandertreffen von „Ösi“ und „Piefke“ im Wiener Prater.

          Dieses zu gewinnen, würde den Ösis - sowohl der Fußball-Elf als auch den gut acht Millionen Austriaken - mehr bedeuten als ihr wohl auszuschließender Aufstieg ins Endspiel und gar der Sieg dortselbst. Denn sie träumen nur von einem: die Piefkes zu besiegen. Das wäre nicht nur ein zweites Cordoba - den Sieg 1978 über die deutsche Mannschaft erachteten sie als gerechten Ausgleich für die Niederlage während der Weltmeisterschaft 1954 in Bern -, sondern käme mindestens der Auslöschung von Königgrätz 1866 gleich, gälte als Revanche für den „Anschluss“. Beide Geschehnisse hinterließen tiefe Einkerbungen in der gemeinsamen Geschichte, sie rumoren immer wieder im kollektiven (Unter-)Bewusstsein der acht Millionen Austriaken.

          Tiefe Kerben in der Geschichte

          Die fußballerischen Regungen der Ösis wider die Piefkes speisen sich aus den Wechselfällen ihrer Nachbarschaft. Diesbezügliche Betrachtungen werden an Stammtischen, in Kaffeehäusern und Heurigen, aber auch in Hörfunk, Fernsehen und Gazetten angestellt. Reflexe und Reminiszenzen lassen versunkene Bilder wiederkehren. Da pisakte Friedrich der Große Maria Theresia, dort verschmähten die in der Paulskirche versammelten Achtundvierziger den angeblich liberalen Erzherzog Johann als Reichsverweser, setzten auf Klein- statt auf Großdeutsch.

          Unvergessen die Schmach von Königgrätz, da des Piefke Zündnadelgewehr über des Ösis Vorderlader siegte. Sodann die Verwicklung in den deutsch-französischen Krieg 1870/71. Und von der Reichsgründung ist der Weg nicht weit zum Zweibund und zum Ende der Monarchie(n) nach dem Ersten Weltkrieg, als sich Österreich-Ungarn amputiert sieht auf „den Rest“ (Clémenceau). Name und Zusammengehen des für lebensunfähig gehaltenen Rumpfstaats mit Deutschland untersagen die Alliierten.

          „Ungleiche Brüder“

          Nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb Wien Identitätsstiftung, war folglich auf Distanzierung, Absetzung und Abgrenzung vom deutschen Nachbarn bedacht. Das veranlasste den Historiker Matthias Pape, seinem Buch den Titel „Ungleiche Brüder. Österreich und Deutschland 1945 bis 1965“ zu geben. Was er darin über das österreichisch-deutsche Verhältnis zusammentrug, wirkt just in unseren Tagen. Das in ÖVP und SPÖ kultivierte, selbst von der ehedem deutschnationalen FPÖ hervorgekehrte Österreich(er)-Bewusstsein trägt Züge absichtlicher Segregation, erlangte mit dem Festhalten an der (zuletzt von SPÖ und Grünen ikonisierten) Politik der „immerwährenden Neutralität“ Festigung.

          Aus den Tiefpunkten der Nachkriegsbeziehungen - anzusiedeln um den Staatsvertrag 1955, als es um die Frage des verstaatlichten deutschen Vermögens ging, dann die im Vergleich zu anderen Demokratien frühe Anerkennung der DDR durch Österreich - sind offenbar unausrottbare Klischees vorhanden. Nicht einmal die sechzehn Jahre der Kanzlerschaft Helmut Kohls, eines in Jahrzehnten regelmäßigen Urlaubens in St. Gilgen sowie in persönlichen Beziehungen ausgewiesenen Österreich-Freundes, trug zur völligen Entkrampfung bei.

          Neuer Tiefpunkt im Jahr 2000

          Vor dem Hintergrund touristischer „Wiederverfreundung“ - in Anlehnung an Gabriele Holzers 1995 erschienenes Buch „Verfreundete Nachbarn“ -, wobei ein gewisses Maß an Misstrauen gegenüber dem großen Bruder nie gänzlich wich, musste sich das Verhalten Berlins unter rot-grüner Federführung in der Sanktions-Causa verheerend auswirken: wie das eines „Europäischen Großinquisitors“ im „anno horribilis“ 2000. Kommt dann jemand daher wie Gerhard Schröder am 25. Mai 2001, der allem Anschein nach die „Fortsetzung der Sanktionspolitik mit anderen Mitteln“ zu betreiben beabsichtigte, wie es der damalige ÖVP-Nationalratsfraktionsvorsitzende Khol nannte, dann durfte man sich nicht wundern, dass Schröder Reserviertheit und Ressentiment entgegenschlugen. Die (ver)öffentlich(t)e Meinung befand, dass der Staatsgast seinen Gastgeber Bundeskanzler Schüssel brüskiert und Land und Leute seine Herablassung habe spüren lassen.

          Den vorlauten, mitunter ungehobelt, prahlerisch und/oder zackig daherkommenden Deutschen nennt der Österreicher umso eher einen „Piefke“, als Auftreten und Haltung auch noch durch jenes nicht nur auf Ösis eigentümlich wirkende Sprechmelos verstärkt werden, welches ihn dem Mittel- bis Norddeutschen zuweist, was süd(öst)lich des Mains kurzerhand für preußisch genommen wird.
          „Piefke“, so der Eintrag im Österreichischen Wörterbuch, wird „umgangssprachlich abwertend für Norddeutscher, Preuße“ gebraucht. Also ein gängiger Austriazismus, eine spöttische Bezeichnung für vormals „Reichsdeutsche“ und zuvor „Preußen“.

          Eine Insel der Seligen?

          In der Nachkriegsbelletristik ist der Gegensatz zwischen Österreichern und Deutschen kaum thematisiert, da die Alpenrepublik bis zum Staatsvertrag von 1955 nichts unversucht ließ, um sich vom Nationalsozialismus zu exkulpieren sowie vom geteilten Nachbarland zu distanzieren. Insofern hätte man damals verstärkt mit offenen oder versteckten Attacken auf „Piefke“ hätte rechnen müssen.

          Das gilt sogar noch für die Zeit danach, als Österreich, befreit von den alliierten Besatzungsmächten, sich anschickte, das politisch neutrale Weltkind in der Mitten zu geben sowie sich als „Insel-der-Seligen“ aufzuführen. Wolfgang Koeppen schrieb 1953 in seinem Roman „Das Treibhaus“: „Ein Zug von Piefkes bestieg den Obersalzberg und traf sich mit der Omnibusreisegesellschaft der Rheintöchter, und die Piefkes zeugten mit den Wagalaweiamädchen den Überpiefke.

          Vorurteile, Klischees, Animositäten

          1987 fragte in Wien das Magazin „Wochenpresse“: „Wer braucht die Piefkes?“ . Dies mag F. Mitterer zu seinem Stück „Die Piefke Saga“ angespornt haben, einer Satire über den Verkehr mit Fremden in Tirol. Nach wiederholter Ausstrahlung der Fernsehfassung in mehrteiliger Serie gerieten 1991 die Fremdenverkehrsmanager in Aufwallung: Das Stück habe eine Eintrübung des österreichischen Fremdenverkehrshimmels nach sich gezogen.
          Weil das Verhältnis zwischen Österreichern und Deutschen als „schwierig und hochkomplex“ gilt, versuchten 1996 die „5. Braunauer Zeitgeschichte-Tage“ auszuloten, warum das so sei. Während zwischen Braunauern und Simbachern die Chemie stimme, sich Oberösterreicher und Bayern somit gut verstünden, sei, wie Gabriele Holzer, österreichische Diplomatin, befand, „auf der Ebene der Deutschen und Österreicher die Beziehung von handfesten Vorurteilen, Klischees und Animositäten geprägt“, welche sich „einerseits im Begriff des unsympathisch tüchtigen und besserwisserischen ,Piefke' und andererseits im nicht ganz ernstzunehmenden ,Ösi‘“ widerspiegelten.

          Einverleibung oder Anerkennung?

          Solche Stereotype, so die Verfasserin von „Verfreundete Nachbarn“, seien „symptomatisch für wohlmeinende deutsche Herablassung und österreichischen Minderwertigkeitskomplex“ und „typischer Ausdruck unterschiedlicher Größe und Macht“. Emil Brix zufolge, der im Wiener Außenministerium für Kulturpolitik zuständig ist, „gebärdet sich unser großer Nachbar als Kulturimperialist“: Deutschland verleibe sich „bedeutende österreichische Kulturpersönlichkeiten von Freud über Handke bis Romy Schneider“ ein - was „logischerweise Verstimmung und Angst vor dem Verlust der Identität“ schaffe - und halte „unreflektiert an einem kultur- und sprachbestimmten Nationalbegriff fest“, mache folglich „aus allen deutsch sprechenden Völkern ein deutsches“.

          „Die Piefkes“ fräßen die Österreicher zwar kulturell nicht auf, es mangele den Deutschen aber an Sensibilität. Georg Lechner vom Goethe-Institut räumte zwar ein, dass da und dort Fehler passierten, befand aber: „Man könnte diese angebliche Einverleibung ja auch als Schmeichelei auffassen.“ Tatsache sei, dass viele österreichische Autoren in Deutschland so präsent seien, dass man ihre Herkunft zwangsläufig vergesse; dies sei aber „eher Ausdruck für Anerkennung und nicht für Herablassung oder gar Unterdrückung“.

          Österreich, Wirtschaftswunderland

          Es ist noch gar nicht lange her, dass man zwischen Bregenz und Eisenstadt sich an medialen Titelgeschichten der Art „Österreich, das bessere Deutschland“ berauschte. Wobei allerdings nicht auf die Urheberschaft der Phrase im Ständestaat des 1934 ermordeten Engelbert Dollfuß und seines bis zum „Anschluss“ regierenden Nachfolgers Kurt von Schuschnigg verwiesen wurde. Thematisch ging es seinerzeit - es war in der Endphase von Rot-Grün in Berlin - um die Attraktivität, welche die boomende österreichische Wirtschaft auf mehrere Zehntausend (vornehmlich Ost-)Deutsche ausübte, die in der Alpenrepublik Beschäftigung fanden.

          Erstmals konnte sich der unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Ösi dem Piefke überlegen fühlen, seit Amstetten ist's darum wieder geschehen. Vom eigentlichen Quell des „Piefke“ dürften indes die wenigsten Österreicher und Deutschen (noch) etwas wissen. Am wenigsten womöglich jene, die am Montag dem im Fußballstadion ausgetragenen Ersatzkrieg beiwohnen.

          Den „Piefke“ hat es fürwahr gegeben: Es war der preußische Militärmusiker Johann Gottfried Piefke, Kapellmeister und Komponist von 60 Märschen, darunter „Preußens Gloria“. Doch was macht ihn bis heute für Österreicher zum Synonym für den negativ besetzten Deutschen? Schon 1864, während des deutsch-dänischen Krieges, ließ Piefke bei Düppel von der Brustwehr herab mit einem Degen dirigierend zum Sturm blasen. Diese Mischkulanz aus Leichtsinn und Tapferkeit machte unter den verbündeten Österreichern die Runde, denen er zuvor als prahlerisch und lärmend auffällt.

          Piefke komponierte dann den „Königgrätzer“, den Triumphmarsch über die zwei Jahre später den Preußen unterlegenen Kakanier. Mehr noch: am 31. Juli 1866 fand vor König Wilhelm I. eine große Parade auf dem Marchfeld statt. Neben Johann Gottfried dirigiert auch dessen Bruder Rudolf Piefke (1835 bis 1900) ein Musikkorps. Kenner unter den vor die Tore der Haupt- und Residenzstadt geeilten Wienern riefen „Die Piefkes kommen!“ Der Ruf pflanzte sich fort, wurde zur Benennung der gut 50.000 paradierenden preußischen Soldaten, und später der „präpotenten“ Binnendeutschen in Österreich.

          Von Piefke ist überliefert, dass er in Wien auf die Frage nach seiner Anschrift geantwortet habe: „Mein Juter, schreib'n Se janz einfach ,Piefke, Europa‘. Det kommt an.“ Humor konnte man ihm nicht absprechen, unterlegte er den „“Königgrätzer Marsch“ selbstironisch den Vers: „Der Piefke lief, der Piefke lief, der Piefke lief die Stiefel schief!“

          Adolf Glaßbrenner dürfte die Piefke-Figur erstmals literarisiert haben. Der Demokrat Glaßbrenner (Pseudonym „Brennglas“), Begründer der humoristisch-satirischen Berliner Volksliteratur, Redakteur und Verleger (der „Berliner Montagszeitung“) und nach 1848 nach Hamburg ausgewiesen, verkörperte den pfiffigen, kantigen norddeutsch-preußischen Menschen. Der großdeutsch denkende österreichische Schriftsteller Robert Hamerling ließ in seinem 1872 erschienenen Lustspiel „Teut“ den Berliner „Pifke“ gegen den raunzenden Wiener „Weinbeißer Schwemminger“ auftreten. „Teut“ erinnert satirisch an den Krieg von 1866. Pifke ruft nämlich aus: „Norddeutsche Intellijenz gruppiere dir um Pifke. Auf zum Kampf jejen de Barbarei der jenseits des Mains jelejenen Landstriche!“ Zum Bruderkampf kommt es aber denn doch nicht, was Pifke gönnerisch so kommentiert: „Mir soll et recht sein, wenn keen Deutscher nich auf keenen Preußen schießt.“

          Die Wiener Zeitschrift „Floh“ verwandte den Namen seit 1878 zur Verspottung des Berliner Kleinbürgers, und in Karl Millöckers „Bettelstudent“ kommen burleske Figuren namens „Piffke“ und „Puffke“ vor. Johann Strauss (Vater) hinterließ eine „Piefke- und Puffke-Polka“, und 1910 komponierte Ralph Benatzky das Chanson „Piefke in Paris“, worin ein „Spießer aus Posemuckel“ beinahe in die Fänge der „Pariser Grisetten“ gerät; doch seine Frau, eine geborene Krause, gewöhnt ihn wieder an „teutsche Hausmannskost“.

          In Kurt Tucholskys „Spaziergängen eines Berliners“ (1919) heißt es: „Der Piefke protzt, die kleine Nutte prahlt / Ist auch - wer siehts? - der Unterrock zerfranst - Aujuste tanzt / Man tut wie lauter Jrafens und Barone. Der Saal erstrahlt in goldlackiertem Stuck / Die Preise für den Mosel sind nicht ohne - es lebe hoch der heilige Neppomuck!“ Im Berlin der Zwischenkriegszeit erfreuten sich „Die Hosen des Herrn Piefke“ von Franz Hillmann sowie „Piefke als Salon-Tiroler“ von Carl Siber (Musik: Max Werner) der Beliebtheit. Leopold Freiherr von Andrian-Werburg benutzte 1926 in einem Brief an Hugo von Hofmannsthal die „Pifkes“ als Synonym für die Preußen.

          Und Karl Kraus ließ in „Die letzten Tage der Menschheit“ einen Baron aus dem k. u. k.-Außenministerium zweimal die „Piffkes“ verlästern. Nach dem „Anschluss“ Österreichs nahm die Verwendung des Spottnamens „Piefke“ in Wien derart überhand, dass sie unter Strafandrohung gestellt wurde („siebzig Reichsmark“). In Salzburg wurde gar eine Kellnerin zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil sie gesagt haben soll, „Die Piefkes kommen herein und fressen die Gansln und Hendln auf und machen sich groß.“

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