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„Die Schaefflerin“ : All mein Sehnen

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Maria-Elisabeth Schaeffler: „Ich musste Härte lernen, auch wenn's weh tut” Bild: Jan Rieckhoff

Sie war „die Gattin“, sie war „die Witwe“, die das Werk ihres Mannes fortführte. Jetzt muss Maria-Elisabeth Schaeffler den Pelz gegen den roten Schal der Bettlerin tauschen. Der drohende Untergang ihres Unternehmens wird zum Sinnbild der Krise: eine Geschichte von Größenwahn und vom langen Verleugnen der Realitäten.

          Ein Film über die Witwe hätte vielleicht eine symbolische Eingangsszene: Herbst 2008, auf einem Kongress der Autoindustrie. Maria-Elisabeth Schaeffler greift mit demonstrativer Begeisterung zum Regler einer ausgestellten Carrera-Bahn und schickt das Spielzeugauto auf die Rennstrecke. Sie ist sich der Blicke der - ausnahmslos männlichen - Manager der Branche, die sie halb spöttisch, halb hingerissen begaffen, durchaus bewusst. Dass das Auto mehrfach aus der Kurve fliegt, lässt sie unbekümmert.

          Der Film könnte auch ahnungsvoll mit dem unfreiwilligen Kniefall vor der Kanzlerin beginnen: Juli 2007, im Fürther Stadttheater. Ludwig Erhard wird geehrt, auch von Dr. Angela Merkel. Maria-Elisabeth Schaeffler erblickt sie einige Stufen oberhalb, will auf die Kanzlerin zueilen, gerät dabei ins Stolpern, schlägt der Länge nach hin und fällt der Kanzlerin zu Füßen.

          Der Auftrag lautet ebenso Bewahren wie Erneuern und Fortführen

          Dann aber würde unweigerlich jene Szene folgen, die Frau Schaeffler mehrfach als eine Schlüsselszene ihres Lebens beschrieben hat. Sie spielt im Jahr 1996, „die Schaefflerin“, wie sie in Herzogenaurach genannt wird, trägt ihren Mann zu Grabe, jenen Georg Schaeffler, der gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm 1946 aus den herübergeretteten Resten ihres schlesischen Textil- und Rüstungsbetriebes die INA gründete. Bei Georgs Tod fünf Jahrzehnte später ist INA-Schaeffler ein führender Wälzlagerhersteller, aber immer noch ein überschaubares mittelständisches Unternehmen.

          Als bettelnde Milliardärin im Pelzmantel wird sie verhöhnt, gerade auch als Frau

          Maria-Elisabeth, die 33 Jahre lang nichts anderes gewesen ist als „die Ehefrau“, ist nun „die Witwe“. Die Witwe, das heißt: Die Erwartungen sind hoch, das Zutrauen gering. Das heißt, ständig beweisen zu müssen, dass man es auch kann, und der Auftrag lautet ebenso Bewahren wie Erneuern und Fortführen. Die Witwe zu sein, das heißt: dem Mann alles zu verdanken - und nun sein Lebenswerk fortzuführen. Sie sagt, ihr Mann habe ihr den Auftrag gegeben, das Unternehmen „in die Zukunft zu führen“, und sie nimmt diese Mission an, obwohl er erst kurz vor seinem Tod begonnen hat, sie in die Geschäftsführung einzuweisen. Warum sie, warum nicht den Sohn Georg, der achtzig Prozent der Firmenanteile hält? Der Generationenwechsel findet nicht statt. Und der Sohn zieht es vor, als Anwalt im fernen Texas zu leben.

          „Jetzt machen wir weiter, auch ohne meinen Mann

          Denn sie hat keinen anderen Auftrag als das Unternehmen, das der Lebensinhalt des Mannes war, wo er sieben Tage die Woche arbeitete und oft nicht einmal zum Essen nach Hause kam. Sie habe ihm dann, so erzählt sie selbst, das Essen ins Werk gebracht. „Jeder hat gesagt, ohne Georg Schaeffler kann es nicht weitergehen“, sagt sie. Bis heute bezeichnet sie es als ihre größte Tat als Unternehmerin, dass sie sich damals mit ihrem Sohn vor die Mitarbeiter stellte und sagte: „Jetzt machen wir weiter, auch ohne meinen Mann.“ Dass das geht, wollte sie „der Welt beweisen“. Wäre es ihr um Geld gegangen, sie hätte verkaufen können: „Wir waren eine geschmückte Braut, die man gerne gehabt hätte.“ Aber sie vertreibt die Freier.

          1996 also tritt Maria-Elisabeth Schaeffler in die Reihe der großen Witwen Deutschlands, in eine Reihe mit Friede Springer und Johanna Quandt. „Wie mit einer Schwester“ fühle sie sich „mit Friede“, soll Maria-Elisabeth Schaeffler einmal gesagt haben. Fast gleichaltrig sind die beiden, beide haben ihre weitaus älteren Ehemänner in den frühen sechziger Jahren kennengelernt, als sie selbst gerade Anfang zwanzig waren.

          Aber Maria-Elisabeth Schaeffler ist nicht die Sekretärin, nicht das Kindermädchen, das ein Jahrzehnt lang auf den Heiratsantrag warten muss, und auch nicht die fünfte Ehefrau. Als der 24 Jahre ältere Georg Schäffler sie auf einem Fest kennenlernt, studiert sie in Wien Medizin. Sie ist wohlbehütet aufgewachsen, streng katholisch erzogen. Ihren künftigen Gatten, der sich sofort in sie verliebt und um ihre Hand anhält, darf sie vor der Heirat noch zweimal sehen - in Anwesenheit der Eltern. Sie gibt das Studium auf und zieht mit ihm in die fränkische Provinz. Von da an ist die Firma auch ihr Leben. „Man kann spüren, dass das, was ihr Mann ihr mitgegeben hat, bis heute eine große Rolle spielt“, sagt eine der Teilnehmerinnen eines Treffens mit Vertretern der bayerischen SPD-Fraktion, zu dem sich Frau Schäffler vor gut einer Woche bereitfand. Es ist das Treffen, auf dem auch die Formulierung fällt: „So hat mein Mann mich erzogen.“

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