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Präsidentschaftswahlen : Die Stunde des George W. Bush

  • -Aktualisiert am

Wird der Republikaner George W. Bush neuer Präsident der Vereinigten Staaten? Nach dem neuen amtlichen Endergebnis in Florida läuft alles auf den Gore-Herausforderer hinaus.

          George W. Bush trat vor die Kameras wie ein erschöpfter aber siegreicher Gladiator. 537 Stimmen Vorsprung in Florida bedeuteten nichts anderes als die Mehrheit im Wahlmännerkollegium der USA und damit den Sieg bei der Präsidentschaftswahl, rechnete der Republikaner nach Verkündung des neuen amtlichen Endergebnisses in Tallahassee vor.

          Es war, als böte Bush all seine Willenskraft auf, um die Öffentlichkeit zu beschwören, den Daumen zu heben und ihm das mächtigste Amt der Welt zuzuerkennen. Auch sein Gegner Al Gore weiß, dass in den USA letztlich die öffentliche Meinung die Rolle des Cäsars spielt - egal wieviele Gerichtsentscheidungen im Rennen ums Weiße Haus noch ausstehen. So sehr Gore auch versuchte, jedem Triumphgeheul der Republikaner schon im Vorfeld etwas entgegenzusetzen - die feierliche Zertifikation des Wahlergebnisses in Florida war die Stunde des George W. Bush. Nicht nur die Nachrichtenkanäle berichteten über den Vorsprung des Republikaners und seine Siegesrede. Auch die großen Senderketten mit den meisten Zuschauern schalteten sich zu, mal abgesehen vom NBC-Fernsehen, das den Spielfilm „Titanic“ zeigte.

          271 Wahlmänner für Bush

          Auf CBS wurde die Gesamtzahl der Wahlmänner für Bush auf 271 heraufgesetzt; 270 sind für den Sieg notwendig. Die neue Ziffer hatte hohen symbolischen Wert, hatte doch Gore bis Sonntag bei der Zählung des Wahlmännerkollegiums vorn gelegen. Noch vor knapp einer Woche war es der Vizepräsident gewesen, der sich nach dem für ihn günstigen Richterspruch von Florida als Staatsmann präsentieren und die Vorbereitung der Regierungsbildung ankündigen konnte. Doch Gores Hoffnung, durch die Handauszählung den Vorsprung des Republikaners in dem Bundesstaat aufzuholen, ging aufgrund der knappen Fristen nicht auf. Bush übertrumpfte ihn am Sonntagabend an Siegesgewissheit.

          Wichtigsten Regierungsposten vergeben

          Der texanische Gouverneur kürte Parteitagsorganisator und Ex-Verkehrsminister Andrew Card zu seinem Stabschef und vergab damit einen der mächtigsten Regierungsposten. Zudem verlangte er von Bill Clinton den Schlüssel für die Büroräume, in der gewählte Präsidenten ihre Regierungsarbeit vorbereiten. Rechtlich habe die Zertifikation zwar wenig Bedeutung, meinte der Politologe Tom Carsey von der Florida State University. „Aber das Bush-Lager versucht ganz offensichtlich, die politische Dynamik zu verändern.“ Der Republikaner hoffe, dass die öffentliche Meinung beschließt, dass die Wahlen vorüber sind. Gore stehe nun vor der Aufgabe, mit der Botschaft durchzudringen, dass noch alles offen sei.

          Verfassungsgericht verhandelt Freitag

          Der Schwachpunkt von Bushs Strategie liegt darin, dass er selbst das Verfahren vor dem US-Verfassungsgericht ins Rollen brachte, das erst am Freitag verhandelt wird. Damit hat er Gore nach Ansicht des Politologen Carsey unfreiwillig eine Gnadenfrist gewährt. Den Spruch der Obersten Richter sei die Öffentlichkeit noch bereit abzuwarten. Auch Gores eigenes Lager steht bisher geschlossen hinter ihm. Rechnerisch hat der Vizepräsident eine Chance, wenn bislang ausgemusterte Stimmzettel in den Bezirken Miami-Dade und Palm Beach doch noch gezählt oder dem Republikaner andere Stimmen aberkannt werden.

          Öffentlichkeit will Entscheidung

          Bleibt die Frage, wann die Amerikaner die Geduld verlieren könnten. Während die Parteigänger der beiden Kandidaten immer hysterischere Töne an den Tag legen, ist die politische Mitte bislang langmütig. Für welchen Gladiator sie letztlich der Daumen senkt, wagt niemand mehr vorauszusagen. Einerseits wünschten sich die Bürger die faire Berücksichtigung aller Stimmen, schrieb der Meinungsforscher Andrew Kohut am Wochenende in der „New York Times“. „Aber sie sind gewillt, ein weniger als perfektes Ergebnis zu akzeptieren - und das zeigt sowohl ihren Realismus über unsere Wahlverfahren als auch ihre mangelnde Leidenschaft für beide Kandidaten.“

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